Swisscom arbeitet an einer Google-Alternative

Der steigende Druck der EU-Wettbewerbsbehörden auf den Internetkonzern Google bremst dessen Geschäfte in Europa. Das Ziel: Mit der Marke Schweiz gegenüber Google Boden gutmachen.

Bild: Max Spring

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Marktbeherrschende Stellung, Recht auf Vergessen, Datenschutz, Urheberrechte: Google gerät immer stärker ins Visier von der Europäischen Union und deren Institutionen. Das EU-Parlament beschloss Ende 2014 die Zerschlagung von Google in einen Suchdienst und in kommerzielle Aktivität. Der Konzern aus Kalifornien mit Forschungszentrum in Zürich macht gute Miene zum bösen Spiel und hat angekündigt, das Geschäft in Europa neu zu organisieren.

Deutscher Manager: «Google ist alternativlos»

Die Debatte um die Marktmacht von Google hat inzwischen auch die europäischen Teppichetagen erreicht: Als erster deutscher Manager räumte Mathias Döpfner, Chef des deutschen Verlags Axel Springer («Bild», «Die Welt», «Beobachter»), die totale Abhängigkeit seiner Firma von der US-Suchmaschine ein. «Google ist alternativlos», stellte Döpfner in einem offenen Brief an Google-Chef Eric Schmidt konsterniert fest.

Über Alternativen zu Google, Facebook und Co. für den Schweizer Markt brüten derzeit Strategieplaner und Softwareentwickler der Swisscom, wie diese Zeitung aus den beteiligten Unternehmensbereichen in Erfahrung bringen konnte. Konkret geht es darum, den Adressverzeichnisdienst Local.ch mit mehr Swissness und mehr lokalem Service zu versehen. Dadurch soll sich dieses Swisscom-Angebot klarer von den weltweit tätigen Internetgiganten unterscheiden.

Bei den Privatnutzern will Local.ch in Zukunft vor allem mit Suchergebnissen punkten, die zuverlässig und inspirierend sind. Längst suchen die Menschen im Internet nicht mehr nur nach Festnetznummern und Postadressen, sondern vor allem nach E-Mail-Adressen und Mobilfunknummern. Immer mehr Haushalte verzichten zugunsten des Smartphones auf einen Festnetzanschluss.

Die Bereitschaft, die Handynummer im herkömmlichen Telefonbuch verzeichnen zu lassen, ist zudem gering. So verdrängen Onlinedienste aus den USA wie Facebook, Skype und Whatsapp zunehmend das klassische Telefonbuch. In sozialen Netzwerken, insbesondere bei Facebook und Linkedin, bei kostenlosen Telefonieangeboten sowie Sofortnachrichtendiensten haben die Nutzer weniger Hemmungen, all ihre Kontaktdaten offenzulegen.

Es mischen also global tätige Konzerne in einem Geschäft mit, das lange Zeit fest in der Hand von lokalen Akteuren war. Local.ch will nun ihre lokale Marktnähe gegenüber den globalen Playern in einen Heimvorteil ummünzen, auch bei Suchergebnissen zu Gewerbetreibenden. «Je mehr sich eine Suchanfrage um die Gebiete ausserhalb der Städte dreht, desto relevantere Ergebnisse können wir bieten», sagt ein Kadermitglied von Local.ch, das nicht namentlich genannt werden möchte. «Aufgrund sehr lokaler Schweizer Kenntnisse können wir uns gegenüber Google unterscheiden.»

Geschäftskunden erhalten Beratung für Suchergebnisse

Weiter sollen die Kundennähe und ein besserer Service die Geschäftskunden überzeugen, für die Dienste von Local.ch zu bezahlen. Die Aussendienstmitarbeiter sollen neu den Unternehmen nicht nur Werbung verkaufen, sondern die Firmen beraten: etwa, wie die Betriebe ihren Onlineauftritt bei Local.ch verbessern können, um damit von potenziellen Kunden besser gefunden zu werden. «Beratung erhält so einen Wert, den ein Konzern aus dem weit entfernten Kalifornien nicht bieten kann», sagt das Kadermitglied von Local.ch.

Es gibt noch einen volkswirtschaftlichen Aspekt: Der gesamte Werbemarkt in der Schweiz ist 3,7 Milliarden Franken schwer. Onlinewerbung trägt dazu bereits 900 Millionen Franken bei. Etwa 300 Millionen Franken Werbeumsätze stammen von Suchdiensten und rund 100 Millionen Franken von Adressverzeichnissen. «Ein Grossteil der Werbebudgets in der Schweiz fliesst zu den globalen Anbietern statt zu Schweizer Dienstleistern», sagt ein Swisscom-Kadermitglied, das ebenfalls Wert auf Diskretion legt.

