Wirtschaft

  • Region
  • Schweiz
  • Ausland
  • Wirtschaft
  • Börse
  • Sport
  • Kultur
  • Panorama
  • Leben
  • Auto
  • Digital
  • Wissen
  • Forum

«Wenn die Schweizer etwas sagen, wird es gemacht»

Von Bruno Schletti. Aktualisiert am 11.02.2010 21 Kommentare

Bankierpräsident Patrick Odier beteuert, mit dem Ausland in Sachen Steuerehrlichkeit kooperieren zu wollen. Als beste Lösung verteidigt er die Abgeltungssteuer.

Patrick Odier, Präsident der Bankiervereinigung: «Wir wollen Richtung Steuerehrlichkeit gehen.»

Patrick Odier, Präsident der Bankiervereinigung: «Wir wollen Richtung Steuerehrlichkeit gehen.»
Bild: Keystone

Patrick Odier

Privatbankier

Patrick Odier (1955) ist unbeschränkt haftender Teilhaber des Genfer Bankhauses Lombard Odier Darier Hentsch. Die Privatbank mit rund 2000 Mitarbeitenden ist mit über 20 Standorten in den weltweit wichtigen Finanzzentren vertreten. Seit September 2009 ist Odier auch Präsident der Schweizerischen Bankiervereinigung.

Herr Odier, als Präsident der Bankiervereinigung sitzen Sie auf einem der heissesten Stühle.
Es gibt zweifellos Herausforderungen, die nach einer Reaktion verlangen. Aber das ist spannend. Wir müssen die strategisch richtigen Entscheide fällen und dürfen dabei keine Fehler machen.

Hat man nicht bereits zu viele strategische Fehler gemacht?
Vielleicht hat man mit neuen Vorschlägen zu lange gewartet. Schuldig sind wir alle. Aber jetzt müssen wir in die Zukunft schauen. Die Situation ist, wie sie ist. Das Problem ist, dass noch nicht alle dort sind, wo man die gemeinsame Vision teilen kann. Es braucht Überzeugungsarbeit bei unseren Kollegen und bei den Politikern.

Wer hat welche Fehler gemacht?
Wir haben nicht damit gerechnet, dass mit dieser Krise eine globale Allianz entsteht, die unser Bankgeheimnis so rasch infrage stellen könnte. Vielleicht haben wir uns auch mit der Frage des Markteintritts in Europa zu viel Zeit gelassen. Wir haben viel Zeit verstreichen lassen, um die Strategie umzusetzen.

Wen meinen Sie mit «wir»?
Wir im Bankensektor sind schuldig. Das ist klar. Wir wissen, was im Markt passiert. Wir sind Unternehmer. Wir sollten die Risiken analysieren, wenn wir diese Unternehmen führen wollen. Wir haben zu lange zugewartet.

Schon lange gab es warnende Stimmen. Nicht nur jene von Jean Ziegler. Alt-Bundesrat Rudolf Friedrich oder der Bankier Hans J. Bär haben laut auf das Problem des Bankgeheimnisses hingewiesen. Ich verstehe nicht, dass die Banker diese Stimmen nicht hören wollten.
Die Finanztätigkeiten in der Schweiz haben sich extrem gut entwickelt. Ein Pferd, das gewinnt, wollte einfach niemand verkaufen. Ein Geschäft, das gut läuft, wollte niemand infrage stellen. Das ist menschlich. In dieser Situation fehlte es an Visionen, an Weitsicht und an Durchsetzungskraft.

Das Geschäft ist zu gut gelaufen, um die Risiken richtig einzuschätzen?
Der Finanzmarkt Schweiz hat sich in den letzten 50 Jahren extrem gut und stabil entwickelt. Das zeigt aber auch, dass Erfolg Gefahren birgt.

Hätte man auf die Warner gehört, hätte sich der Bankenplatz viele Probleme ersparen können.
Nicht unbedingt, denn die Situation heute ist eine andere. Erstens haben wir eine riesige Krise gehabt, und zweitens haben wir im Kampf gegen die Steuerhinterziehung einen Paradigmenwechsel gesehen. Denn weltweit gibt es heute bei diesem Thema eine Einigkeit unter den Nationen. Die Schweiz hat sich als eines der letzten Länder angepasst. Vielleicht spät, aber hätten wir das früher gemacht, hätten wir unsere Wettbewerbsfähigkeit aufs Spiel gesetzt.

