«Wir investieren eine halbe Million Franken»

Schweiz Tourismus will die verpatzte Skisaison mit einer Zusatzkampagne retten. Direktor Jürg Schmid sagt, wo das Geld dafür herkommt und für welche Gebiete es trotzdem schwierig wird.

«Ich sehe vor allem die mittelgrossen Skigebiete in Gefahr»: Jürg Schmid, Direktor von Schweiz Tourismus.

«Ich sehe vor allem die mittelgrossen Skigebiete in Gefahr»: Jürg Schmid, Direktor von Schweiz Tourismus. Bild: Keystone

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Die erste Hälfte der Skisaison ist total missglückt, viele Gebiete konnten über Weihnachten – der wichtigsten Zeit des Jahres – gar nicht öffnen. Wie viele stehen nun vor dem Aus?
Überleben werden wohl die meisten, wenn nicht sogar alle. Aber die Lage ist ernst, schwierig und ungemütlich geworden. Wir erleben gerade zwei erschwerende Faktoren, die Währung und das Wetter, das ist einer zu viel. Viele Hotels nehmen nicht mehr genug Geld ein, um investieren zu können und erneuerungsfähig zu bleiben. Das ist besorgniserregend. Auch darum haben wir nun eine Zusatzkampagne lanciert, um die Schweizer zu motivieren, im März noch Skiferien zu machen.

Die Aktion #abindieBerge läuft seit heute. Kann sie die Skisaison überhaupt noch retten?
Es ist eine Schadensbegrenzung. Retten können wir die Saison nicht mehr, die Gesamtbilanz wird negativ bleiben. Aber die Chancen stehen gut, noch etwas herauszuholen: Ostern ist dieses Jahr früh, es wird noch genug Schnee liegen. Der Saisonstart und auch die -mitte sind missglückt, aber wir wollen jetzt noch einen guten Schlussspurt hinlegen.

Wie viel Geld geben Sie dafür aus?
Das ist ein sehr überschaubarer Zusatzposten. Wir werden zusammen mit der Branche noch rund eine halbe Million Franken investieren – so viel, wie wir kurzfristig einsammeln konnten. Natürlich müsste man mehr machen, aber wir müssen auch den nächsten Sommer bewerben, die Fernmärkte ausbauen … dafür steht uns unter dem Strich nicht mehr Geld zur Verfügung, sondern leicht weniger.

Auch wenn diese Kampagne noch etwas bringt: Der späte Wintereinbruch, der starke Franken, immer weniger Skifahrer – das können doch nicht alle Gebiete überleben.
Es gibt nicht weniger Skifahrer. Laut einer Studie des Bundesamtes für Sport gibt es sogar mehr Schneesporttreibende, sie machen es einfach weniger häufig. Das heisst für uns: Die Basis ist da. Aber die Alternativen, gerade im städtischen Umfeld, sind zahlreicher geworden. Trotzdem ist der Schneetourismus kein Auslaufmodell. Ich gebe ihm langfristig eine gute Chance. Wir müssen uns aber auch im Klaren darüber sein, dass wir die Skitage nicht mehr wuchtig steigern können und Auslastungen wie in den 60er-, 70er-Jahren nie mehr erreichen werden.

Laut einer Studie haben Bergbahnen in den letzten acht Jahren 2,4 Milliarden Franken in ihre Anlagen gesteckt. Das wird sich doch niemals lohnen.
Es ist ohne Zweifel viel investiert worden, das stimmt. Und man darf und muss die Frage stellen, ob sich das rechnen wird. Wir müssen uns aber auch die Rolle der Bergbahnen vor Augen führen. Sie sind keine isolierten Unternehmen, sondern überlebenswichtig für ganze Dörfer. Die Bergbahnen müssen à jour bleiben, sie müssen über gute Anlagen verfügen, und in den letzten Jahren mussten sie immer mehr in die Beschneiung investieren – und zwar nicht, weil sie das selber so wollten. Die Konsumenten sind knallhart: Wenn die Talabfahrt nicht stimmt, kommen sie nicht mehr. Ob sich diese hohen Investitionen in allen Fällen auszahlen, ist in der Tat fraglich. Und dennoch: Weil die Bergbahnen zentrale Treiber für ganze Täler sind, waren viele dieser Investitionen unerlässlich. Sonst würde der Tourismus als unersetzbarer Arbeitgeber in den Berggebieten in Schwierigkeiten geraten.

Wenn Skigebiete schliessen, kommen ganze Regionen in Bedrängnis, inklusive Hotels und Restaurants. Sie werden also kaum aufgeben, wenn es nicht unbedingt nötig ist. Kommt es nun zu einem harten Verdrängungskampf?
Dieser Verdrängungskampf ist bereits Realität. Die Skitage im gesamten alpinen Raum entwickeln sich rückläufig, und die grossen Skigebiete haben hier bessere Karten. Ich sehe vor allem die mittelgrossen Skigebiete in Gefahr. Die Kleinen profitieren, weil sie authentisch sind, überschaubar, herzig. Die Grossen haben eine attraktive Skiarena, mit allem, was die Gäste brauchen, Ausgehmöglichkeiten, Shopping, gute Hotels und so weiter. Es sind die mittelgrossen Destinationen, auf die in diesem Verdrängungskampf meiner Meinung nach die grössten Herausforderungen zukommen.

