Steiner-Käufer: «Ich habe Schmetterlinge im Bauch»

Von Andreas Flütsch. Aktualisiert am 17.03.2010

Indiens Baulöwe Ajit Gulabchand will das Können des Schweizer Generalunternehmens Karl Steiner nutzen, um im Immobiliengeschäft zu expandieren.

Baut in Indien ganze Städte: Ajit Gulabchand.

D.Meienberg

Ein für sein Geschäft sehr angenehmes Problem hat Ajit Gulabchand veranlasst, sich in Europa nach einem Partner umzusehen. «In Indien ziehen in den nächsten vier Jahrzehnten 400 Millionen Menschen in die Städte», sagt der Chef von Indiens zweitgrösster Ingenieur- und Baufirma Hindustan Construction Company (HCC). Gleichzeitig sei mehr als die Hälfte der Bevölkerung unter 25 Jahre alt. «Um den riesigen Bedarf an Wohnraum zu decken, muss Indien 500 neue Städte bauen, bestehende Städte erneuern und vergrössern», sagt Gulabchand.

Ihm gehören 40 Prozent des vor 80 Jahren von seinem Onkel gegründeten Baukonzerns. HCC ist seit 1984 an der Börse, die übrigen 60 Prozent des Aktienbesitzes sind breit gestreut. «Wir brauchen neue Städte, und das sehr schnell», sagt Gulabchand. Die Übernahme des Schweizer Generalunternehmens Karl Steiner (TA von gestern) soll HCC dabei helfen, von diesem Bauboom voll zu profitieren.

Denn bis vor kurzem war HCC im Heimmarkt Indien vorab auf Grossprojekte im Tiefbau spezialisiert. «Jedes vierte Wasserkraftwerk, jedes zweite Kernkraftwerk, ein Zehntel von Indiens Strassennetz wurde von uns gebaut», sagt Gulabchand: «Wir bauen aber auch Staudämme, Brücken, Tunnels und neuerdings ganze Städte.»

Eine Stadt für 300 000 bauen

Vor vier Jahren ist die in Mumbai domizilierte HCC auch ins Hochbaugeschäft eingestiegen. Aber das Immobiliengeschäft ist Gulabchand mit einem derzeitigen Projektvolumen von 1,2 Milliarden Dollar für Wohnbauten und Büros noch zu klein: «Wir wollen das Immobiliengeschäft in den nächsten Jahren auf fünf bis sechs Milliarden Dollar ausweiten.»

Ein Anfang ist gemacht. Südwestlich von Mumbai baut HCC in einem 100 Quadratkilometer grossen Hügelgebiet mit Seen eine Stadt namens Lavasa, die im Endausbau Platz für 300 000 Einwohner und 2 Millionen Touristen im Jahr bieten soll. Und HCC plant bereits eine weitere Grossstadt auf dem Reissbrett.

HCC hat zwar 3000 Bauspezialisten, unter ihnen 2000 Ingenieure, und managt Baustellen mit insgesamt 38 000 Bauarbeitern. Um gute, nachhaltige Städte zu bauen, braucht es laut Gulabchand aber mehr. «Europa ist immer noch führend im Städtebau. Um Zugang zu diesem Können zu haben, müssen wir in Europa präsent sein.»

Steiner nach Indien exportieren

Es möge ja sein, dass Karl Steiner eine schwierige Phase habe, sagt der Baulöwe. Er wisse auch, dass die Schweizer im Ausland nicht immer glücklich agierten. Das Generalunternehmen sei dennoch ein guter Kauf. «Karl Steiner bringt viel Knowhow und Spezialisten im Bau hoch qualitativer Immobilienlösungen mit», sagt Gulabchand, «diesen Erfahrungsschatz wollen wir nutzen, um gemeinsam den indischen Markt auszubeuten.»

Er sei sich der Risiken bewusst, die der Kauf berge. «Natürlich habe ich Schmetterlinge im Bauch», sagt Gulabchand, «sie machen mich wachsam, das erhöht die Überlebenschancen.» Er lacht schallend. Man solle sich aber nicht allzu viel sorgen: In Indien Geschäfte zu machen, sei «mindestens fünf Mal so hart wie in der Schweiz». Aber für fast jedes Problem gebe es letztlich eine Lösung.

Der Mann strahlt ein Selbstbewusstsein aus, wie es im Westen in der Hochkonjunktur der Sechziger- und Siebzigerjahre herrschte, als Politiker ständig neue Autobahnen und Überbauungen einzuweihen hatten. Von Steiners Spezialisten wird erwartet, dass sie die in Europa gesammelte Erfahrung, städtebaulich anspruchsvolle Grossprojekte in langwierigen Prozessen mit Behörden und Kunden zu planen und zu bauen, einbringen. «Wir wollen die Arbeitsweise von Steiner in Indien vervielfältigen», sagt Gulabchand.

Schweiz als Basis für Europa

Gewöhnungsbedürftig dürfte für die Steiner-Leute sein, wie HCC in Indien im Auftrag von Regionalregierungen ganze Städte baut. Das geht so weit, dass ein von HCC und der Provinzregierung geschaffener Zweckverband Lavasa gemeinsam managen werden. Die Firma hat einen «City-Manager aus den USA» angestellt, der direkt dem Präsident der Retortenstadt unterstellt ist. «Dieses intensive Zusammenspiel zwischen Privaten und Behörden beim Bau und Betrieb von Städten ist ein stark ausbaufähiges Modell», glaubt Gulabchand.

Karl Steiner dient HCC als Basis für den Aufbau des Europageschäfts. «Wir werden die Marktanteile im stabilen, aber limitierten Markt Schweiz erhöhen», sagt Gulabchand. Auch in den Nachbarländern der Schweiz sehe er Potenzial: «In Europa wird die öffentliche Hand den Privaten mittelfristig eine viel bedeutendere Rolle beim Bau und Betrieb von Infrastrukturprojekten wie Strassen oder Flughäfen einräumen.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.03.2010, 08:32 Uhr

0

Kommentar schreiben







 Ausland



Verbleibende Anzahl Zeichen:

Mit dem Absenden des Kommentars erklärt sich der Leser mit nachfolgenden Bedingungen einverstanden: Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt. Telefonische Auskünfte werden keine erteilt. Ihr Kommentar kann auch auf Google und anderen Suchseiten gefunden werden.

Noch keine Kommentare

Wirtschaft

Populär auf Facebook Privatsphäre

Meistgelesen in der Rubrik Wirtschaft

Telefonbuch

Marktplatz

Umfrage

Waren Sie schon mal in einem Pfingstlager?




Internet auf dem Fernsehen: Der Trend geht klar in diese Richtung. Werden Sie sich einen Smart TV kaufen?

Ja, auf jeden Fall

 
15.1%

Nein, interessiert mich nicht

 
40.2%

Erst wenn die Geräte billiger geworden sind

 
35.1%

Ich habe schon einen

 
9.7%

3308 Stimmen