Umstrittener Kandidat wird Migros-Präsident
Von Romeo Regenass. Aktualisiert am 26.03.2012 7 Kommentare
Genoss die Unterstützung des abtretenden Präsidenten Claude Hauser (r.): Andrea Broggini. (Bild: Keystone )
Die Migros hätte Besseres verdient
Ein Kommentar von Romeo Regenass
Der erste öffentliche Auftritt des neuen und bisher völlig unbekannten Migros-Präsidenten in der «Tagesschau» gab inhaltlich wenig her. Aber er zeigte eines: Andrea Broggini ist trotz sehr gutem Hochdeutsch weder ein Kommunikationstalent noch ein Sympathieträger.
«Ich habe mich für die Migros geschämt», gesteht dem TA eine Delegierte. Und sie geht noch weiter: «Jetzt hat die Migros neben Herbert Bolliger noch einen an der Spitze, der schlecht kommuniziert.»
Das kommunikative Manko ist das eine. Doch eine Frage ist viel entscheidender: Wieso macht die Migros einen Mann zum Präsidenten, den viele als scheu wahrnehmen, der als stiller Schaffer gilt, der «lieb und nett» ist, der «niemandem wehtut», der als Technokrat gilt?
Keine Vision für Migros
Ein Präsident sollte doch auch repräsentieren, die Migros nach aussen vertreten können. Kann es sein, dass die Migros-Gewaltigen in der Generaldirektion und in den zehn Genossenschaften es am liebsten sehen, wenn das Präsidium schwach besetzt ist?
Nimmt man die Erfahrung zum Massstab, die der abtretende Präsident Claude Hauser gemacht hat, ist die Antwort ein klares Ja. Trotz eigenen PR-Beratern, Kommunikationstalent und zähen Bemühungen gelang es Hauser nicht, Format zu zeigen.
Chef Herbert Bolliger will keinen Vorgesetzten, der sich selber profiliert, und die Regionalfürsten in den zehn Genossenschaften möchten keinen Präsidenten, der ihnen ihr Reich streitig macht. Nur vor diesem Hintergrund ist zu verstehen, weshalb die Migros-Führung sich für einen Kandidaten starkgemacht hat, der für die Migros keine Vision hat.
Die Migros ist für viele ein urschweizerisches Unternehmen
Mag sein, dass das für den Detailhandelskonzern mit seinen veralteten Strukturen realistisch und nichts als konsequent ist. Doch die Migros – für viele immer noch das schweizerischste aller Unternehmen – hätte Besseres verdient: eine Person mit Ausstrahlung, mit Charisma – und mit Ideen.
Gibt man sich im Hochhaus am Limmatplatz mit Mittelmass zufrieden, muss man sich nicht wundern, wenn die Konkurrenz aus Basel überall punktet. Denn mit Hansueli Loosli ist bei Coop ein Mann als Präsident am Ruder, der seinen Managern auch mal auf die Füsse treten und bei Bedarf Klartext sprechen kann. Ob Andrea Broggini das kann und ob das bei der Migros überhaupt gefragt ist, ist derzeit zweifelhaft.
Artikel zum Thema
- Andrea Broggini wird neuer Migros-Präsident
- Der Migros-Präsident rüttelt am Tabu
- Migros-Präsident Hauser hält nichts von tieferer Zollfreigrenze
Stichworte
Korrektur-Hinweis
Melden Sie uns sachliche oder formale Fehler.
Es brauchte unübliche vier Wahlgänge, bis die Delegiertenversammlung, das Parlament der Migros, am Samstagnachmittag den neuen Migros-Präsidenten gewählt hatte. Andrea Broggini gewann mit 53 Stimmen und wurde so der Favoritenrolle gerecht, die er aufgrund einer Wahlempfehlung der internen Findungskommission erhalten hatte. Headhunterin und Vizepräsidentin Doris Aebi erzielte 43 Stimmen; keine Chance hatten die frühere Max-Havelaar-Chefin Paola Ghillani mit 4 und Max Meyer, Präsident der Migros-Genossenschaft Aare, mit 0 Stimmen. Die abtretende Migros-Direktorin Gisèle Girgis war bereits im dritten Wahlgang ausgeschieden.
