«Pirlo hat mir imponiert – an ihm sind wir dran»
Berner Sportriese
Der 54-jährige Franz Julen hat bislang die Euro am Fernseher verfolgt. Doch morgen wird er als Zuschauer des Halbfinals zwischen Italien und Deutschland im Stadion sein. Auch für den Final hat der Walliser ein Ticket.
Julen leitet seit über zwölf Jahren von Bern aus die Geschicke von Intersport International. Dabei handelt es sich um die Dachgesellschaft, die 13 Ländergesellschaften gehört, darunter Intersport Schweiz. Intersport
International beschäftigt in der Schweiz 135 Mitarbeiter und 140 in China.
Als Lizenzgeber bietet das Unternehmen seinen 42 Ländergesellschaften Produktsortimente, Marketing- und Ladenkonzepte an und ist für die Expansion zuständig. Im vergangenen Jahr erzielte Intersport in den 5400 Geschäften, die zumeist von selbstständigen Unternehmern geführt werden, einen Einzelhandelsumsatz von 9,9 Milliarden Euro.
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Spanien, Portugal, Deutschland und Italien sind die vier Halbfinalisten der Euro 2012. Sind es aus sportlicher Sicht die richtigen?
Franz Julen: Ja sicher. Die deutsche und die italienische Mannschaft haben den Halbfinaleinzug verdient. Spanien auch, selbst wenn die Mannschaft ihr Potenzial noch nicht ausgeschöpft hat. Und Portugal hat sich Schritt für Schritt gesteigert.
Und fehlt Ihnen kein Team?
Nein. Seit ich ein kleiner Junge war, schlug mein Fussballerherz für Italien und England. Aber die Engländer spielten zu defensiv und zu statisch.
Und wer wird jetzt Europameister?
Mein Sportlerherz sagt Italien, als Geschäftsmann hoffe ich indes auf Deutschland. Intersport erzielt dort über 30 Prozent des weltweiten Fussballumsatzes. In Deutschland herrscht derzeit eine riesige Begeisterung. All das hilft uns, in Deutschland fantastische Umsätze im Fussballgeschäft zu erzielen.
Wie läuft das Geschäft in den anderen Ländern?
Ich bin sehr zufrieden. Bis Ende Mai lagen unsere Umsätze 4 Prozent über den Zahlen von 2011. Auch im Juni liegen wir dank der Euro klar über dem Vorjahr. Intersport ist das offizielle Sportgeschäft der Euro 2012 und exklusiv für die Verkäufe in den Stadien und Fanzonen zuständig. In Polen sind wir mit 27 Läden und rund 350 Mitarbeitern vertreten. In der Ukraine sind es 36 Shops mit rund 900 Mitarbeitern. Dort ist Adidas für die Umsetzung zuständig, weil Intersport in der Ukraine noch nicht vertreten ist.
Lief das Turnier in Ihrem Sinn als Chef von Intersport International?
Im Halbfinal sind mit Deutschland, Italien und Spanien drei unserer wichtigsten Fussballländer vertreten und mit Adidas, Nike und Puma auch unsere drei grössten Fussballlieferanten. Die Euro hätte für Intersport nicht besser laufen können. Wermutstropfen für uns ist, dass die Gastgeberländer Polen und die Ukraine die Qualifikation für die Viertelfinals nicht geschafft haben. Das war für die Stimmung in den beiden Ländern ein Dämpfer. Unerfreulich für Intersport war zudem, dass auch Russland in der Vorrunde scheiterte. Die russischen Fans decken sich in und um die Stadien sehr rege mit Fanartikeln ein. Da können nur noch die englischen Fans mithalten.
Es heisst, dass es sich Intersport einen mittleren einstelligen Millionenbetrag kosten lässt, offizielles Geschäft der Euro zu sein.
Die Vertraulichkeitsklausel im Vertrag mit dem Europäischen Fussballverband Uefa verbietet es mir, diese Frage zu beantworten.
