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«Wir haben Feintool aus Fritz Böschs Umklammerung befreit»

Von Stefan Schnyder, Philippe Müller. Aktualisiert am 11.07.2011 1 Kommentar

Vollblutunternehmer und Frühaufsteher Michael Pieper ist als Grossaktionär der neue starke Mann beim Lysser Automobilzulieferer Feintool. Über den Machtkampf mit Feintool-Gründer Fritz Bösch sagt Pieper: «Es gab nur zwei Möglichkeiten: Er oder wir.»

Trotz seiner 65 Jahre wirkt der Industrielle Michael Pieper noch höchst vital und fokussiert.

Trotz seiner 65 Jahre wirkt der Industrielle Michael Pieper noch höchst vital und fokussiert.
Bild: Enrique Muñoz Garcia

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Herr Pieper, wann haben Sie das letzte Mal mit Herrn Bösch gesprochen?
Michael Pieper: Das weiss ich wirklich nicht genau, aber es war wohl etwa vor einem Jahr, als wir einen gewissen Konflikt hatten.

Worum ging es dabei?
Meine Beteiligungsgesellschaft Franke Artemis Holding war bei Feintool (FTON 308.25 0.00%) in Lyss seit längerem investiert und hielt rund 27 Prozent der Aktien. Dann stellten wir fest, dass die Firma stagnierte, zu wenig Geld verdiente und es viel zu viele Wechsel im Management gab. Zudem fehlte ein klarer Fokus. Eskaliert ist es dann wegen des unprofitablen USA-Geschäfts von Feintool.

Was werfen Sie Fritz Bösch diesbezüglich vor?
Ich hätte damals den US-Geschäftsführer schon längst vor die Tür gestellt und radikal durchgegriffen. Fritz Bösch hat mir dann unterstellt, ich verstünde das nicht. Ich habe geantwortet, ich verstünde das sehr gut, Geld zu verlieren sei eine unethische Sache. So gefährde man eine ganze Unternehmung. So ergab das eine das andere, und der Streit eskalierte.

Dann war Fritz Bösch zu geduldig, zu weich?
Es war ein Freund von ihm, der unfähig war, das US-Geschäft zu führen. Das hat die Sache möglicherweise kompliziert gemacht. Das neue Management um Firmenchef Heinz Loosli und Verwaltungsratspräsident Alexander von Witzleben hat dort nun aufgeräumt und Leute aus Lyss in die USA geschickt. Jetzt kommt es gut.

Hat Fritz Bösch den Absprung verpasst?
Ich glaube, das war das Hauptproblem. Er konnte am Schluss einfach nicht loslassen, und das ist schade. Denn eigentlich ist er ein Supertyp. Er hat Feintool zu einem Weltmarktführer aufgebaut und es dann verpasst, das Ganze einem fähigen Manager zu übergeben. Deshalb musste es so weit kommen. Es gab nur zwei Möglichkeiten: entweder er oder wir.

Fritz Bösch fühlte sich durch Ihr Übernahmeangebot überrumpelt. Er sagte, Sie hätten damals bei Ihrem Einstieg explizit erwähnt, bei Feintool keine Mehrheit anzustreben, sondern Minderheitsaktionär zu bleiben.
Wir haben immer sehr klar gesagt, dass wir als starker Aktionär in die Firma reinkommen. So, wie wir es bei unseren Investments immer machen. Wir wollten die Firma nicht führen, sondern Ratschläge geben. Dann haben wir aber gesehen, dass es schlicht um die Rettung der Firma geht. Deshalb haben wir einen Rettungsring um Feintool gelegt und ein Kaufangebot lanciert. Heute sind wir mit 81,2 Prozent an Feintool beteiligt. Das haben wir vorher noch nie gemacht. Wären wir während der Finanzkrise nicht Feintool-Aktionäre gewesen und hätten wir den Banken damals keine mündlichen Zusicherungen gemacht, wäre es um Feintool noch schlimmer gestanden.

Ist das Geschirr zwischen Ihnen und Fritz Bösch definitiv zerschlagen?
Ich habe jedenfalls keinen Grund, nochmals darauf zurückzukommen und wieder Freundschaft zu schliessen. Ich sage es nochmals: Wir haben das gemacht, was für die Firma am besten war, und wir haben Feintool von Fritz Böschs Umklammerung befreit.

Wie soll es bei Feintool nun weitergehen?
Feintool ist ein starkes Unternehmen mit einer guten Führung. Das Management muss Feintool nun stark auf das Kerngeschäft fokussieren und dieses weiter ausbauen. Wenn die Unternehmensspitze eine grössere Akquisition tätigen möchte, dann sind wir gerne bereit, mitzuhelfen. Wir lassen den Unternehmen, an denen wir beteiligt sind, ziemlich grosse Freiheiten. Aber es muss korrekt, schnell und präzise gearbeitet werden.

