Zeitungen sterben wie die Fliegen

Von Marc Brupbacher. Aktualisiert am 01.03.2009 57 Kommentare

Auf den Zeitungsmärkten findet ein Gemetzel statt: Dutzende Traditionsblätter kämpfen ums Überleben. Die Wirtschaftskrise hat viele schon weggefegt: In den USA sind bisher elf Zeitungen eingegangen.

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Mitarbeiter der «Rocky Mountain News» sind am Boden zerstört, als sie am Donnerstag, 26. Februar die Nachricht über das Ende ihrer Zeitung erhielten.
Bild: Keystone

   

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Video: «Rocky Mountain News»

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Trauriger Abschied von der «Rocky Mountain News»: Die letzten Wochen haben Mitarbeiter mit einer Kamera festgehalten.

Im April wäre die Tageszeitung «Rocky Mountain News» 150 Jahre alt geworden. Doch vorgestern Freitag ist die allerletzte Ausgabe des Blattes erschienen. Damit verliert der US-Staat Colorado seine älteste Zeitung und die Krise auf dem Zeitungsmarkt hat bislang ihr prominentestes Opfer gefordert.

Der Verlag E.W. Scripps hat wochenlang verzweifelt einen Käufer für die defizitäre Zeitung gesucht – ohne Erfolg. Jetzt verlieren 230 Personen ihren Job. Zuletzt betrug die Auflage der «Rocky Mountain News» immerhin noch 210'000 Exemplaren. Zum Vergleich: Der Tages-Anzeiger druckt täglich 213'700 Zeitungen. Die Redaktion verabschiedet sich mit einer bewegenden Mini-Dokumentation von seiner Leserschaft (Siehe Video).

In den USA wütet die grösste Printmedien-Krise aller Zeiten. Elf Zeitungen sind seit März 2007 vom Markt verschwunden. Neben der «Rocky Mountain News» sind das: «Baltimore Examiner», «Kentucky Post», «Cincinnati Post», «King County Journal», «Union City Register-Tribune», «Capital Times», «Halifax Daily News», «Albuquerque Tribune», «South Idaho Press», «San Juan Star».

Um Dutzende weitere steht es gar nicht gut. Vier grosse US-Verlage haben Insolvenz mit Gläubigerschutz angemeldet. Der spektakulärste Fall ist die Tribune Company, die unter anderem die «Chicago Tribune» und die «Los Angeles Times» herausgibt.

Wie letzte Woche bekannt wurde, droht auch dem «San Francisco Chronicle» des Hearst-Konzerns das Aus. Sollten Einschnitte wie ein Stellenabbau nicht reichen, soll die zwölftgrösste US-Zeitung verkauft oder eingestellt werden. Auch in Seattle sieht es zappenduster aus: Der «Post-Intelligencer» könnte schon bald das Zeitliche segnen.

Selbst die «New York Times» ist in Schwierigkeiten. Die «beste Zeitung der Welt» musste sich vom mexikanischen Telecom-Tycoon Carlos Slim Helu mit 250 Millionen Dollar helfen lassen. Doch die Zeitung benötigt noch viel mehr Geld.

Wird am Ende Microsoft-Chef Steve Ballmer doch Recht behalten? Er orakelte im August 2008 im Gespräch mit der «Washington Post», dass es schon in zehn Jahren keine Printmedien mehr geben werde.

Die Killer: Wirtschaftskrise und Internet-News

Ursachen für die Zeitungskrise ist die verheerende Wirtschaftslage und die damit verbundene Werbeflaute. Vor allem viele der Kleinanzeigen (Stellen- und Wohnungsbörse) werden inzwischen im Internet geschaltet. Zudem holen sich immer mehr Leser ihre News aus dem Web. Nur noch etwa ein Drittel der 18- bis 24-Jährigen Amerikaner greifen einmal in der Woche zur gedruckten Tageszeitung. Die Bereitschaft, für Informationen noch etwas zu bezahlen, sinkt stetig. In Europa tragen auch Gratiszeitungen zu dieser Entwicklung bei.

Neue Finanzierungsmodelle

Heute ist es noch nicht möglich, Qulitätsjournalismus über das Internet zu refinanzieren. Dafür wirft Werbung im Netz einfach zu wenig ab. Bis ein tragfähiges Geschäftsmodell für Journalismus im Netz gefunden ist, wird aufwändiger Journalismus auf eine Übergangslösung angewiesen sein.

Eine kleine finanzielle Abhilfe können gemeinnützige Organisationen bringen, die den Recherchejournalismus mit privaten Mitteln fördern.

Eine andere immer wieder diskutierte Idee ist das Modell der öffentlich-rechtlichen Presse nach dem Vorbild von SF, ARD oder der BBC.

Auch Quersubventionierungen durch erweiterte und gewinnbringende Geschäftsfelder sind eine Möglichkeit, um sich Luft zu verschaffen.