In Österreich setzen Skigebiete immer stärker auf andere Sportarten wie Eisklettern oder Wandern. Sind Schweizer Skigebiete zu wenig kreativ?
Da muss ich widersprechen: Die Schweiz war das erste Land im alpinen Raum, das hier vorangegangen ist. Der grösste Wachstumstrend im Winter ist – auch wenn es unsexy klingt – das Winterwandern. Wir waren das erste Land mit einem breiten, ausgebauten Winterwanderweg-Netz. Das Eisklettern zum Beispiel ist eine absolute Randsportart, damit bringt man keine grösseren Gästevolumen in ein Dorf. Mehr Potenzial haben feinere, körperbetonte Sportarten wie das Langlaufen, das immer stärker aufholt. Aber das grosse Volumen liegt weiterhin im klassischen Skifahren, auch wenn es keine starken Frequenzsteigerungen mehr geben wird. Diesen Winter dürfen wir zudem nicht als repräsentativ anschauen, wegen der ausserordentlichen Wettereffekte im ganzen Alpenraum. Nächstes Jahr werden wir bei den Skitagen wieder einen Anstieg sehen.

Schweizer Skigebiete versuchen schon seit einiger Zeit, Chinesen auf den Berg zu locken – obwohl diese Gäste meistens nur einige wenige Tage bleiben und die wegfallenden Touristen aus Europa nicht kompensieren können. Wird sich das jemals ändern?
Da stecken wir schon mitten im Umbruch. In China wird Skifahren zu einem riesigen Thema. Rund um die Grossstädte entstehen Schneehallen, 2022 stehen die Olympischen Winterspiele in Peking an. Die asiatischen Gäste bewegen sich allerdings anders im Schnee. Sie kommen nicht an einen einzigen Ort, um tagelang Ski zu fahren. Sondern sie touren, wollen an drei Orte in fünf Tagen gehen, wollen verschiedene Destinationen kombinieren.

All Ihren Anstrengungen zum Trotz und auch wenn die Asiaten schliesslich kommen: Skifahren ist sehr teuer, deshalb gehen die Menschen auch nicht mehr wochenlang in die Skiferien. Was tun Sie dagegen?
Ja, das stimmt, Skifahren ist ein teurer Sport – und zwar seit es ihn gibt. Das ist nichts Neues. Er ist ausrüstungsintensiv und bedingt den Eintritt zum Berg. Das Skifahren an sich ist allerdings nicht teurer geworden, sondern die Alternativen günstiger. Die Gäste können heute viel billiger im Winter an Badeorte fliegen und dort ihre Ferien verbringen. Solange wir nicht eine grundlegende Kosten- und Lohnsenkung in diesem Land erleben – was niemand wollen kann –, ist es auch nicht möglich, die Kosten fürs Skifahren zu senken. Der Schweizer Winter ist ja alles andere als hochprofitabel. Die Branche muss schauen, dass sie über die Runden kommt, Hotels wie Bergbahnen. Weil die Marge jetzt schon tief ist, kann sie kaum weiter gesenkt werden. Wir müssen mit dem Preisniveau also leben. (Bernerzeitung.ch/Newsnet)

(Erstellt: 23.02.2016, 19:40 Uhr)

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Zahl der Gäste aus Europa auf Rekordtief

Die Schweizer Hoteliers haben vergangenes Jahr 0,8 Prozent weniger Gäste willkommen geheissen. Grund war die Frankenstärke. Die Zahl der Gäste aus Europa war so tief wie seit 1958 nicht mehr.

Insgesamt zählten die Hotels 35,6 Millionen Logiernächte, wie das Bundesamt für Statistik (BFS) mitteilte. Auf die ausländischen Gäste entfielen dabei 19,6 Millionen Übernachtungen, ein Minus von 1,7 Prozent. Demgegenüber steht die Treue der Schweizerinnen und Schweizer zum Heimatland. Die Logiernächte der Einheimischen stiegen leicht um 0,2 Prozent auf 16,1 Millionen.

Besonders deutlich gab die Nachfrage aus Europa nach. Die Zahl der Übernachtungen sank um 9,3 Prozent. Das BFS führt das klar auf die Auswirkungen der Aufhebung des Euro-Mindestkurses Mitte Januar 2015 zurück.

Asiaten retten die Bilanz

Europa generierte noch 11,8 Millionen Übernachtungen, so wenig wie seit 1958 nicht mehr. Die deutlichste Abnahme verbuchte dabei Deutschland mit 541'000 Logiernächten oder 12,3 Prozent. Deutlich zurück ging auch die Nachfrage aus den Niederlanden (–14,4%), Frankreich (–6,2%), Italien (–7,6%) und Belgien (–9,5%).

Auch Russland wies wegen der Ukraine-Krise und der trüben Wirtschaftslage ein deutliches Minus von 30,7 Prozent aus. Aus dem Vereinigten Königreich ging die Nachfrage um 1,6 Prozent zurück.

Dass die Bilanz nicht allzu trübe ausfällt, ist den Gästen aus Asien zu verdanken. Ihre Zahl steigt bereits seit 2009 stark an. Mit einem Zuwachs um 18,6 Prozent erreichten die Logiernächte von Asiatinnen und Asiaten 2015 einen neuen Höchststand und überschritten erstmals die Schwelle von 4 Millionen. (sda)

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