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Warum die Postliberalisierung höhere Tarife bringt

Von Rudolf Strahm. Aktualisiert am 25.05.2010 32 Kommentare

Die Debatte über eine Postliberalisierung zeigt vor allem, dass viel Ideologie und wenig Wirtschaftskompetenz im Spiel ist.

Ein schrumpfender Markt: Die Schweizerische Post hat in den letzten Jahren für die Rationalisierung der Betriebsabläufe im Briefverkehr 1300 Millionen Franken investiert. Hier das Briefverteilzentrum in Härkingen.

Ein schrumpfender Markt: Die Schweizerische Post hat in den letzten Jahren für die Rationalisierung der Betriebsabläufe im Briefverkehr 1300 Millionen Franken investiert. Hier das Briefverteilzentrum in Härkingen.
Bild: Keystone

Wenn Sie jemandem einen schlechten Streich spielen wollen, schicken Sie ihm das nächste Paket mit einem privaten Postdienstleister anstatt mit der Post etwa mit DHL, UPS, DPD oder TNT. Sie werden Ihren Freund, wenn er das Paket nicht gerade zu Hause in Empfang nehmen kann, zwingen, die Sendung womöglich in der nächsten Stadt, an einem Bahnhof, bei einer Apotheke oder Autobahnraststätte selber abzuholen. Solcher Serviceverlust ist die unerfreuliche Seite der bisherigen Postpaketliberalisierung.

Auch die Paket-Schaltertarife für Einzelkunden haben mit der bisherigen Postliberalisierung zugenommen. Einzig die grossen Versandhäuser konnten für Ihre schweren Versandkataloge und für die Warenversandpakete viel günstigere Pakettaxen erwirken, wenn sie diese vorsortiert und per Lieferwagen direkt zum Postversand bringen.

Keine Innovation in Sicht

Nun steht im Juni im Parlament eine weitergehende Postliberalisierung zur Debatte: Es wird darüber entschieden, ob das bisherige Briefmonopol der Post ganz aufgehoben wird und alle privaten Postdienstleistungsfirmen auch Briefe versenden dürfen.

Ich hatte als Preisüberwacher lange über Unterlagen zur Kostenkalkulation der Post gebrütet, und ich sage voraus: Diese weitere Liberalisierung und Marktöffnung im Briefverkehr wird dem Publikum teurere Brieftaxen bescheren. Das hat nichts mit Marktfeindlichkeit zu tun, sondern basiert schlicht und einfach auf neutraler, betriebswirtschaftlicher Kostenkalkulation. Ich hoffe, auch die nicht in Kostenrechnung ausgebildeten Leserinnen und Leser können den folgenden betriebswirtschaftlichen Überlegungen folgen.

Ein schrumpfender Markt

Der Briefverkehr ist ein schrumpfender Markt. Immer mehr Sendungen gehen über Internet oder Mobilnetz. Und wenn einmal die elektronische Unterschrift verbreitet sein wird, wird der Briefversand noch mehr schrumpfen. Brieftransporte von A nach B sind längst eine ausgereifte Technologie. Man kann zwar die Prozesse mit Kapitalinvestitionen automatisieren und beschleunigen, aber das Dienstleistungsprodukt bleibt dasselbe. Ganz anders im Telecom-Verkehr, der alle paar Jahre neue Produkte (SMS, MMS, News-Downloads) und um eine Zehnerpotenz höhere Datentransfers ermöglicht und deshalb in einem liberalisierten Markt ständig Innovationen hervorbringt.

Die Schweizerische Post hat in den letzten Jahren für die Rationalisierung der Betriebsabläufe im Briefverkehr, namentlich für die hochmodernen Briefverteilzentren in Härkingen, Mülligen und Eclépens, 1300 Millionen Franken investiert. Wenn der Briefmarkt aufgespalten wird, heisst dies: Weniger Stückzahlen für die Post, damit höhere Stückkosten pro Brief und letztlich höhere Tarife. In einem schrumpfenden Markt mit enormen Kosten wirkt der Wettbewerb nicht kostensenkend, sondern preistreibend!

Die Privatanbieter im Postverkehr (DHL, UPS, DPD, TNT) müssten bei der Briefpostliberalisierung ebenfalls eine eigene kapitalintensive Verteilinfrastruktur aufbauen. Das hiesse, noch mehr Kapital-Stückkosten pro Brief, und dies in einem schrumpfenden Briefmarkt.