Die internationalen Fussballverbände können immer höhere Preise für ihre Plattformen verlangen. Kommt das Geschäft mit dem Fussball nun langsam an seine Grenzen?
Nein, überhaupt nicht. Vor zwei bis drei Jahren haben wir gedacht, dass nun die geburtenschwachen Jahrgänge ins Fussballalter kommen und dass das Fussballgeschäft nun an Grenzen stösst. Doch dem ist nicht so. Der Hype rund um den Fussball ist immer noch sehr gross. 2011, in einem Zwischenjahr – das heisst einem Jahr ohne WM und EM –, erzielte Intersport mehr Umsatz im Fussballbereich als 2010, als die WM in Südafrika stattfand.
Wenn eine Mannschaft wie Holland unerwartet früh ausscheidet, bleiben Sie dann auf diesen Trikots sitzen?
Es gibt frühestens auf die WM 2014 hin, also im Dezember 2013, neue Kollektionen der Trikots. Deshalb können wir diejenigen, die wir im Verlauf der Euro nicht verkaufen können, im Verlauf der Qualifikationsphase für die WM 2014 anbieten.
Wie an jedem grossen Turnier gab es auch für die Euro 2012 mit dem Tango einen speziellen Ball. Doch dieser sorgte nicht für so viele Schlagzeilen wie der «Flatterball» Jabulani in Südafrika. Wie wirkte sich das auf die Verkäufe aus?
Ich gehe davon aus, dass wir zwischen 850'000 und 900'000 Stück verkaufen werden. Damit liegen wir unter dem Wert für den «Teamgeist», den Ball der Fussball-WM in Deutschland. Doch damals gab es in Deutschland eine riesige Euphorie; es gab noch keinen Ball der Champions League und keine Bälle der nationalen Ligen. Und ein weiterer Vergleich: Anlässlich der WM in Südafrika verkauften wir 910000 Jabulani-Bälle.
Die Schweiz war an der Euro nicht dabei. Wie stark haben die Umsätze von Intersport in der Schweiz gelitten?
Es macht einen grossen Unterschied, ob ein Land bei einem Turnier dabei ist oder nicht. Deshalb liegen die Fussballumsätze in der Schweiz um die 10 Prozent unter den Umsätzen von vor zwei Jahren oder vor vier Jahren.
Der Vertrag mit der Uefa läuft bis 2018. Wollen Sie den Vertrag danach verlängern?
Wir werden alles daransetzen, dass wir langfristig mit der Uefa zusammenarbeiten können.
Bei den Fussballweltmeisterschaften, welche der Weltverband Fifa organisiert, ist Intersport noch nicht das offizielle Sportgeschäft. Welche Pläne haben Sie diesbezüglich?
Intersport war im vergangenen Jahr das offizielle Sportgeschäft anlässlich der Fussball-WM der Damen in Deutschland. Und wir sind daran interessiert, künftig enger mit der Fifa zusammenzuarbeiten.
Zurück zum aktuellen Turnier: Welcher Spieler hat Sie am meisten überrascht?
Mir imponiert immer noch Andrea Pirlo. Seine Eleganz, seine Übersicht und seine Technik sind herausragend. Und mit seinen tödlichen Pässen in die Tiefe ist er sehr gefährlich.
Welche Mannschaft hat Ihnen am besten gefallen?
Mich hat das deutsche Team sehr beeindruckt. Vor allem die Breite des Kaders ist sehr gross. Und man sieht, dass ein Team am Werk ist. Positiv hat mich auch Italien überrascht, das für italienische Verhältnisse sehr offensiv spielt. Deshalb ist für mich Deutschland gegen Italien der vorweggenommene Final.
Welche Mannschaft hat Sie enttäuscht?
Holland. Fussball ist eine Mannschaftssportart. Doch bei Holland waren Einzelkämpfer und Selbstdarsteller am Werk. So kam das Resultat heraus.
