Wie schlecht geht es der Schweizer Industrie?
Von Markus Diem Meier. Aktualisiert am 12.08.2009 5 Kommentare
Zwei Schweizer Industrieunternehmen haben heute ihre Halbjahreszahlen präsentiert. Sie haben etwas gemeinsam: Die dramatischen Einbrüche bei den Verkäufen: Beim Winterthurer Autozulieferer und Textilmaschinenhersteller Rieter haben sich diese im Vergleich zum gleichen Zeitraum des Vorjahres halbiert, der Tessiner Logistikzulieferer Interroll hat fast 40 Prozent weniger verkauft. Das drückt auch auf die Profitabilität. Bei Rieter hat sich der Gewinn im ersten Halbjahr 2008 von 40,8 Millionen Franken in einen Verlust von 145,5 Millionen im letzten Halbjahr verwandelt. Bei Interroll ist für das letzte Halbjahr immerhin noch ein kleiner Gewinn von 0,11 Millionen Franken übriggeblieben. Doch der Einbruch gegenüber dem Vorjahr, als das Unternehmen 17,9 Millionen verdient hat, beläuft sich auf 99,4 Prozent.
Viele grosse Schweizer Industrieunternehmen werden ihre Zahlen erst in den folgenden Tagen und Wochen präsentieren, so etwa Tecan, Feintool, Schulthess, Sulzer, Bossard, Bobst, Meyer Burger oder Kaba. Auch hier wird sich der Einbruch der Weltwirtschaft in den Zahlen niederschlagen – je mehr ein Unternehmen vom Export lebt, umso ausgeprägter. ABB als grösster Vertreter der Branche hat seine Ergebnisse bereits im Juli präsentiert. Hier enttäuschte ein dramatischer Einbruch an neuen Aufträgen im Umfang von 35 Prozent (gemessen in US-Dollar). Um beinahe 40 Prozent brach der Umsatz auch bei Georg Fischer ein, was dort zu einem Verlust von 139 Millionen Franken geführt hat.
Weniger schlimm ist nicht gut
Die Zahlen verdeutlichen die schwierige Lage auf den Weltmärkten. Allein die Exporte aus der Schweiz sind gemäss neusten Zahlen im ersten Halbjahr insgesamt um 16 Prozent eingebrochen. Für die Metallindustrie betrug der Einbruch sogar 37,5 Prozent. Da ist zu erwarten, dass auch die kleineren und mittleren, nicht börsenkotierten Industriefirmen, heftig leiden.
Die entscheidende Frage ist nun, ob die Zukunft besser aussieht. Betrachtet man die gängigen Kennzahlen, bleibt das Bild ernüchternd: Der «Purchase Manager Index» PMI, der auf Umfragen unter Einkaufsmanagern beruht und als Leitindex der Industrie gilt, zeigt eine weitere Schrumpfung an – immerhin eine weniger ausgeprägte. Der von der Credit Suisse und dem Schweizerischen Verband für Materialwirtschaft und Einkauf (SVME) erstellte Index hat bei der letzten Messung im Juli einen Wert von 44,3 geliefert. Werte unter 50 zeigen eine weitere Schrumpfung an. Im Juni lag der Index allerdings bei 41,8 Punkten, im Februar und März sogar unter 33 Punkten.
Industriemanager verharren im Pessimismus
Die Zurückhaltung zur weiteren Entwicklung zeigt sich auch in den Aussagen der Manager der Branche. Rieter schreibt in seinem Bericht, dass das Unternehmen keine deutliche Verbesserung im zweiten Halbjahr erwarte, Verluste könne man nur durch Restrukturierungsaktionen und geringere Kosten mindern. Dazu zählt ein Stellenabbau von 1'500 Stellen, 2’700 Stellen hat das Unternehmen bereits im vergangenen Jahr abgebaut. Aktuell arbeiten 12'600 Personen beim Winterthurer Konzern. Auch bei Interroll spricht man von einem anhaltend «schwierigen und herausfordenden Umfeld». Nicht viel besser tönt es bei ABB oder Georg Fischer.
