«UBS und CS sind zu gross»
Von Stefan Schnyder. Aktualisiert am 04.05.2009 20 Kommentare
Erwin W. Heri
Erwin W. Heri ist Professor an der Universität Basel, Präsident der Valartis Bank und Vorsitzender der Anlagekommission der Bundespensionskasse Publica. Zudem tritt er oft als Referent auf – wie vergangene Woche auf Einladung der Berner Raiffeisenbanken in Bern. Den grössten Teil seiner Karriere absolvierte er bei der Credit Suisse. Aufgewachsen ist er in Biberist.
Herr Heri, die Krise hat auch die Schweiz voll erfasst. Wo stehen wir nun – in der Talsohle, oder steht uns das Schlimmste noch bevor?
Erwin W.Heri: Ich denke, dass die gegenwärtige Krise bei weitem nicht so schwer ist, wie dies nun von den Medien dargestellt wird. Alle Krisen haben es an sich, dass man allgemein meint, dass jetzt gerade die Welt untergehen wird. Ich will die Probleme nicht gering schätzen, aber in der aktuellen Krise sind gute Massnahmen ergriffen worden, sodass wir in vernünftigem Zeitrahmen aus der Krise herausfinden werden.
Ist jetzt für Anleger der Moment gekommen, um wieder einzusteigen?
Ich mache keine Prognosen. Das Einzige, was ich weiss, ist, dass die Aktienmärkte derzeit billig sind und wieder einmal teurer werden. Es ist zwar durchaus möglich, dass es noch etwas weiter runter geht. Aber Aktien sind jetzt definitiv unterbewertet. Wenn jemand sich schon lange mal vorgenommen hat, Aktien zu kaufen, dann ist jetzt kein ungünstiger Moment.
Doch Aktien scheinen ihren Reiz verloren zu haben.
Warum denn? Das Interessante an Aktien ist der langfristige Trend: Laut vielen Berechnungen haben Aktien seit 1925 im Durchschnitt jährlich 6 bis 8 Prozent rentiert. Dies entspricht in etwa der Summe aus Wirtschaftswachstum, Inflation und Produktivitätszuwachs. Einbrüche, wie wir sie jüngst erlebt haben, lassen sich nicht voraussagen, gehören aber zur Dynamik solcher Märkte. Deshalb muss man Aktien langfristig halten. Niemand konnte mir bislang erklären, warum die langfristige Rendite künftig wesentlich tiefer sein sollte als in der Vergangenheit.
Das ist ein schwacher Trost für Anleger, die in UBS-Aktien investiert hatten.
So wie ich. Ich leide auch an diesen Verwerfungen. Seit Jahrzehnten. Das haben wir alle schon mal mit der CS erlebt. Im Zuge ihrer Probleme in der letzten Krise sackte sie von 92 auf 18Franken ab und stieg danach wieder auf 92 Franken. Das sind Schwankungen, mit denen man leben können muss, wenn man in Einzeltitel investiert.
Viele Leute haben aber auch Aktien gekauft, weil Bankberater ihnen diese aufgeschwatzt haben.
Aufschwatzen ist ein etwas hartes Wort. Man hat allenthalben die Risiken ausgeblendet. Notabene auch bei den Medien. In der Folge wurden viele relativ gierig. Ich glaube auch, dass sich viele Anleger auch nicht bewusst waren, was es genau heisst, dass eine Aktie 50 Prozent an Wert verlieren kann. Was dies bedeutet, sieht man erst, wenn es tatsächlich so weit ist.
Aber die Bankberater haben diese Gier gefördert, indem sie ihren Kunden aktienbasierte, strukturierte Produkte verkauft und daran gut verdient haben.
Jedes Finanzprodukt hat seine Risiken. Auch mit einer Swissair-Obligation hat man seinerzeit alles verloren. Aber es trifft zu, dass Bankberater strukturierte Produkte sehr offensiv verkauft haben. Deshalb hat die Bankbranche auch ein Problem: Die Anlageberatung ist bei vielen Banken zu einer Verkaufsmaschinerie verkommen. Ich bin selbst auch Bankier und muss sagen, dass wir Asche aufs Haupt streuen müssen.
Wie können die Banken dieses Vertrauen wieder herstellen?
Sie müssen sich dieses Vertrauen wieder erarbeiten. Der Prozess in der Anlageberatung muss anders werden. Wahrscheinlich muss man künftig die Kunden nicht mehr nach der Höhe des Vermögens in Kategorien einteilen. Es wäre sinnvoller, die Kunden nach ihrer Risikobereitschaft zu segmentieren. Entscheidend ist zudem, dass die Anlageberater ihren Kunden klarmachen, was in einem Extremfall passieren kann.
