Unappetitliche Zustände bei Migros-Fleischverarbeiter

Für die Angestellten von Micarna ist der Druck zu hoch. Werden sie deswegen krank, sollen sie durch Temporärarbeiter aus Osteuropa ersetzt werden. Die Firma relativiert.

Harter Job: Angestellte des Fleischbetriebs Micarna zerschneiden Fleischstücke. (Archiv)

Harter Job: Angestellte des Fleischbetriebs Micarna zerschneiden Fleischstücke. (Archiv) Bild: Keystone

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Um die Arbeitsbedingungen im Unternehmen Micarna in Bazenheid SG scheint es nicht gerade rosig bestellt. Die SRF-Sendung «Kassensturz» hat aufgedeckt, dass seitens der Angestellten und der Gewerkschaft schwere Vorwürfe gegen den Betrieb erhoben werden. Viele der 2700 Mitarbeitenden würden dem Druck der Fliessbandarbeit nicht mehr standhalten, lautet einer der Kritikpunkte.

Arbeitnehmern, die physisch und psychisch krank geworden waren, sei von der Migros-Firma gekündigt worden, weil sie nicht mehr schnell genug hätten arbeiten können. Gewerkschaften monieren zudem, dass krankes Personal aussortiert würde, gleichzeitig aber billigere Temporärarbeiter aus Osteuropa zum Einsatz kämen.

Neue Anlage – höheres Tempo

Im Interview nimmt Micarna zu den Vorwürfen Stellung und erklärt, dass die neuen Abläufe einer Verbesserung gleichkämen. Ausserdem gebe es Meldestellen, an die sich Angestellte mit ihren Problemen wenden könnten. Geschäftsführer Albert Baumann bemerkt allerdings, dass die Arbeit in der Zerlegerei ein knochenharter Job sei. Und wenn ein Mitarbeiter wegen Krankheit entlassen worden sei, dann sei etwas falsch gelaufen.

Mehrere Mitarbeiter haben gegenüber der Redaktion der TV-Sendung erklärt, dass das Tempo am Fliessband massiv erhöht worden sei, als vor zwei Jahren eine neue Anlage in Betrieb genommen worden sei. Früher seien 140 Schweine pro Stunde zerlegt worden, heute seien es 220 pro Stunde. Das Unternehmen spricht allerdings von maximal 170 Tieren. Auf diese Kritik entgegnet Baumann Folgendes: «Die neue Zerlegerei hat eine grössere Leistung, aber die neuen Arbeitsplätze sind ergonomischer als früher. Viele langjährige Mitarbeiter haben kein Problem damit, und die Absenzquote ist tiefer als vorher. Die neue Zerlegerei wurde zusammen mit der Suva und der Swica entwickelt.»

Die Sache mit den Minusstunden

«Kassensturz» weiss von etlichen Mitarbeitern von Micarna, die an einem Burnout erkrankt und daraufhin entlassen worden seien. In der Branche wird ausserdem immer mehr auf ausländische Hilfskräfte aus Osteuropa gesetzt. «Die Firmen zahlen sie nur für diese Zeit und können sie dann sehr schnell wieder loswerden. Die Temporärfirma übernimmt das Einstellungsverfahren, man muss sich nicht um Pensionskassensachen kümmern», erklärt Gewerkschafterin Anke Gähme.

Als besonders ungerecht empfinden etliche Angestellte das System der Minusstunden. Wenn weniger Arbeit vorhanden ist, wird nicht das Band langsamer laufen gelassen, sondern die Arbeiter früher nach Hause geschickt. Die Minusstunden müssen dann nachgeholt werden. «Kassensturz» liegt eine dementsprechende Lohnabrechnung vor – bei dieser wurde das Minus im Zeitsaldo beim Austritt vom Lohn abgezogen.

Arbeitsrechtsexperte Georges Chanson relativiert. In der Schweiz existiere kein starker Kündigungsschutz. Doch Mitarbeiter zu Minusstunden zu zwingen und diese beim Austritt vom Lohn abzuziehen, sei nicht rechtskonform. «Das ist ein Verstoss gegen die Regel, dass der Arbeitgeber das Betriebsrisiko trägt, dass er auch dann Lohn bezahlen muss, wenn er keine Arbeit hat», erklärt der Zürcher Jurist.

(fal)

(Erstellt: 16.03.2016, 14:42 Uhr)

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