Da folgt Ihnen das Ausland nicht. Rund um unser Land herrscht die Meinung vor, dass sich die Schweiz noch nicht angepasst hat.
Das haben wir oft genug gehört. Im März haben wir gesagt, dass wir den OECD-Standard in Steuerfragen übernehmen werden. Dann haben wir in Rekordzeit 17 Doppelbesteuerungsabkommen paraphiert, 12 davon unterschrieben. Mit weiteren Ländern führen wir Verhandlungen. Wir haben mit der Abgeltungssteuer eine Lösung vorgelegt, die gegenüber dem Informationsaustausch gleichwertig ist, aber besser funktioniert. Und doch hört man immer wieder, die Schweiz mache nichts. Das ist nicht wahr. Nur wenige Länder haben so viel gemacht wie die Schweiz. Dass es mit diesen Ländern noch Diskussionen gibt, bis die Lösungen im Detail ausgearbeitet sind, ist klar.

Diskussionen? Sie beschönigen. Man nimmt im Ausland nicht wahr, was die Schweiz macht?
Da gibt es auf verschiedenen Ebenen ein Kommunikationsproblem. Wir müssen unseren Partnerländern klar sagen, dass sich unser Bankensektor anpasst. Wir wollen mit den Ländern in Europa Richtung Steuerehrlichkeit gehen. Das braucht aber Zeit. Das kann man nicht von heute auf morgen umsetzen.

Genau da sagt das Ausland: Wir haben lange genug gewartet. Wir wollen jetzt eine Lösung.
Schon im März 2009 glaubte man uns nicht, dass wir die OECD-Standards schnell umsetzen werden. Unsere Behörden haben das aber extrem schnell und gut gemacht. Genauso setzen wir die Strategie in Bezug auf Steuerehrlichkeit um. Inzwischen ist mit den Datendiebstählen der Eindruck entstanden, dass nichts gemacht wird. Das eine hat aber mit dem andern nichts zu tun. Ich verstehe die Strategie der Kritiker schon. Sie sagt aber nichts aus über das, was wir machen.

Jetzt bieten Sie dem Ausland die Abgeltungssteuer an. Nur interessiert sich niemand dafür.
Ich muss wieder und wieder und wieder erklären, dass der Schutz der Privatsphäre wichtig ist. Er ist gut für den Kunden und ein kompetitiver Vorteil für die Schweiz. Wir haben aber gesagt, dass wir mit anderen Ländern gemeinsam gegen die Steuerhinterziehung kooperieren wollen. Wir haben es gesagt, und wenn Schweizer etwas sagen, wird es gemacht. Die Abgeltungssteuer erlaubt es, in diese Richtung zu gehen. Wir ziehen die Steuern auf Erträgen von ausländischen Vermögen ein und geben das Geld unseren Partnerländern. Gleichzeitig können wir so die Privatsphäre unserer Kunden bewahren.

Mit diesem Vorschlag müssen Sie erst noch die Herren Schäuble, Tremonti und Woerth überzeugen.
Ich habe keine Autorität, mit anderen Ländern zu verhandeln. Das müssen unsere Behörden, die Diplomaten, tun.

So gut die Idee der Abgeltungssteuer ist – sie kommt einfach zu spät.
Ich habe mich immer für diese Strategie starkgemacht: In der Schweiz werden Gelder geschützt, nicht versteckt. Das müssen wir jetzt umsetzen. Ich weise auch darauf hin, dass in Europa längst nicht alle Länder das System des automatischen Informationsaustausches übernommen haben. Es ist also nicht zu spät, über eine Abgeltungssteuer zu diskutieren.

Was ist, wenn das Ausland nicht auf dieses Angebot einschwenkt?
Bevor man sich fragt, ob das Angebot akzeptiert wird oder nicht, soll man sich dafür einsetzen. Man darf nicht in eine Verhandlung gehen mit der Gewissheit, dass es sich nicht lohnt.

Als Präsident der Bankiervereinigung müssen Sie aber wissen, was Sie machen, wenn Sie mit diesem Vorschlag scheitern.
Weitere Pläne würde ich aus taktischen Gründen nicht öffentlich machen. Das ist genau unser Problem in der Schweiz, dass wir alles öffentlich diskutieren.

Ihre Idee, dass Bankkunden mit ihrer Unterschrift bestätigen sollen, dass ihr Geld versteuert ist, hat Ihnen massive Kritik anderer Bankiers eingetragen. Wie wollen Sie jetzt Ihre Weissgeld-Strategie umsetzen?
Die Bankiervereinigung hat zwei Entscheide getroffen. Erstens bieten wir die Abgeltungssteuer als gleichwertige Alternative zum Informationsaustausch an. Zweitens wollen wir dafür den Marktzutritt in anderen Ländern. Bei allen Meinungsunterschieden, die innerhalb der Bankiervereinigung Platz haben – diese zwei Positionen sind im Verwaltungsrat entschieden.