Einige Tiefschläge musste zuletzt der holländische Star Arjen Robben einstecken, der bis zur Euro mit einem Schuh spielte, den es exklusiv bei Intersport zu kaufen gibt. Ärgert es Sie, wenn ein solcher Spieler kläglich Penaltys vergibt?
Nein, das ist ein Teil des Spiels. Das gehört zum Fussball. Ausserdem spielen so viele Fussballer mit exklusiven Schuhen von Intersport, dass sich dies über die Zeit wieder ausgleicht. Aber es ist natürlich für unsere Verkäufe besser, wenn ein Spieler Erfolg hat.
Haben Sie an der Euro einen Spieler entdeckt, von dem Sie möchten, dass er mit einem exklusiven Schuh von Intersport spielt?
Ich habe den Namen schon erwähnt: Andrea Pirlo. Da sind wir dran.
Zum Schweizer Fussball: Die letzte Saison der Super League war zum Vergessen. Was muss geschehen, dass sich so etwas nicht wiederholt?
Das Produkt Super League hat sich in den vergangenen Jahren dank den neuen Stadien stark verbessert. Aber die Klubs müssen realistisch bleiben. Denn wegen der Fernsehlandschaft mit der monopolistischen Stellung des Schweizer Fernsehens sind die finanziellen Möglichkeiten kleiner als in ausländischen Fussballligen. Zudem sind das Zuschauer- und das Sponsoreninteresse im Vergleich zum Ausland bescheiden.
Was bedeutet das?
In der Schweiz kann ein Klub nur profitabel arbeiten, wenn er entweder in der Champions League präsent ist. Oder er verfügt über eine hervorragende Nachwuchsabteilung und kann junge Spieler teuer ins Ausland verkaufen. Die dritte Möglichkeit besteht darin, dass der Klub im Ausland junge Spieler günstig einkauft und sie teuer ins Ausland weiterverkauft. Und schliesslich kann ein Klub sein Fussballgeschäft quersubventionieren, so wie das der SCB im Eishockey mit seinen Gastronomiebetrieben vorzeigt. Wenn sich auf keine dieser vier Arten Geld verdienen lässt, dann können die Klubs nur noch ihre Ausgaben den Einnahmen anpassen. Alles andere führt ins Fiasko. Sonst braucht es Mäzene wie früher Gigi Oeri für den FC Basel oder Christian Constantin beim FC Sion.
Wie sehen Sie die Zukunft von YB?
Es ist schade, dass in den vergangenen zwei Jahren derart viel Goodwill und Sympathie bei den Sponsoren und den Fans verspielt wurde. Die Klubführung hat aber jetzt die richtigen Massnahmen ergriffen. Das Motto lautet nun wieder «Zurück zu den Wurzeln». Zudem sind Realismus, Pragmatismus und eine gewisse Demut eingekehrt.
Welche Entscheide begrüssen Sie besonders?
Wichtig ist beispielsweise, dass die Klubführung versucht, den Bezug zu Bern wieder stärker herzustellen. Die Engagements von Paolo Collaviti als Torhütertrainer oder Thomas Häberli als Assistenztrainer sowie die Rückkehr von Christian Schneuwly waren wichtige Schritte. Zudem ist Werner Müller in den Verwaltungsrat der Holdinggesellschaft aufgestiegen.
Ist es realistisch, dass die Young Boys dem FC Basel Paroli bieten können?
Fussball ist und bleibt eine Teamsportart. Wenn es den Young Boys gelingt, eine Mannschaft zusammenzustellen, in der sich die Spieler optimal ergänzen und sich füreinander zerreissen, dann lässt sich im Fussball sehr viel erreichen. Und der FC Basel kann nicht immer einen solchen Lauf haben, wie er ihn in den letzten zwölf Monaten hatte.
Wer wird Meister?
Basel, YB oder Sion. (Berner Zeitung)
Erstellt: 27.06.2012, 09:07 Uhr
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