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Short-Selling ist kein Teufelszeugs

Von Markus Diem Meier. Aktualisiert am 19.05.2010 44 Kommentare

Die deutsche Aufsicht untersagt in Teilen die Spekulation auf fallende Kurse. Genau besehen entpuppt sich die Massnahme als wirkungsloser PR-Gag auf Kosten einer unverstandenen Branche.

Short selling: Wer auf fallende Kurse setzt ist nicht zwingend ein Schädling.

Short selling: Wer auf fallende Kurse setzt ist nicht zwingend ein Schädling.

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Autor: Markus Diem Meier.

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Naket Short Selling, Leerverkäufe, CDS

Auf sinkende Kurse spekulieren lässt sich zum Beispiel mit Leerverkäufen. Anleger – vor allem Hedge Funds – leihen sich Aktien oder Anleihen aus, bei denen sie glauben, dass ihre Kurse sinken werden. Geht ihre Rechnung auf, können sie die Anlagen billiger zurückkaufen und an die Besitzer zurückgeben. Der Kursunterschied abzüglich die Kosten für die Ausleihe ist ihr Gewinn. Nackte Leerverkäufe funktionieren so, dass man die Titel bereits verkauft, bevor man sie besitzt – in der Hoffnung, dass sie bis zum Liefertermin bereits an Wert verloren haben.

Auf fallende Kurse - in der Regel von Anleihen - kann man aber auch mit so genannten «Credit Default Swaps» CDS spekulieren – die Derivate bezeichnen handelbare Kreditausfallversicherungen. Wer Staatsanleihen von Griechenland besitzt und sich gegen deren Ausfall versichern will, kann CDS kaufen. Wie bei jeder Versicherung bezahlt er eine Prämie, wird aber vom Verkäufer des CDS entschädigt, wenn Griechenland die Anleihe gar nicht mehr oder nur noch teilweise zurückbezahlt. Je grösser die Zweifel an der Kreditfähigkeit eines Staates steigt, desto mehr wert hat die Versicherung CDS, das heisst man kann sie für noch höhere Prämien weiterverkaufen. Wenn jemand die Staatsanleihe gar nicht besitzt und einen CDS nur kauft, um von der grösseren Ausfallwahrscheinlichkeit zu profitieren, nennt man das eine nackten CDS-Kauf.

Stichworte

Spekulanten seien schädlich, solche die auf einen Kurszerfall setzen noch schlimmer. Am teuflischsten seien aber jene, die auf fallende Kurse setzen, ohne dass sie dafür einen achtbaren Grund haben. Etwa wenn sie Kreditversicherungen für Staatsanleihen kaufen, ohne die Staatsanleihen auch zu besitzen. So zumindest scheint das in der Öffentlichkeit wahrgenommen zu werden, so erzählen es die Politiker. Es ist falsch.

Doch ein Verbot solcher Praktiken eignet sich dennoch vorzüglich als Marketingmassnahme. Umso mehr, wenn die Politik bisher mit der grössten Krise der Gemeinschaftswährung nicht fertig wird. Eine Marketingmassnahme war bereits die Forderung der europäischen Finanzminister nach einer Transaktionssteuer, die international einzuführen sei und daher ohnehin keine Chance hat. Jetzt will die Regierung in Teilen das sogenannte «Short Selling» verbieten, um das eigene Parlament für die Milliardenkredite zur Stabilisierung des Eurosystems milde zu stimmen. Die offizielle Begründung: Die ausser Rand und Band geratenen Märkte könnten so stabilisiert werden. In Wahrheit setzt diese Art von Spekulation erst ein, wenn die Unsicherheit schon da ist. In diesem Fall liegt deren Ursache bei der Politik selbst.

Warum die Massnahme ihr Ziel verfehlt

Beim Short-Selling handelt es sich um Anlagestrategien die sich dann auszahlen, wenn Kurse sinken (für eine Beschreibung der Strategien siehe Box). Auf Druck der deutschen Regierung hat die die Regulierungsbehörde BaFin ein Teil dieser Anlagestrategien – das sogenannte «Naked Short Selling» – auf die Aktien von 10 grossen Banken und Versicherungen sowie auf einige Europäische Regierungsanleihen vorläufig bis zum 31. März des nächsten Jahres untersagt.

Wirkungslos im Sinn der Absicht bleibt die Massnahme aus drei Gründen. Erstens sind die meisten Hedge Funds, die solche Strategien ausführen, ohnehin in London tätig und bleiben damit von der Massnahme der Deutschen unbeeindruckt. Zweitens lassen sich die Strategien auch durch finanztechnische Tricks umgehen.