Wie beurteilen Sie den Zustand der UBS?
Ich bin überzeugt, dass sich die UBS wieder erholen wird. Aber generell bin ich der Ansicht, dass die beiden Grossbanken für die Schweiz zu gross sind. Die Schweiz muss sich Gedanken machen, wie gross systemrelevante Unternehmen künftig sein dürfen. Dazu gehören die Banken, aber gegebenenfalls auch grosse Lebensversicherer.
Wie soll das erreicht werden?
Eine Zerschlagung wäre möglich, aber wohl zu archaisch. Ich erachte es jedoch als gangbaren Weg, dass die Finanzmarktaufsichtsbehörden höhere Eigenkapitalanforderungen stellen, je grösser die Bank ist. Solche Modelle sollte man studieren.
Glauben Sie, dass die Politik gewillt ist, die Grösse der Banken zu beschränken?
Das ist schwierig zu sagen. Politisch ist die Frage zwar auf dem Tapet. Aber ich glaube, dass die Krise zu wenig gross ist, als dass die Politik den Mut hat, solch massive Einschnitte zu machen. Jetzt stehen wieder andere Themen auf der Traktandenliste: die Schweinegrippe, stark steigende Krankenkassenprämien. Vielleicht in der nächsten Krise.
Welche Lehren müssen die Banken selbst aus der Krise ziehen? Viele Risikomanager haben gewusst, dass ihre Modelle nur bei Schönwetter taugen. Die relevante Frage lautet deshalb nicht einfach: Was ist im Risikomanagement selbst schiefgelaufen. Sondern: Wie kann es sein, dass entsprechende Informationen nicht in die relevanten Gremien kommen – also in den Verwaltungsrat oder zum Präsidenten. Eine Erklärung kann sein, dass man in «unteren Chargen» sich nicht getraute, schlechte – sprich, nicht strategiekonforme – Nachrichten nach «oben» zu tragen. Ich spreche in solchen Zusammenhängen gerne von Risikosoziotopen.
Der Informationsfluss zwischen Frontleuten und der Führung der Grossbanken funktionierte also nicht?
Das ist ein interessanter Bereich. Es gibt zum Beispiel den Guru-Effekt. Dabei handelt es sich um erfolgreiche Mitarbeiter, die beginnen, Informationen zu monopolisieren. Beginnen diese, gewisse Regeln nicht mehr einzuhalten, und werden sie zurechtgewiesen, dann drohen sie mit ihrem Abgang. Schliesslich lässt man sie gewähren. Solche Phänomene sind zentrale und interessante Fragen moderner Corporate Governance.
Doch wie will ein Verwaltungsrat ein Risiko erkennen, wenn er kaum weiss, dass die Bank Ramschpapiere – Stichwort Subprime – in der Bilanz hat.
Doch diese Information müsste ein Verwaltungsrat automatisch erhalten. Und wenn er sie nicht erhält, stellt sich die Frage, warum dies nicht der Fall war. Es kann nicht sein, dass jemand in einer Organisation solche Informationen monopolisiert.
Wo sind weitere Lehren zu ziehen?
Generell im weiten Bereich der Corporate Governance, zum Beispiel der Agency-Problematik – also der Frage, wie sichergestellt werden kann, dass der Verwaltungsrat die Interessen der Aktionäre tatsächlich wahrnimmt. Wir haben hier in den letzten Jahren Fortschritte gemacht, aber die Krise zeigt, dass noch viel zu tun bleibt. (Berner Zeitung)
Erstellt: 04.05.2009, 14:47 Uhr
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20 Kommentare
Der Prof. vergisst nur, dass die Grossbanken in guten Zeiten dem Staat Mia. Fr. in die Kasse spühlte, viele Arbeitsplätze generiert, bishin Geld für kulturelle Engagement sowie das gute Image, die Schweiz als Marke. Verkleinern? Auf die Grösse eines Postbankes oder Kantonalbank? Dann überholen andere Länder die Schweiz. Weniger Jobs etc. Risiken können durch Massnahmen minimiert werden, Herr Prof. Antworten
Wer ist nicht alles Schuld an dieser Krise. Sind nicht in groben Zügen wir alle ein wenig Schuld. Und jetzt sagt uns auf einmal der Herr Professor, dass das von ihm vertretene Shareholder Value Denken mit all dem nichts zu tun hat. Er meint nur die Gier sei es gewesen. Und hat er nicht auf seinen Vorträgen uns immer wieder eingebleut, man müsse alles langfristig sehen. Gier hin oder her. Antworten
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