Zinslose Scharia-Banken als Alternative zum Kapitalismus
Von Willi Germund, Bangkok. Aktualisiert am 04.03.2009 11 Kommentare
Banken, die auf Grundlage der islamischen Rechtslehre Scharia operieren, verlangen keine Zinsen. Moslemische Staaten hoffen angesichts der weltweiten Finanzkrise, dass solche Banken in Zukunft an Bedeutung gewinnen werden.
Malaysias Premierminister Abdullah Badawi sprach zur Eröffnung des fünften Islamischen Weltwirtschaftsforums (Wief) in der indonesischen Hauptstadt Jakarta sicher nicht nur seinen islamischen Glaubensbrüdern aus der Seele, als er «zügellose Gier» für die schlimmste Weltwirtschaftskrise seit fast 100 Jahren verantwortlich machte. Indonesiens Präsident Susilo Bambang Yudhoyono nutzte das Forum, an dem rund 1500 Vertreter aus insgesamt 36 Ländern teilnahmen, für einen Aufruf: «Wir müssen uns als Missionare aufmachen, um die Welt von den Vorzügen des Scharia-Bankwesens zu überzeugen.»
Scharia für Banken – das mag im Westen vor allem denen wohltönend im Ohr klingen, die bei dem Stichwort erst einmal an Prügelstrafen für Missetäter denken. Aber die Teilnehmer des Forums hatten nicht Strafen für profithungrige Banken im Blick. Sie glauben vielmehr, eine solide und praktikable Alternative zu dem vom Westen dominierten und praktizierten Bankensystem gefunden zu haben, das die Welt ins wirtschaftliche Verderben stürzte.
Islamische Banken haben die Krise gut überstanden
Islamisches Bankwesen auf der Grundlage der Scharia verbietet Zinsen und ungedeckte Kredite. Geldgeber werden mit Einnahmen aus Investitionen bezahlt. Islamische Banken verdienen mit Gebühren, die an den klassischen biblischen Zehnten erinnern. Ausserdem schlagen sie einen grossen Bogen um zweifelhafte Geschäfte, die als «haram» gelten, als sündhaft. Islamische Banken würden zum Beispiel kein Geld für Alkoholfabriken bereitstellen.
Laut der US-Rating-Agentur Standard & Poor besitzen islamische Finanzinstitutionen weltweit gegenwärtig rund vier Billionen Dollar und verzeichneten in den Jahren 2006 und 2007 massive Zuwachsraten von 25 und 37 Prozent. Investitionen nach Scharia-Regeln gewannen jeweils zehn und 15 Prozent an Wert. Obwohl die Wirtschaftskrise einen Teil der islamischen Staaten am Persischen Golf mit voller Wucht traf, haben islamische Banken die Weltwirtschaftskrise insgesamt besser überstanden als ihre «kapitalistische Konkurrenz». Der Grund: Die Scharia verbietet Investitionen in riskante Subprime-Kredite und die Banken sitzen nun nicht auf wertlosem «giftigem Besitz».
Zehn Banken haben «Scharia-Schalter»
Allerdings stellt das islamische Bankwesen bislang nur einen winzigen Bruchteil der weltweiten Kapitalströme. Selbst in Indonesien, wo 220 Millionen Moslems leben und ein «Scharia-Bankgesetz» existiert, besitzen islamische Banken nur einen Marktanteil von ein bis zwei Prozent. Es gibt fünf islamische Banken. Zehn kommerzielle Banken haben sogenannte «Scharia-Schalter», bei denen Kunden nach islamischen Regeln Geldgeschäfte abwickeln können. Auch die in der Krise steckende, global operierende Grossbank HBSC besitzt einen sogenannten «Scharia-Zweig» namens Amanah.
Ihr Chef Mukhtar Hussain, der von der «künftig wichtigen Rolle des islamischen Bankwesens» überzeugt ist, wies in Jakarta beim Islamischen Weltwirtschaftsforum auf ein grosses Problem hin. Es sei bislang nicht genug entwickelt und der Umfang noch sehr klein. Tatsächlich haben verschiedene islamische Nationen bislang zudem unterschiedliche Regeln festgesetzt.
Doch das bremst den Optimismus in Indonesien nicht. An der Universität von Indonesien, die erst 2001 den Studiengang Islamisches Finanzwesen einrichtete, sind rund 300 Studenten eingeschrieben. Im Unterschied zu ihren Kommilitonen von den «korrupten Wirtschaftswissenschaften» – so ein Professor – kennen sie keine Arbeitsplatzsorgen. Die Privatuniversität Trisakti schätzt, es gebe einen Bedarf von rund 24'000 Universitätsabgängern. (Basler Zeitung)
Erstellt: 04.03.2009, 10:30 Uhr
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