Schwacher Euro: Schweizer Patrons wollen Jobs ins Ausland verlagern
Der Fall des Euro von 1.50 Franken auf 1.40 hat die Margen vieler Firmen halbiert: Arbeiterin in Schweizer Elektrobetrieb. (Bild: Keystone )
Denkt übers Auswandern nach: Urs Spielmann in seiner Fabrik in Jona. (Beat Marti)
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Eigentlich wollte Paul Oertli den Stützpunkt in Holland schliessen. Die Produktion dort war mit 10 Mitarbeitern zu klein, um zu rentieren. Seit der Euro immer mehr schwächelt, denkt der Chef der Bülacher Maschinenfirma Oertli über das Gegenteil nach. Die Firma produziert Präzisionswerkzeuge für die Holz- und Kunststoffbearbeitung, zwei Drittel werden exportiert, vorab nach Deutschland. «Aus heutiger Sicht müssten wir in Holland auf 40 bis 50 Personen ausbauen, weil der Standort im Euroraum wegen des Wechselkurses kostengünstiger geworden ist», sagt Oertli, der das 1923 vom Grossvater gegründete Unternehmen in dritter Generation führt. «Eine solche Verlagerung würde bedeuten, dass in der Schweiz die entsprechenden Arbeitsplätze verloren gehen», sagt Oertli, «wie der Entscheid ausfallen wird, hängt von der weiteren Entwicklung des Wechselkurses ab.»
Kurzfristiges Umdenken wegen Euro–Krise
Neben Oertli denken weitere Inhaber von Industrie-KMU darüber nach, die Produktion in Euroländer zu verschieben, um konkurrenzfähig zu bleiben. Urs Spielmann, der die Firma Feinstanz in Jona 2002 übernommen hat, ist einer von ihnen. Aus Platzgründen steht ohnehin ein Umzug der Produktion an. «Bisher gingen wir davon aus, dass der neue Standort selbstverständlich in der Region sein wird», sagt Spielmann, «jetzt müssen wir auch eine vollständige Verlagerung der Produktion ins Ausland prüfen.» Die 62 Arbeitsplätze in Jona sind gefährdet. «Wir rechnen damit, dass der Euro schwach bleibt, sogar weiter fällt und sich auf tiefem Niveau stabilisieren wird», sagt Spielmann.
«Hält der Abwärtstrend an», sieht Feinstanz ihr Geschäftsmodell, in den Hauptmarkt Euroraum zu exportieren, als «nicht mehr erfolgversprechend». Feinstanz entwickelt und produziert für Kunden unterschiedlichste Maschinenteile. Die Zukunft der Produktion in Jona hängt davon ab, so Spielmann, ob die Eurostaaten ihre Schulden in den Griff bekommen und damit eine dauerhafte Abwertung des Euro vermeiden. Sonst bleiben nur zwei Auswege. «Die Verlagerung der Produktion, etwa nach Ostdeutschland oder Tschechien», sagt der Firmeninhaber, «oder wir werden Teil einer grösseren Gruppe, die das Euro-Risiko besser ausgleichen kann.» Letzteres entbehrte nicht der Ironie. Feinstanz gehörte bis zur Abspaltung zum deutschen Familienkonzern Schaeffler.
Auswirkungen sind dramatisch
Bislang betrieben vorab Industriekonzerne Jobverlagerung im grossen Stil, jetzt wird sie im industriellen Mittelstand zum Thema. «Die Gefahr von Verlagerungen ist real», sagt Ruedi Christen vom Industrieverband Swissmem, «wir kennen eine Reihe von Unternehmen, die dies prüfen, wenn der Euro schwach bleibt.» Wird der Euro zur «Schwachwährung, ist das Schadenpotenzial für exportierende KMU hoch», glaubt der Inhaber von Feinstanz.
Der Fall des Euro von 1.50 Franken auf 1.40 hat die Margen halbiert, sagte Johann Schneider-Ammann, Präsident des Industrieverbands Swissmem, am Donnerstag am Industrietag. Am Freitag krebste der Euro um 1.35 Franken, die Margen schrumpfen weiter. «Jeder gibt das Währungsrisiko weiter, wo immer er kann», sagt Spielmann: «Wir haben auch schon erste Schweizer Kunden, die uns in Euro zahlen.» Feinstanz selbst fakturiert für Lieferanten ebenso in Euro.
Um Kosten zu sparen, kaufen betroffene Exporteure möglichst viel in Euroländern ein, sagte der Swissmem-Präsident am Industrietag, «damit treffen wir aber unsere einheimischen Zulieferer».
Der Einkauf im Euroraum kompensiere nur gut die Hälfte der Einbussen, sagt Oertli. Unterm Strich verliere er wegen des schwachen Euro jeden Monat 50 000 Franken. «Die Auswirkungen sind dramatisch», sagt Oertli, «bleibt der Franken bis Ende Jahr so hoch, kommen wir schwer ins Schleudern, weil der Gewinn praktisch aufgefressen wird.» Auch Spielmann bleibt in diesem Fall «nur noch ein kleiner Gewinn».
Asien für KMU nicht die Lösung
Nur ganz wenige KMU-Unternehmer reden offen über ihre Pläne wie Oertli und Spielmann. Die Euro-Schwäche trifft aber Tausende von KMU in ihrer Grösse. Oertli hat 200 Mitarbeiter in der Schweiz, weitere 150 im Ausland im Vertrieb und im Service. Wenn Oertli Holland ausbauen muss, kostet das in Bülach einige Dutzend Jobs. Die Mehrheit der Schweizer Produktionsjobs bleibt vorerst erhalten. Anders sieht es bei Feinstanz aus. Wegen ihrer Kleinheit müsste die Firma «die Produktion vollständig verlagern».
Mit 62 Leuten sind Feinstanz und viele andere KMU zu klein, um in China zu produzieren. «Um in Asien mitzuhalten, müssten wir dort eine grössere Fabrik aufstellen als hier, was wir nur mit zusätzlichen Investoren finanzieren könnten.» Er exportiere nur 10 Prozent ausserhalb der EU, sagt Spielmann, «Asien und die USA sind für uns nicht die Lösung des Problems.» Europa sei klar der Hauptmarkt, sagen Oertli und Spielmann. Die Lösung sehen sie in Verlagerungen in den Euroraum, der eine denkt über eine teilweise Verlegung der Produktion nach, der andere würde die Zelte hier ganz abbrechen.
Der schwache Euro sei «natürlich ein Nachteil im Export aus der Schweiz», heisst es auch bei Georg Fischer, einem global aufgestellten Grosskonzern: «Wir reduzieren das Währungsrisiko, indem wir so weit möglich, im gleichen Währungsraum einkaufen, produzieren und verkaufen.» Produzieren? Auch die Grossen dürften weitere Jobs ins Ausland verfrachten.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 28.06.2010, 06:28 Uhr
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