Weitere Rücktritte bei Implenia

Der Chef des Baukonzerns wird kritisiert, weil er den neuen Präsidenten gleich selbst vorgeschlagen hat. Drei weitere Verwaltungsräte werden bis zur nächsten Generalversammlung demissionieren.

Die sich abkühlende Baukonjunktur drückt künftig auf die sonst schon dünnen Margen: Silos von Implenia in Oberentfelden. Foto: Andy Müller (Freshfocus)

Die sich abkühlende Baukonjunktur drückt künftig auf die sonst schon dünnen Margen: Silos von Implenia in Oberentfelden. Foto: Andy Müller (Freshfocus)

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Der abrupte Abgang des Implenia-Präsidenten vor zehn Tagen sorgt für weitere Kritik. Corporate-Governance-Experten bemängeln, dass der Nachfolger vom Implenia-Chef selber portiert wurde. Wie Aktionäre bestätigen, hat Anton Affentranger seinen früheren Arbeitskollegen Hans-Ulrich Meister als Präsidenten vorgeschlagen. Die beiden arbeiteten in den 1990er-Jahren bei der damaligen Bank SBG (heute UBS) im Firmenkundengeschäft zusammen.

«Der Präsidentenentscheid darf nicht beim CEO liegen. Dieser sollte bei börsenkotierten Unternehmen bei der Präsidentenrekrutierung maximal konsultativ beigezogen werden», sagt Silvan Felder, der mit seiner Firma Verwaltungsrat Management Verwaltungsräte berät. Ein Präsident in Gnaden des Chefs sei heikel und ein Corporate-Governance-Risiko.

Auch gemäss Ethos-Präsident Dominique Biedermann ist es unüblich, dass der Chef einen Präsidenten präsentiert. «Das liegt in der Verantwortung des Verwaltungsrats», so der Corporate-Governance-Spezialist. Denn ein solcher Präsident wäre nicht unabhängig. Es stelle sich die Frage, wie gut ein Präsident, einen CEO, den er gut kenne, kontrollieren könne. «Es ist heikel, wenn der Präsident nicht unabhängig ist», so Biedermann. Eine Wahlempfehlung könne Ethos noch nicht abgeben. «Aber wir werden genau prüfen, wie es mit der ­Unabhängigkeit des vorgeschlagenen Implenia-Präsidenten steht.»

Implenia winkt Kritik ab

Aus Implenia-Sicht gibt es da freilich nichts zu prüfen. «Hans-Ulrich Meister ist unabhängig», sagt ein Sprecher. Alles andere sei haltlose Spekulation. Dass Affentranger bei der SBG in den 1990er-Jahren der Chef von Meister war, ändert an Implenias Haltung offenbar nichts.

Nicht nur der Präsidentenwechsel gibt zu Fragen Anlass, wie es um Implenias Corporate Governance steht, sondern auch die Gesamtzusammensetzung des Gremiums. Dieses wird ab Frühling praktisch ganz neu aufgestellt sein. Neben dem Präsidenten zieht sich Vizepräsident Hans-Beat Gürtler zurück. Und auch die Mitglieder Chantal Balet Emery und Patrick Hünerwadel demissionieren auf die Generalversammlung hin. Der Know-how-Verlust ist damit enorm. Vier von ursprünglich sechs Mitgliedern gehen. Im Gremium verbleiben Calvin Grieder, seit drei Jahren dabei, und Henner Mahlstedt, der erst seit letztem Frühling im Rat sitzt. Die Ersatzkandidaten hat Implenia bereits bestimmt. Darunter soll ein Bauingenieur aus Norwegen sein. Auch eine Frau werde im neuen Gremium wieder vertreten sein. Implenia sagt dazu nur, dass sich die Zusammensetzung des Verwaltungsrats weiter verändern werde. Dabei solle die Markt- und Industriekompetenz des Gremiums gestärkt werden. Entsprechende Beschlüsse des Verwaltungs­rats stünden bevor, so der Sprecher.

Gemäss Implenias Grossaktionär Max Rössler ist der Abgang der vier Verwaltungsratsmitglieder seit längerem geplant. Nicht alle hätten mit dem Machtkampf zwischen Verwaltungsrat und Chef Affentranger zu tun. Auffällig bleibt trotzdem, dass drei der vier demissionierenden Räte nur wenige Jahre im Gremium sassen. Gemäss mehreren Quellen ging es im Konflikt auch nicht nur um die Umgangsformen eines nach Macht strebenden CEO, der sich bei Mitarbeitern und Kunden im Ton vertan haben soll. Viel mehr hätten auch für das Unternehmen substanzielle Themen immer wieder zu Fragen und Diskussionen geführt. Implenia sagt dazu nur, die Veränderungen im Verwaltungsrat hätten nichts mit dem operativen Geschäft von Implenia zu tun.

In die Position gerutscht

Klar ist, Chef Affentranger kann das Unternehmen künftig noch stärker unter seine Fittiche nehmen. Dem Verwaltungsrat mit lauter Neulingen und einem regelmässig wechselndem Management ist er als Chef und früherer Präsident haushoch überlegen.

Dabei kam der ehemalige Finanzmann eher durch zufällige Umstände in eine Führungsposition in der Baubranche. Nach seinem Gastspiel als Roche-Finanzchef rutschte er Anfang der Nullerjahre beim damaligen Baukonzern Zschokke als Interimspräsident nach, weil der ordentliche Präsident krankheitshalber ausfiel. Der gewiefte Stratege Affentranger übernahm 2003 den Präsidentensessel definitiv und landete mit der Fusion von Zschokke und Konkurrentin Batigroup zu Implenia zwei Jahre später einen Coup.

Seither weibelt er im Baukonzern als Vizepräsident, Präsident oder Chef. Das CEO-Amt bekleidet er seit vier Jahren. Die Investoren waren mit Affentranger meist zufrieden. Die boomende Baukonjunktur und Implenias Akquisitionen im Ausland beflügelten den Aktienkurs.

Ob die Zufriedenheit anhält, muss sich zeigen. Der Kauf des Baugeschäfts von Bilfinger vor gut einem Jahr ist nicht einfach zu verdauen. Die sich abkühlende Baukonjunktur drückt künftig auf die sonst schon dünnen Margen. Und allfällige Verluste von Bauprojekten, die nicht rentieren, können nicht mehr so einfach durch neuen Umsatz kompensiert werden, weil die Auftragsakquise immer schwieriger wird.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 18.02.2016, 10:10 Uhr)

Stichworte

Anton Affentranger, CEO Implenia
(Bild: Keystone Martin Ruetschi)

Hans-Ulrich Meister soll neuer Präsident werden (Bild: Keystone )

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