Verleger rufen nach dem Staat

Angesichts der dramatischen Lage schreien auch einige Zeitungsmacher nach dem Staat. Und sie werden gehört: So erwägt in den USA der Gouverneur von Pennsylvania die todkranken Blätter «Philadelphia Inquirer» und «Philadelphia Daily News» zu retten.

In Frankreich hat Präsident Nicolas Sakozy unlängst beschlossen, die Medien mit 600 Millionen Euro zu unterstützen. Der deutsche Philosoph Jürgen Habermas hat schon vor Jahren eine staatliche Unterstützung für Qualitätszeitungen gefordert.

Kritiker befürchten bei Staatseingriffen jedoch den Untergang der freien Presse. Auch der Chef des deutschen Axel-Springer-Verlags, Mathias Döpfner, hat sich gestern energisch gegen mögliche Staatshilfe für Not leidende Verlage ausgesprochen. «Das wäre ein rabenschwarzer Tag für die Pressefreiheit in diesem Land und ein wahrer Tabubruch», sagte Döpfner im Gespräch mit dem «Spiegel». «Selbst ein bankrottes Medienunternehmen ist besser als ein staatlich finanziertes und gelenktes.»

Printjournalisten sollen sich mit Bloggern versöhnen

Die Medienwissenschaftler Stephan Weichert und Leif Kramp empfehlen den Zeitungsmachern in einem aktuellen Beitrag in der Fachzeitschrift «Medienheft» vermehrt auf kluge Analysen und Hintergrundberichte, Interpretation und Meinung zu setzen.

Zudem sollen die Printjournalisten endlich das Kriegsbeil begraben und mit offenen Armen auf Blogger zugehen. «Zeitungsjournalisten werden nicht überleben, wenn sie in der aufstrebenden Bloggerkultur argwöhnisch einen Feind wähnen, der ihnen ans Leder will, sondern nur, wenn sie Blogger, Online-Kolumnisten und andere Internet-Solitäre mit offenen Armen empfangen, um gemeinsam mit ihnen gegen Korruption und Unrecht zu recherchieren», schreiben die Experten.

Und in der Schweiz?

Bis jetzt hat es die US-Zeitungsbranche klar am härtesten getroffen. Aber auch in der Schweiz macht die Konjunkturschwäche der Presse zu schaffen. So gibt es das Winterthurer «Stadtblatt» seit vergangenem Sommer nicht mehr. Die Westschweizer Tageszeitung «Le Matin» hat ihre Regionalbüros geschlossen. Auch das Traditionsblatt «Der Bund» steht nach fast 160 Jahren vor einer ungewissen Zukunft.

Die «Neue Zürcher Zeitung» baut 24 Stellen ab. Die «Basler Zeitung» reduziert ihre Redaktion um rund einen Fünftel. Auch die Aargauer Zeitung hat Stellen gestrichen. Beim Westschweizer Medienkonzern Edipresse sollen wegen einbrechender Werbeerträge insgesamt 50 Stellen abgebaut werden.

Doch Panik wäre in der Schweiz sicher fehl am Platz. Das zeigt auch ein Blick auf die Entwicklung der Gesamtauflage aller Zeitungstitel im Land: 1995 betrug sie 4'26 Millionen Exemplare bei 257 Zeitungstitel, heute sind es noch gut 3,83 Millionen bei nur 203 Titel. Das bedeutet in 14 Jahren einen Rückgang von gut zehn Prozent. Das ist zwar viel, aber nicht dramatisch.

Anzeigeneinbruch beim «Spiegel»

In Deutschland laufen die Geschäfte der meisten Verlage miserabel. Die Krise trifft auch die Nachrichtenmagazine mit voller Wucht. Das bekommen «Spiegel» und «Focus» zu spüren. Wie der Branchendienst Meedia schreibt, beziffern Insider die Anzeigenrückgänge gegenüber dem Vorjahr auf minus 40 bis minus 50 Prozent.

Spiegel-Geschäftsführer Ove Saffe sagt: «Es wird viel schlimmer werden, als wir es uns bisher vorstellen können.» (Bernerzeitung.ch/Newsnet)

Erstellt: 01.03.2009, 13:58 Uhr

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57 Kommentare

Ulrich Knobel

01.03.2009, 10:50 Uhr
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Ich freue mich schon darauf, wenn der manipulierte, verlogene Tages-Anzeiger seinen Geist aufgibt Antworten


Dieter Kaiser

01.03.2009, 10:57 Uhr
Melden

Die Finanz- und Wirtschaftskrise, und allen voran die Kreditkrise, wird weltweit noch Firmen aller Branchen in einer Anzahl dahinraffen, wie wir es noch kaum je gesehen haben. Was wir jetzt beobachten, ist bloss der Anfang. Das Leben auf Pump ist ebenso vorbei wie der Kommunismus! Antworten



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