«Ohne höhere Preise können wir uns den ÖV nicht mehr leisten»
Von Niklaus Bernhard. Aktualisiert am 07.02.2012 9 Kommentare
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Die Bahnpreise steigen auch in diesem Jahr um 5,6 Prozent. Begrüsst die BLS diese Erhöhungen?
Andreas Willich: Eine stärkere Nutzerfinanzierung in Form von höheren Tarifen ist notwendig und Teil des bundesrätlichen Vorschlags zur künftigen Finanzierung der Bahninfrastruktur. Seien wir ehrlich: Ohne höhere Billettpreise können wir uns den öffentlichen Verkehr nicht mehr leisten.
Wie stark müssen denn die Tarife noch steigen?
Die nun vorgeschlagene Anpassung reicht leider nicht einmal aus, um die vom Bundesrat beschlossenen höheren Trassenpreise auszugleichen. Diese steigen für uns ab dem Jahr 2013 jährlich um rund 10 Millionen Franken. Die BLS müsste bei den Billetten und in den Verbünden rund 10 Prozent höhere Preise erhalten, damit diese Mehrkosten gedeckt sind. Das scheint uns aber aus Kundensicht unrealistisch.
Sie sind seit Mai 2011 Chef des BLS-Personenverkehrs. Zu Ihrem Bereich gehört auch der BLS-Autoverlad. Da kam es im Jahr 2011 zu verschiedenen Zwischenfällen.
Ja, in meinem ersten Jahr hatte ich gleich grosse Herausforderungen zu meistern. Der Brand im Simplontunnel beeinträchtigte den Autoverlad nach Iselle. Im Herbst schnitt das Hochwasser Kandersteg von der Berner Seite ab, und wir konnten den Autoverlad nur noch stark reduziert betreiben. Und dann war die Zufahrtsstrasse nach Goppenstein vor dem Jahreswechsel mehrfach wegen Lawinengefahr gesperrt, sodass wir einen reduzierten Ersatzverlad nach Brig einrichten mussten.
Wie gross ist der Ausfall durch diese Zwischenfälle?
Finanziell können wir dies noch nicht genau beziffern. Die Anzahl transportierte Fahrzeuge hat aber im vergangenen Jahr um knapp 4 Prozent auf 1,29 Millionen abgenommen.
Ist der Autoverlad für die BLS eine Goldgrube?
Nein, das ist er definitiv nicht. Und wir erhalten im Gegensatz zu anderen Autoverlad-Angeboten in der Schweiz auch keine Abgeltungen von den Kantonen oder vom Bund.
Rentabel ist der Verlad aber schon?
Für 2012 rechnen wir mit einem kleinen Fehlbetrag und im Jahr 2013 werden wir definitiv in die roten Zahlen rutschen.
Was sind die Gründe für diese schlechten Aussichten?
Die steigenden Kosten. Ab 2013 müssen wir dem Bund wegen der Erhöhung der Trassenpreise jährlich 1,6 Millionen Franken mehr bezahlen. Zudem werden die Versicherungen teurer.
Ist es also möglich, dass die BLS den Autoverlad schliessen wird?
Nein, das ist selbstverständlich keine Option. Wir haben bereits Massnahmen eingeleitet, um die Kosten zu senken. Wir wollen unser Angebot aber auch besser vermarkten. Mit mehr Kunden, können wir unsere Züge besser auslasten.
Eine weitere Baustelle bei Ihnen ist die BLS-Schifffahrt. Wie sieht hier die Lage aus?
Das Jahr 2011 war für unsere Schifffahrt leider alles andere als gut. Im Jahr 2011 wurden so wenig Passagiere befördert wie zuletzt vor 65 Jahren. Die Passagierzahlen auf dem Thuner- und Brienzersee gingen im Vergleich zu 2010 um 17 Prozent zurück, auf 896'000.
Warum dieser starke Einbruch?
Einerseits war das Wetter in der Hochsaison im Sommer nicht gut. Und vom schönen Wetter im Frühling konnten wir nicht profitieren, da der Schiffsbetrieb erst Ende April aufgenommen wurde. Andererseits wurde das Angebot in den letzten Jahren zu stark reduziert, was einen Teil des Rückgangs erklärt.
Wie reagieren Sie nun auf diese schlechten Zahlen?