Die Arbeiter in Lyss befürchten, dass Feintool die Arbeitsplätze ins deutsche Werk in Jena verlegt. Was sagen Sie dazu?
Auch bei meinem Küchenbauunternehmen Franke gab es immer wieder Stimmen, die prognostizierten, dass wir Arbeitsplätze ins Ausland verlegen würden. Doch wir haben im Gegenteil hier viele Stellen geschaffen und viel investiert. Wir haben hier in Aarburg sehr viele hoch qualifizierte Mitarbeiter. Das Gleiche gilt auch für Lyss. Der Standort Schweiz ist durchaus konkurrenzfähig, wenn man innovative Hightech-Produkte herstellt.

Das Wirtschaftsmagazin Bilanz schätzt Ihr Vermögen auf 2 bis 3 Milliarden Franken. Doch auf der anderen Seite ist Ihre Sparsamkeit legendär. Wie hoch ist der Kilometerstand Ihres Wagens?
Es sind rund 200'000 Kilometer. Es handelt sich um einen Vorführwagen von BMW. Ich schaue im Übrigen auch genau hin, wenn der Chef eines Zulieferers von uns ein grosses Auto fährt. Es gab einen Lieferanten, der vor zwanzig Jahren mit dem Opel vorfuhr. Später dann mit einem Chevrolet, dann mit einem Mercedes 220. Als er dann im vergangenen Jahr mit einem Mercedes 600 und Chauffeur vorfuhr, sagte ich ihm: Jetzt ist es nicht mehr gut.

Dann haben Sie ihm den Lieferpreis gedrückt?
Nein, aber ich finde das schlecht.

Sie beobachten kleine Dinge genau?
Sehr. Ich schaue auch sehr genau, welche Uhr beispielsweise ein Bewerber trägt.

Protzigkeit mögen Sie gar nicht?
Nein, das ist aufgrund meiner Erziehung so.

Sie sind – auch von Ihrem Arbeitsethos her – puritanisch geprägt.
Ja. Ordnung, Disziplin, Pünktlichkeit, Sauberkeit sind Werte, die für mich wichtig sind.

Und auch Bescheidenheit?
Ja, auch. Nur manchmal spreche ich zu viel.

Was bedeutet Ihnen Reichtum?
Für mich gibt es Reichtum im Wissen. Es ist wichtig, dass eine Firma erfolgreich ist, Marktanteile gewinnt und in Innovationen investiert. Doch ich horte nicht Hunderte von Millionen, gehe nach Saint Tropez und fahre einen Rolls Royce.

Sie sind 65 Jahre alt und Milliardär, stehen aber immer noch vor vier Uhr morgens auf. Warum?
Entweder ist man innerlich so geschaltet oder nicht. Auch mein Vater ist immer sehr früh aufgestanden, und ich habe es so gelernt. Kürzlich bin ich erst um acht Uhr von meinem Wohnort Hergiswil weggefahren. Ich brauchte genau doppelt so lange, wie wenn ich normalerweise gegen vier Uhr wegfahre.

Es heisst, dass Sie gelegentlich auch sehr direkt zu den Mitarbeitern sind?
Das ist gut so.

Sind Sie auch zwischendurch verletzend?
Nein, ich empfinde es zumindest nicht so. Die Mitarbeiter sind auch zu mir sehr offen.

Die Schweizer Industrieunternehmen leiden derzeit stark unter dem schwachen Euro. Wie wirkt sich dieser für Franke aus?
Unsere Werke in der Schweiz exportieren Waren im Wert von 150 Millionen Franken. Da spüren wir den starken Franken massiv. Die Margen verkleinern sich entsprechend. Kommt hinzu, dass die Umsätze unserer Tochterfirmen im Ausland in Schweizer Franken gerechnet schrumpfen. Der Umsatz unserer US-Tochterfirma hat sich in den letzten Jahren in Schweizer Franken praktisch halbiert.

Was tun Sie nun in dieser Situation?
Wir haben bereits vor zwei Jahren damit begonnen, auch mit Schweizer Firmen Preise in Euro zu vereinbaren. Zudem haben wir eine Liste unserer grössten Lieferanten erstellt. Mit denjenigen, die uns nach wie vor in Schweizer Franken Rechnung stellen, werden wir bald Gespräche führen.