Drittens ist noch nie das Vertrauen gestiegen, wenn man den Überbringer schlechter Nachrichten geköpft hat – im Gegenteil. Doch das Verbot hat genau diese Absicht. Die Spekulation auf fallende Kurse ist nie die Ursache für einen anhaltenden Kursverfall. Wäre das Vertrauen in das Eurosystem und die beschlossenen Rettungsmassnahmen dominierend, wäre eine Spekulation nach unten bei Staatsanleihen oder auch bei europäischen Banken ein viel zu gefährliches Spiel. Die Kurse würden steigen.

Der Vertrauensverlust ist nicht die Folge, sondern die Ursache

Der Wertverlust des Euro, wie auch jener der deutschen Bankaktien, drückt das Misstrauen auf den Märkten aus. Verkäufe dieser Titel sind die Folge, nicht die Ursache – sie finden mit oder ohne die nun verbotenen Short-Strategien statt. Das zeigt sich überdeutlich auch an der Konsequenz des Verbots: Der Titel der Deutschen Bank (die zu den neu «geschützten» Banken gehört) ist heute Morgen um mehr als 3 Prozent eingebrochen, der Kurs des Euro pro Dollar sogar auf unter 1,22.

Die Banken sind in der Öffentlichkeit nach der Finanzkrise besonders unbeliebt. Massnahmen, die scheinbar deren Spekulationen unterbinden, kommen in der Öffentlichkeit daher gut an. Bei der neusten Massnahme – hätte sie Wirkung – würden allerdings in den Chefetagen der Banken die Champagnerkorken knallen: Könnte die Politik tatsächlich verhindern, dass die Kurse ihrer Aktien fallen, hätten die Topmanager der Banken praktisch eine staatliche Garantie auf stetig steigende Boni, da diese von den Aktienkursen abhängen. Bei aller Polemik und allen Scheinmassnahmen der Politik: Wirklich in die Pflicht genommen wurden die Finanzinstitute in dieser ganzen Krise noch nie.

Shortseller mag niemand

Die Shortseller sind nicht die Schädlinge, die das Finanzsystem destabilisieren, als die sie oft bezeichnet werden. Vielfach trifft sogar das Gegenteil zu. Sie gehen das weit grössere Risiko ein, als jemand, der auf steigende Kurse spekuliert. Wer einen Titel kauft, kann maximal dessen Wert verlieren. Die Verluste eines Leerverkäufers sind theoretisch unbegrenzt. Die Möglichkeit, nach unten zu spekulieren, kann überdies Übertreibungen an Kapitalmärkten frühzeitig verhindern, die ansonsten zu Blasen führen, und so die Märkte sogar stabilisieren. In seinem ausgezeichneten Buch «The Big Short» über die Finanzkrise beschreibt der Bestsellerautor Michael Lewis eindrücklich die Geschichte von einigen solcher «Spekulanten», die frühzeitig den Irrsinn auf den US-Immobilienmärkten erkannt haben. Die Erzählung macht klar, wieso Shortseller von allen gehasst werden. Sie sind die tätigen Zweifler, sie verderben die Party von der alle auf Kosten der Zukunft leben. Hätte es mehr von ihnen gegeben, wäre es nicht zur Katastrophe gekommen, die mit dem Beinahekollaps des Weltfinanzsystems geendet hat. (Bernerzeitung.ch/Newsnet)

Erstellt: 19.05.2010, 13:17 Uhr

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44 Kommentare

Kurt Meier

19.05.2010, 20:40 Uhr
Melden 3 Empfehlung

Ist ja klar dass dieser Unsinn von den Schmarotzern und Profiteuren mit solchen Artickeln gut-geheissen und schöngeredet wird ! Soll sogar gesund sein ! .... Weg mit solchen Geschäften und zwar sofort ! Antworten


Dieter Wundrak-Gunst

19.05.2010, 17:24 Uhr
Melden 2 Empfehlung

Toll wie die Befürworter das short selling positiv verkaufen. Verstehe ganz gut, wenn man mit diesem Geschäft sein Brot verdient, dann kann man es nur bejahen. Passieren kann einer grossen Bank ja nichts. Geht man nämlich mit all diesen mathematischen Zick Zack Spielen pleite, dann ist ja der Staat da. Und der Staat der sind wir. Also am Schluss zahlen wir als Steuerzahler dies alles. Risiko = O. Antworten



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