Zur Wahl Brogginis kam es, weil Westschweizer Delegierte, die auf Paola Ghillani gesetzt hatten, im letzten Wahlgang den Tessiner wählten. Das zeigt die Analyse der Resultate der einzelnen Wahlgänge, die dem TA vorliegen. Im dritten Wahlgang dürften die Meyer-Supporter zu Aebi gewechselt haben, die 38 Stimmen machte. Broggini hatte 48. Im letzten Wahlgang verlor Ghillani 6 von 10 Stimmen; sie gingen wohl an Broggini, den letzten Lateiner im Rennen. Anders gesagt: Wäre Doris Aebi eine Romande, hätte sie das Rennen gemacht. Doch es gewann eine unheilige Allianz aus Broggini-Fans und Anti-Deutschschweizern
Der neue Präsident reichte nur einen Lebenslauf ein
Wirtschaftsanwalt Broggini genoss die Unterstützung des abtretenden Präsidenten Claude Hauser; vor der Wahl präsentierte dieser den Delegierten den Tessiner als Favoriten, der die Anforderungen am besten erfülle. Bei Delegierten, die obrigkeitsgläubig sind, machte das Eindruck – und sie stimmten entsprechend.
Für andere war Broggini wegen seiner Finanzmandate nicht wählbar. «Es ist fahrlässig, jemanden mit einer solchen Nähe zu Firmen in Steuerparadiesen zu wählen», sagt Roland Santini, Delegierter der Migros Aare. Während sich die anderen Kandidaten bei den Delegierten mit Motivationsschreiben vorgestellt hätten, habe Broggini zudem nur einen Lebenslauf eingereicht. Erst auf Anfrage habe es mehr Infos gegeben – aber keine Mail- oder Telefonadresse.
Broggini konnte nicht aufgezeigen, in welche Richtung er gehen will
Ähnlich unverbindlich blieb Broggini laut mehreren Quellen bei seiner Präsentation vor der Versammlung. «Er hat eine gute Analyse abgeliefert, aber nicht aufgezeigt, in welche Richtung er gehen will», sagt ein Delegierter. Aebi konnte viele anscheinend mit ihrer gewinnenden Art überzeugen, während Ghillani für die meisten zu einseitig aufs Thema Nachhaltigkeit fixiert war.
Eine persönliche Enttäuschung dürfte das Resultat der Bestätigungswahl von Herbert Bolliger sein: Laut mehreren Quellen erzielte der Migros-Chef als Vertreter des Migros-Genossenschafts-Bundes (MGB) im Gremium nur 55 von 99 Stimmen. Das kommt einer Ohrfeige gleich. Offenbar haben viele Delegierte Mühe mit seiner oft undiplomatischen bis ungeschickten Kommunikation.
Brogginis Finanzwissen gefragt
Mit Broggini haben sich die Delegierten für einen Anwalt und ausgewiesenen Finanzfachmann entschieden. Seit 2004 ist der 56-Jährige Mitglied der Migros-Verwaltung und leitet dort den Audit-Ausschuss. In dieser Funktion hat Broggini regelmässigen Kontakt mit der Mitreva Interne Revision AG, welche die interne Revision des MGB ausführt. Verwaltungsratspräsident der Mitreva ist der Treuhänder Bernhard Binzegger. Er sitzt mit Broggini in der vom Tessiner präsidierten Zürcher Anlageberatungsfirma Kastor.
Finanzwissen ist bei der Migros gefragt. Die Vögele-Beteiligung von rund 25 Prozent verliert an Wert, niemand weiss, was die Migros damit vorhat. Die Reisetochter Hotelplan schreibt rot, ein Verkauf könnte eine Option sein. Damit hat Broggini Erfahrung: Er war 2006 mit Finanzchef Jörg Zulauf in den Verkauf eines Anteils des Versicherers Generali Schweiz an die italienische Generali involviert. Handlungsbedarf gibt es auch bei der schwerfälligen Struktur mit zehn Genossenschaften. Neu in die Verwaltung gewählt wurden Ethos-Direktor Dominique Biedermann und Professor Hans Wüthrich vom Institut für Management an der Universität der Bundeswehr in München. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 25.03.2012, 20:16 Uhr
Kommentar schreiben
Verbleibende Anzahl Zeichen:
7 Kommentare
Ein Wirtschafts-Anwalt als Präsident der MIGROS - da hätte Dutti sicher eine Heidenfreude daran..... Ein Unternehmen schafft sich ab ! Ghillani wäre die richtige Wahl gewesen. Mit ihr wäre die MIGROS aus ihrer verlogenen Haltung betreffend Nachhaltigkeit und Tierschutz herausgekommen. Der MIGROS geht es schon lange nur noch darum, den Konsumenten möglichst effektiv abzocken zu können. Antworten
Wirtschaft
Abopreise vergleichen
Der Handy-Abovergleich mit Ihrem gewünschten Mobiltelefon und Prepaid-Angeboten.
Jetzt wechseln und sparen
Finden Sie in nur fünf einfachen Schritten die optimale Fahrzeugversicherung.

Bitte warten