Diese werden Zugeständnisse machen müssen?
Ja klar. Es kann doch nicht sein, dass Lieferanten, die beispielsweise ihre Produkte aus dem EU-Raum importieren, von der Währungssituation profitieren und wir darunter leiden. Ein Beispiel: Die Autoimporteure haben ihre Preise nicht gesenkt. Wir haben nun begonnen, unsere Firmenautos in Süddeutschland einzukaufen.

Sie sind Besitzer des Aargauer Küchenbauunternehmens Franke und haben dort den Umsatz in den letzten Jahren sehr stark gesteigert. Was ist Ihr Erfolgsrezept?
Fokus. Als ich bei Franke begonnen habe, war unser Sortiment sehr breit. Da musste ich bittere Erfahrungen machen. Dann haben wir entschieden, unser Tätigkeitsfeld zu halbieren, gleichzeitig aber die verbliebenen Aktivitäten zu vervierfachen, indem wir in diesen Geschäftsfeldern weltweit tätig geworden sind. Zwei weitere wichtige Punkte sind die sogenannte «Time to market», also die Zeitspanne, die vom Beginn der Produktentwicklung bis zum Markteintritt vergeht. Nicht zuletzt braucht es gute Mitarbeiter, um erfolgreich zu sein. Ich erachte einen hohen Eigenfinanzierungsgrad und hohe Liquidität als wichtig. So ist man in Krisensituationen nicht gezwungen, unangenehme Gespräche mit Banken zu führen.

Stört es Sie, dass die Marke Franke im Volksmund kaum ein Begriff ist?
Die Marke Franke ist sehr bekannt bei unseren Händlern. Dass sie beim Endverbraucher noch zu wenig bekannt ist, wollen wir nun mit unserer neuen Markenbotschafterin Heidi Klum ändern. Der Endabnehmer soll künftig mit dem bewussten Wunsch in ein Küchengeschäft gehen, einen Franke-Spültisch zu kaufen.

Haben Sie Heidi Klum schon getroffen?
Nein, dieses Vergnügen hatte ich noch nicht.

Was lassen Sie sich die Werbeverträge mit Frau Klum kosten?
Ich vermute, dass es teuer ist. Aber meine Leute haben mir vorgerechnet, das sei hoch rentabel, weil die Umsätze dadurch massiv steigen werden (schmunzelt).

Haben Sie trotz der vielen Arbeitgenug Zeit für Ihre Familie?
Meine Familie ist froh, wenn ich nicht viel da bin (schmunzelt). Meine Frau stammt selber aus einer Unternehmerfamilie, sie ist sich das gewohnt. Wir sehen uns genug.

Wann sind Sie abends zu Hause?
Je nachdem. Früher war ich frühmorgens in der Firma und blieb bis abends spät. Das ist heute nicht mehr so. Oft bin ich früh zu Hause.

Was heisst das?
Manchmal um sechs Uhr, manchmal schon um vier oder fünf. Meistens habe ich während der 30 Minuten Heimfahrt noch eine Telefonkonferenz.

Sie sind mit 65 Jahren noch voll in der Wirtschaftswelt. Haben Sie keine Angst davor, dass Sie dereinst nicht loslassen können?
Wir sind bereits voll damit beschäftigt, die Zukunft zu planen. Früher hatten wir bei Franke fünf Divisionen. Alle hatten direkt an mich rapportiert, heute sind es noch zwei. Wir haben neue Führungskräfte eingestellt, zudem bin ich aus mehreren Verwaltungsräten ausgetreten. Ich habe also bereits viel weniger zu tun als früher.

Wann übergeben Sie das Zepter?
Das Zepter werde ich nicht vollständig übergeben. Aber aus der operativen Tätigkeit bin ich schon ziemlich stark draussen.

Sie sehen sich mit 70 Jahren aber wohl eher nicht im Liegestuhl auf der Veranda sitzen.
Dann wäre ich am nächsten Tag tot (lacht). Ich werde immer auf die eine oder andere Weise arbeiten, aber halt auf eine etwas intelligentere Art. Das Schlimmste wäre es für mich, vom einen auf den anderen Tag in Pension zu gehen, da würde ich in ein Loch fallen. (Berner Zeitung)

Erstellt: 11.07.2011, 07:33 Uhr

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1 Kommentar

Jens Bähler

11.07.2011, 16:35 Uhr
Melden 6 Empfehlung

"Protzigkeit mögen Sie gar nicht? Nein, das ist aufgrund meiner Erziehung so."
Soso, und wie war das mit der Protzigkeit in Hergiswil NW? Haben Sie nicht die Nachbarparzelle dazugekauft und das Feinschmeckerlokal dem Erdboden gleich gemacht? Dies alles nur, damit sie den Uferabschnitt ganz exklusiv für sich und ihre Protzvilla haben.
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