Die Frage nach der Umsetzung der Steuerehrlichkeit ist damit nicht beantwortet.
Mit der Abgeltungssteuer wird das Geld, das Ausländer in der Schweiz deponiert haben, in Zukunft besteuert werden. Für die Vergangenheit gibt es verschiedene Möglichkeiten. Es gibt Länder, die eine Amnestie durchführen wollen. Mit andern könnte man sich auf einen Satz einigen, mit dem man die Gelder rückwirkend besteuern würde. Ich glaube, es ist nicht so kompliziert. Es braucht nur den politischen Willen für eine Lösung.

Viele, die das lesen, werden sagen: Der Zug ist abgefahren.
Ich sage: Na und? Die Frage ist, ob der Zug in die richtige Richtung abgefahren ist. Mit einem besseren Zug kommen Sie schneller zum Punkt B. Der Zug des Informationsaustausches wird viele Umwege fahren. Unser Zug der Abgeltungssteuer fährt direkt von A nach B. Wir fahren mit dem Intercity und nicht mit der Regiobahn.

Glauben Sie an diese Lösung . . .
Ich bin überzeugt!

. . . oder sind Sie einfach ein guter Schauspieler?
Wie könnte ich mit dieser Verantwortung spielen? Es sind 110'000 Leute, die davon abhängig sind, dass wir eine gute Lösung finden. Ich fühle mich für 2000 Leute in meiner Bank verantwortlich. Ich spiele nicht mit Menschen.

Viele sagen, die Banker sollen die Probleme selber lösen, die sie sich eingebrockt haben.
Ich verstehe dieses Gefühl. Ich verstehe, dass viel zu viel schiefgegangen ist. Nicht unbedingt in der Schweiz. Hier hatte nur eine Bank grosse Probleme. Das Land hat sich nicht verschuldet. Die Inflation ist unter Kontrolle. Es gab immer genügend Liquidität. Das Kreditgeschäft funktioniert normal. Die Kooperation zwischen den Behörden und dem Bankensektor spielt. Vertrauen Sie darauf, dass es in dieser Branche nicht nur Leute gibt, die Fehler machen. Es gibt auch solche, die vernünftig, verantwortungsvoll und langfristig orientiert sind.

Mit Patrick Odier sprach Bruno Schletti in Genf (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.02.2010, 07:18 Uhr

21

Kommentar schreiben







 Ausland



Verbleibende Anzahl Zeichen:

Mit dem Absenden des Kommentars erklärt sich der Leser mit nachfolgenden Bedingungen einverstanden: Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt. Telefonische Auskünfte werden keine erteilt. Ihr Kommentar kann auch auf Google und anderen Suchseiten gefunden werden.

21 Kommentare

Rene Wetter

11.02.2010, 09:21 Uhr
Melden

Es ist zu spät, schon verschiedene Länder haben das mit der Abgeltungssteuer abgelehnt, die wollen nicht die mickrigen Zinserträge auf den Vermögen. Sie wollen das Einkommen versteuern, das bringt Geld! Je stärker die Länder finanziell unter Druck kommen, desto weniger werden sie einem Kompromiss zustimmen. Verzögerung ist keine gute Idee, wie man bei der UBS Affaire mit den USA gesehen hat. Antworten


Andreas D. Meier

11.02.2010, 08:06 Uhr
Melden

Herr Odier verschweigt dass zumindest eine Grossbank, die UBS, im Ausland, USA, Steuerkriminelle während Jahrzehnten "unterstützt" hat. Auch in der Schweiz habe viele Banken in diesem Bereich sehr gut verdient! Keine Rede davon, dass unser Land, bzw. die Banken, erst handeln, wenn ihnen das Wasser bis zum Hals steht. Nun versucht man(n) es halt mit einem "Buebetrickli" sprich d. Abgeltungssteuer. Antworten



Wirtschaft

Populär auf Facebook Privatsphäre


Live @ Sunset

11. bis 22. Juli - Zürich Dolder u.a. mit B.B. King, Elton John und Alanis Morissette!

FÜR IHRE FREIZEIT

Für Ausgehtipps in der Region, nutzen Sie einfach unsere Agenda.

Remund führend in Werbetechnik

Kein Wunsch zu aufwendig, kein Format zu gross - Remund Werbetechnik löst jede Aufgabe mit modernster Technik.

Online-Wettbewerb

Jetzt mitmachen!: Gewinnen Sie einen Abend als Statist bei den Tellspielen Interlaken!