«Wir haben Kriegsfinanzen, aber noch keinen Krieg»

Die schlimmste Wirtschaftkrise seit dem Zweiten Weltkrieg erfordert drastische Massnahmen des Staates. Der Wirtschaftshistoriker Niall Ferguson vergleicht die Lage mit der Situation von 1914 und 1939.

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Die Situation der Weltwirtschaft wird praktisch jeden Tag dramatischer. Der Direktor des Internationalen Währungsfonds (IWF), Dominique Strauss-Kahn, spricht davon, dass die «bereits düsteren Prognosen noch düsterer werden» und fordert die Staaten auf, rund zwei Prozent des Bruttoinlandprodukts für die Ankurbelung der Konjunktur zu verwenden. Nach diesem Kriterium müsste die Schweiz demnach statt den angekündigten 600 Millionen rund 10 Milliarden Franken für ein solches Paket zur Verfügung stellen. Der angehende US-Präsident Barack Obama geht mit gutem Beispiel voran: Er hat das Ziel seiner Förderungsmassnahmen nochmals erhöht und will jetzt drei Millionen neue Jobs schaffen und dafür mindestens 800 Milliarden Dollar investieren.

Bereits jetzt sind die Schäden der Weltwirtschaftskrise gigantisch. Die Schätzungen der vernichteten Vermögenswerte reichen von 2800 Milliarden Dollar bis zu 6000 Milliarden. Die US-Wirtschaft ist um 5 Prozent geschrumpft. An den Aktienbörsen sind die Kurse rund um den Globus durchschnittlich beinahe um die Hälfte eingebrochen. Die Autoindustrie liegt am Boden und für die Schwellenländer wie Brasilien, Russland, Indien und China gilt einmal mehr der zynische Spruch: Sie sind die Länder der Zukunft – und werden es immer bleiben.

Staat muss handeln. Aber wie?

Dass der Staat handeln muss, ist mittlerweile mehr oder weniger unbestritten. Aber wie? Grundsätzlich gibt es zwei Arten von Ankurbelungsprogrammen, ein monetaristisches und ein keynesianisches. Für den Begründer des Monetarismus, Milton Friedman, sind Depressionen eine Folge eines Fehlverhaltens der Notenbanken. In den 30er-Jahren hat das US-Fed viel zu wenig Geld in die kollabierenden Finanzmärkte gepumpt. Diesen Vorwurf kann man Ben Bernanke, dem aktuellen Fed-Präsidenten weiss Gott nicht machen. Er hat die Leitzinsen gegen Null gesenkt und mit einem Eigenkapital von rund 40 Milliarden Dollar Schuldverpflichtungen und der Höhe von über 2000 Milliarden Dollar übernommen. Kritiker spotten deshalb, die US-Notenbank sei zum grössten Hedge-Funds der Welt geworden mit einem Leverage (Eigenmittel im Verhältnis zu Verpflichtungen) von 1:50.

Die Keynesianer bekämpfen die Krise, indem sie ohne Rücksicht auf Schulden in staatlich finanzierte Programme investieren. Sie wollen damit einerseits direkt Arbeitsplätze schaffen, aber auch indirekt über einen so genannten Multiplikatoreffekt: Wer Arbeit hat, konsumiert und schafft damit wieder Arbeit, etc. Barack Obama hat damit das grösste keynesianische Programm seit dem Zweiten Weltkrieg angekündigt. Er will Strassen und Brücken erneuern, den öffentlichen Verkehr ausbauen und neue Schulen errichten.

Waffenstillstand zwischen Monetaristen und Keynesianer

Normalerweise sind sich Monetaristen und Keynesianer spinnefeind. Derzeit ist die wirtschaftliche Situation derart alarmierend, dass die Feindschaft der beiden Lager zumindest einen Waffenstillstand beschlossen haben. Sie empfehlen den Regierungen, beide Massnahmen gleichzeitig zu ergreifen. Das ist auch gut so, denn der Wirtschaftshistoriker Niall Ferguson vergleicht die Lage mit der Situation von 1914 und 1939. «Wir haben Kriegsfinanzen ohne einen Krieg zu haben», stellt er in der «Financial Times» fest.

Was bedeutet dies konkret? Die monetaristischen Massnahmen haben den Vorteil, dass sie rasch wirken. Sie sind gewissermassen die Notmassnahmen bei einem drohenden Kollaps der Wirtschaft. Diese Nothilfe wird manchmal mit dem Argument verweigert, das Geld aus diesen kurzfristigen Massnahmen – Steuererleichterungen, Zuschüsse für Krankenkassenbeiträge, Konsumchecks, etc. – würde sofort «verpuffen». Ein unsinniges Argument, denn das Geld wird ja nicht verbrannt, sondern fliesst in den volkswirtschaftlichen Kreislauf zurück. Ebenso sollte sich gerade die Schweiz nicht darüber aufhalten, ob diese Geschenke für in China gefertigte Unterhaltungselektronik verwendet wird oder für Ferien in Graubünden. Gerade das Exportland Schweiz ist schliesslich darauf angewiesen, dass Deutsche, Amerikaner und Asiaten ihr Geld zu uns tragen.

Nächster Boom wird auf sich warten lassen

Gegen keynesianisch inspirierte Investitionsprogramme wird ins Feld geführt, wie würden viel zu lange dauern und erst dann wirken, wenn der Patient schon geheilt oder tot sei. In der aktuellen Situation ist auch dieses Argument wenig überzeugend. Angesichts der geschilderten Schäden wird der nächste Boom der Weltwirtschaft auf sich warten lassen. Die Angst, dass keynesianische Ankurbelung prozyklisch wirkt und in ein paar Jahren eine überhitzte Wirtschaft noch mehr anheizt, ist deshalb deplatziert.

Das letzte grosse Ankurbelungsprogramm im Sinne von Keynes war der New Deal in der 30er-Jahren. Der Durchbruch zum Erfolg erfolgte aber erst mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges. Er hat die Staaten veranlasst, ohne Rücksicht auf Schulden in Waffen und in die Armee zu investieren. Diese Option haben wir nicht mehr, einen Dritten Weltkrieg würde die Menschheit wahrscheinlich nicht überleben. Heute kann es nicht mehr gehen, mit einem Kriegs-Keynesianismus die Wirtschaft zu retten. Wir müssen umgekehrt mit sinnvollen Massnahmen einen Krieg um jeden Preis verhindern. (Bernerzeitung.ch/Newsnet)

(Erstellt: 22.12.2008, 12:50 Uhr)

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