Selbst an der Börse blieb der anfängliche Optimismus zur weiteren Entwicklung der Branche nicht nachhaltig. Seit Jahresbeginn hat der Unterindex «Industriegüter und Industriedienstleistungen» an der Schweizer Börse zwar um mehr als 27 Prozent zugelegt. Am stärksten legte er mit den aufkommenden Konjunkturhoffnungen im Juli zu (vom 8.7. bis Anang August um fast 20 Prozent). Doch seither hat er wieder um 2 Prozent nachgegeben.
Alles hängt von der weiteren Entwicklung der Weltkonjunktur ab. Der Lagerabbau bei vielen Unternehmen und Abnehmern der Industrie und die staatlichen Ankurbelungsprogramme sorgen für leicht aufgehellte Aussichten. Doch von einem deutlichen Aufschwung kann noch nicht gesprochen werden, eher von einer Beruhigung der Lage. Ob sich die Konjunkturlage danach deutlich verbessert oder nur schon stabil bleibt, ist ebenfalls nicht sicher.
Vorerst keine Kreditklemme
Ein näher liegendes Risiko für die Branche besteht in einer Kreditklemme – von einer solchen spricht man, wenn Unternehmen von Banken keine Kredite mehr erhalten. Zumindest in der Schweiz zeigt sich eine solche Situation noch nicht. Doch die verfügbaren Mittel sind für viele Industrieunternehmen extrem knapp geworden. Die dadurch reduzierte Bonität dürfte den Zugang zu neuen Mitteln weiter erschweren und wenn sie noch zu haben sind, dann nur zu sehr hohen Zinssätzen.
Weil die Industrieunternehmen auf Gedeih und Verderb von der Nachfrage aus der übrigen Welt abhängen, kann die Schweizer Politik wenig für sie tun. Die einzige Institution, die helfen kann, ist die Schweizerische Nationalbank. In ihrer Hand liegt es, eine Aufwertung des Schweizer Frankens zu verhindern, der den Industrieunternehmen das Geschäft vollends verderben würde. Die Zentralbank hat die Gefahr erkannt und bereits klar gemacht, dass sie sich einer Aufwertung des Schweizer Frankens entgegenstemmen wird. Sie hat den letzten Monaten mehrfach bewiesen, dass sie dazu auch in der Lage ist. (Bernerzeitung.ch/Newsnet)
Erstellt: 12.08.2009, 20:07 Uhr
Kommentar schreiben
5 Kommentare
Der Mensch lebt nicht nur vom Geld allein, so heisst es. Und trotzdem braucht es Geld, um überleben zu können. Nur darf man sich die Frage stellen, wieviel Geld es eigentlich zu einem inhaltvollen Leben braucht. Da gehen die Meinungen auseinander. Die einen müssen 20 - 40 Mio Franken pro Jahr haben, weil sie so gut sind. Und auf einmal stellen "Gute" fest, dass eben das Leben nicht unendlich ist. Antworten
in der grossindustrie ist die dauer von projekten zwischen 1 bis 4 jahren, das ist auch die dauer der verzögerung mit der die krise dann wirklich zu spüren ist. in vielen firmen werden dieses jahr projekte aus den jahren 2005 - 07 fertig gestellt und erst dann sind die auftragsbücher leer, da nach 2008 nur wenige neue projekte in auftrag gegeben wurden. meine prognose ist: aufschwung ab 2011 Antworten
Wirtschaft
- 20:38Novartis-Präsident Vasella kritisiert die Einwanderungspolitik
- 16:29Swisscom-Chef: «Den Meisten sind Roaming-Gebühren egal»
- 13:17So günstig zum Eigenheim wie nie
- 26.05.2012Bund prüft Abschottung des Schweizer Kapitalmarkts
- 26.05.2012Das sind die demokratischsten Firmen der Schweiz
- 26.05.2012UBS verliert bis zu 30 Millionen Dollar bei Facebook-Börsengang
Live @ Sunset
11. bis 22. Juli - Zürich Dolder u.a. mit B.B. King, Elton John und Alanis Morissette!
Remund führend in Werbetechnik
Kein Wunsch zu aufwendig, kein Format zu gross - Remund Werbetechnik löst jede Aufgabe mit modernster Technik.
Online-Wettbewerb
Jetzt mitmachen!: Gewinnen Sie einen Abend als Statist bei den Tellspielen Interlaken!