Hier kommt Search.ch ins Spiel. Die Swisscom und die BZ-Herausgeberin Tamedia haben vor, die Swisscom-Marke Local.ch sowie die Tamedia-Suchmaschine Search.ch in ein gemeinsames Tochterunternehmen einzubringen, an dem der grösste Schweizer Telecomanbieter eine Mehrheit von 69 Prozent hält. Dem Vernehmen nach ist ein Verschmelzen der beiden Marken zu einer einzigen nicht geplant. Hingegen wird geprüft, inwiefern auf Search.ch neu lokale Nachrichten angeboten werden sollen. Das Swisscom-Portal Bluewin.ch könnte als Inhaltelieferantin beigezogen werden.

Zusammen würden Local.ch und Search.ch eine um schätzungsweise 1,8 Millionen Geräte höhere Reichweite erreichen, von denen aus auf beide Dienste zugegriffen würde. Reichweite ist die einzige harte Währung, wenn es um Werbetarife geht. Allerdings liegt der geplante Deal derzeit auf dem Tisch der Wettbewerbskommission (Weko). Ein Entscheid wird für diesen Monat erwartet. Lehnt die Weko ab, zerschlagen sich die Pläne der Swisscom.

Das Weko-Verfahren verfolgt Marc Furrer, Präsident der Eidgenössischen Kommunikationskommission (Comcom), kritisch. «Ich wundere mich manchmal schon, dass bei uns eine Fusion von zwei kleinen Internetfirmen genau unter die Lupe genommen wird, während im gleichen Land globale Anbieter tätig sind, deren Geschäftsgebaren wettbewerbsrechtlich zumindest heikel ist», sagt der Telecomregulator. Aus seiner Sicht ist es nötig, die Kräfte in der Schweiz gegen die grossen Konkurrenten zu bündeln.

Regulator fordert digitale Bildungsoffensive

Seine Aufgabe als Regulator sieht Furrer darin, die nötigen Rahmenbedingungen für die Schweizer Internetbranche zu schaffen. «Dazu gehört, ein leistungsfähiges Netz und einen zuverlässigen Zugang zu diesem zu gewährleisten.» Handlungsbedarf macht Furrer bei der Berufsbildung aus: «Wir bilden zu wenig Spezialisten aus.» Er fordert deshalb eine digitale Bildungsoffensive. Ein Ansinnen, das bei Local.ch auf offene Ohren stösst. Etwa siebzig der achthundert Mitarbeiter sind hoch spezialisierte Softwareentwickler, ein relativ hoher Anteil.

Auf Anfrage bestätigt die Swisscom die Ambitionen von Local.ch. «Es müssen vor allem Rahmenbedingungen geschaffen werden, damit lokale Anbieter wie Local.ch nicht benachteiligt werden. Wir brauchen starke Schweizer Anbieter, die den globalen Playern Paroli bieten können», sagt Firmensprecher Sepp Huber mit Blick auf den Weko-Entscheid. Der Markt für Kommunikations- und Informationstechnologie müsse auch von den Wettbewerbsbehörden als das anerkannt werden, was er sei – «ein globaler Markt». (Berner Zeitung)

(Erstellt: 06.03.2015, 09:43 Uhr)

Stichworte

Artikel zum Thema

Neues Swisscom-Rechenzentrum in Bern

Am Dienstag hat die Swisscomin Bern-Wankdorf ihr neues Rechenzentrum eröffnet. Wegen der Standards bei Verfügbarkeit und Energieverbrauch gilt es als modernste Anlage der Schweiz. Mehr...

Wegen iPhone 6: Swisscom-Chef ärgert sich über Apple

Das Geschäftsjahr 2014 läuft gut für die Swisscom. Der Markteinstieg von Netflix ins TV-Geschäft und Lieferprobleme beim iPhone 6 nehmen Konzernchef Urs Schaeppi aber in Anspruch. Mehr...

«Die Produktpiraterie ist der grösste Konkurrent von Netflix, nicht Swisscom»

Der US-Onlinevideodienst Netflix verändert die Sehgewohnheiten der Fernsehzuschauer. Im Interview spricht Konzernchef und Mitbegründer Reed Hastings über den Markteinstieg in der Schweiz. Mehr...

Werbung

Kommentare

Die Welt in Bildern

Jetzt wird wieder in die Hände gespuckt: Angela Merkel, Barack Obama, Shinzo Abe und weitere Politiker greifen beim Ise-Jingu Schrein in Japan zur Schaufel und pflanzen Bäumchen (26. Mai 2016).
(Bild: Carolyn Kaster) Mehr...