Unsinnig, absurd

Vor diesem Hintergrund fordern die privaten Postanbieter nun auch den Zugang zu den vorhandenen Verteilzentren der Post, ja sogar eine Mitbenützung der Poststellen und Briefkästen. Spätestens hier wird die Liberalisierung unsinnig. Es bräuchte einen neuen staatlichen Regulator, der die Kostenverrechnung regelt und überwacht. Das ist etwa gleich absurd, wie wenn Aldi vom Staat verlangen würde, er solle ihm für die Aldi-Produkte bei Migros und Coop die Benützung einiger Verkaufsregale und einiger Logistikfahrzeuge gesetzlich sicherstellen.

Mit einer unvoreingenommenen Kalkulation müsste man prüfen, ob es volkswirtschaftlich Sinn macht, dass gleichzeitig Postpac-Lastwagen und DHL-, UPS-, DPD- und TNT-Lieferwagen in der gleichen Gegend täglich halb leer Pakete und Briefe herumkarren.

Kein Wettbewerb möglich

Freilich wird es, technologisch bedingt, im Postnetz einen weiteren Strukturwandel geben. In einem schrumpfenden Markt lässt sich nicht mehr in jeder Ortschaft eine Poststelle aufrechterhalten. Auch Postagenturen in einer Bäckerei oder einer Bankfiliale tun ihren Dienst zufriedenstellend. Und in zwanzig Jahren wird es wohl nicht mehr täglich eine Briefaustragung zu den Haushalten benötigen, der schnelle Internetverkehr wird ihr den Rang ablaufen. Diesen technologischen Trends können sich die Strukturerhalter nicht verschliessen.

Liberalisierung und Wettbewerb erhöhen Effizienz und Nutzen. Und vor allem fördern sie die Innovation und steigern die Produktivität. Doch in Märkten, in denen natürliche oder technische Monopole erforderlich sind, bei Netzen etwa, ist echter Wettbewerb gar nicht möglich, und Liberalisierung bringt meist höhere Preise: beim Elektrizitätsnetz (wie wir jetzt erfahren), beim Schienennetz, beim Postnetz oder auch bei den Neuinvestitionen in Glasfasernetze. In solchen Märkten braucht es nicht Wettbewerb, sondern eine starke, unabhängige Instanz zur Preisregulierung, die die Bürger vor Monopolrenten und hohen Preisen und Gebühren schützt. Die Marktdoktrin der 90er-Jahre, die alles privatisieren und wettbewerblich gestalten wollte, war dogmatisch und ideologisch. Heute ist man aus Erfahrung pragmatischer geworden.

Economiesuisse kämpft verbissen

Fern von diesen betriebswirtschaftlichen Kostenüberlegungen operiert der Wirtschaftsdachverband Economiesuisse, der als Frontreiter verbissen für die vollständige Postliberalisierung kämpft. Ist dies überhaupt im Interesse der Wirtschaft, wenn doch die durchschnittlichen Stückkosten im Briefverkehr durch die Liberalisierung nur steigen? Die gleiche Economiesuisse, die für den Wettbewerb im Brief- und Paketverkehr politische Husarenritte vollführt, ist umgekehrt nicht bereit, der Postfinance einen wettbewerbsorientierten Ausbau zu einer konkurrenzfähigen Postbank zuzugestehen. Da ist viel Ideologie und wenig Wirtschaftskompetenz im Spiel. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.05.2010, 22:49 Uhr

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32 Kommentare

Peter Müller

25.05.2010, 07:12 Uhr
Melden

Danke Herr Strahm! Endlich sprechen Sie kompetent klartext Wir haben 3 Tage lang vergebens zu Hause auf eine Lieferung von UPS gewartet, zur Lieferung angemeldet zwischen 9 und 18 Uhr .... , mit der Drohung , bei leerem Haus eine kostenpflichtige Selbstabholung in einem regionalen Verteilzentrum organisieren zu müssen. Zum Glück weiss ich, dass der Pöstler um halb zehn kommt .... Antworten


Richard Fluehmann

25.05.2010, 07:13 Uhr
Melden

Komisch ... in den USA ist der Postverkehr liberalisiert und das Porto kostet die Hälfte. Antworten



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