Unsere Schiffe werden 2012 wieder mehr fahren. Zudem optimieren wir die Anschlüsse der Schiffe in Thun, Interlaken West und Ost sowie in Brienz mit der Bahn. Wir wollen so auch Kunden aus dem Wallis ansprechen, die neu in Thun direkten Anschluss aufs Schiff erhalten. Zu Saisonbeginn starten wir eine Kampagne, um unser verbessertes Angebot im Wallis bekannt zu machen, unter dem Motto: «Wir schenken dem Wallis einen See.»
Reicht das, um die BLS-Schifffahrt rentabel zu betreiben?
Wir müssen unsere Hausaufgaben machen. Wir führen aber auch Gespräche mit den Gemeinden, denn die Schifffahrt auf dem Thuner- und Brienzersee hat eine grosse volkswirtschaftliche Bedeutung. Im Gegensatz zu allen anderen Schifffahrtgesellschaften in der Schweiz gibt es im Kanton Bern aber keine Abgeltungen.
Gab es in Ihrem ersten Jahr als BLS-Personenverkehrs-Chef auch Positives?
Ja, sicher. Sehr erfreulich ist, dass wir im vergangenen Jahr erstmals über 50 Millionen Fahrgäste mit der Bahn befördern konnten. Die Zahl transportierter Personen im Regionalverkehr und bei der S-Bahn Bern und Luzern stieg um 4,2 Prozent auf 51,8 Millionen Passagiere. Aber das kontinuierliche Wachstum ist auch eine grosse Herausforderung.
Inwiefern?
Als Bahnunternehmen müssen wir immer höhere Kapazitäten zur Verfügung stellen. Dies haben wir auf den Fahrplanwechsel hin mit dem Viertelstundentakt zwischen Münchenbuchsee und Belp getan. Und wir werden Ende Jahr die ersten Doppelstockzüge fahren lassen. Damit schaffen wir in den nächsten Jahren rund 30 Prozent mehr Platzangebot auf den Berner S-Bahn-Linien S1, S3 und S6. Auf diesen Zug dürfen sich die Fahrgäste schon heute freuen.
Im Gegensatz zu den SBB hat die BLS auf die Einführung einer generellen Billettpflicht verzichtet. In begleiteten BLS-Zügen können die Kunden immer noch Billette lösen. Warum?
Bei der BLS stehen die Kunden im Zentrum. Die BLS-Zugbegleiter sind in erster Linie Gastgeber und nicht Polizisten. Da gehört es für uns zum Kundenservice, dass sie auch Billette im Zug verkaufen. Zudem haben wir viele Touristen, die froh sind, wenn sie ihr Ticket im Zug lösen können. Auf den S-Bahnen gilt dagegen wie überall in der Schweiz auch bei der BLS die Selbstkontrolle.
Nicht gerade kundenfreundlich war hingegen die Einführung des neuen Tarifsystem beim Libero-Tarifverbund. Die Geltungsdauer wurde verkürzt und der Gebrauch von Mehrfahrtenkarten ist komplizierter als früher. Warum unterstützte die BLS diese Änderungen?
Ich verstehe, dass nicht alle glücklich sind mit den Änderungen. Der Libero-Verbund hat sich mit dem neuen System den anderen Schweizer Tarifverbunden angeglichen. Es ist ein erklärtes Ziel aller Verkehrsverbünde, dass die Tarifsysteme vereinheitlicht werden.
Aber die Partner beim Libero-Verbund, dazu zählt auch die BLS, hat sich in dem Fall an den Schlechten orientiert und nicht an den Guten.
Es ist wie gesagt ein Systemwechsel, der den ÖV auch vereinfacht. So können die Kunden nun innerhalb des Geltungsbereichs beliebig viele Fahrten machen.
Andreas Willich (39), ist verheiratet, hat eine Tochter und wohnt in Bern. Seit dem 1. Mai 2011 ist Willich Leiter Personenverkehr der BLS und Mitglied der Geschäftsleitung BLS. Vorher war er 12 Jahre bei SBB Fernverkehr tätig.
> (Berner Zeitung)
Erstellt: 07.02.2012, 12:06 Uhr
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9 Kommentare
Wenn man immer das neueste Rollmaterial haben muss und für hunderte von Millionen Bahnstrecken baut, um z.B. die Reisezeit von Zürich nach Bern um 3 Minuten reduzieren zu können, ja, dann braucht man natürlich mehr Mittel. Und dazu kommt dann noch die Personenfreizügigkeit, die der CH alleine in den letzten 4 Jahren 360'000 neue potentielle Bahnfahrer beschehrt hat und jährlich kommen 80'000 dazu Antworten
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