«Mit robusteren Portfolios gewinnen alle»
Von Erich Solenthaler. Aktualisiert am 23.05.2011 4 Kommentare
Christoph Butz ist seit 2002 der Sustainability-Experte von Pictet. Zuvor leitete er das Nachhaltigkeitsresearch von Sarasin, wo er für die Einführung und Anwendung nachhaltiger Konzepte verantwortlich war. Butz studierte Forstwirtschaft und ist Finanzanalyst. (Bild: Dominique Meienberg)
Spenden sind besser als Fonds
Kommentar von Erich Solenthaler.
Pensionskassen und andere institutionelle Investoren können von nachhaltigen Anlagen anständige Renditen erwarten. Das zeigt das Pictet-Portfolio, das den Weltaktien-Index MSCI World um gut 1 Prozent pro Jahr übertrifft. Dabei handelt es sich allerdings erst um das Resultat einer theoretischen Simulation, die Pictet durchführte, um neue, nachhaltige Finanzkriterien zu testen (siehe Interview).
Trotzdem: Das Potenzial für gute Resultate besteht. Ganz anders die grünen Publikumsfonds. In schwachen Börsen verlieren sie übermässig viel und in den guten bleiben sie regelrecht am Boden kleben (Grafik). So bauten sie seit 1999 einen Performance-Rückstand von 54 Prozent gegenüber dem Vergleichsindex auf. Nachhaltige Anlagen waren fürs breite Publikum ein massives Verlustgeschäft.
Fehlleistungen in diesem Ausmass sind inakzeptabel. Da ist es ein schwacher Trost, dass grüne Fonds ein Nischenprodukt sind. Obwohl es sie seit 10 Jahren gibt und sie in den Medien viel Sympathie geniessen, werden nur etwa 3 Prozent der privaten Vermögen mit Blick auf die Umwelt investiert. Aber das ist bereits zu viel. Besser man spendet dieses Geld künftig einer grünen oder sozialen Institution. Da ist das Geld auch weg, aber wenigstens bewirkt es etwas.
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Die Schweizer Publikumsfonds für ein gutes Gewissen haben in der Vergangenheit deutlich schlechter abgeschnitten als der WeltaktienIndex. Herr Butz, muss man sich damit abfinden, dass grüne Fonds unbefriedigende Resultate liefern?
Nein. Eine kürzlich erschienene Studie der französischen Hochschule EDHEC hat gezeigt, dass 120 nachhaltige Fonds und 10 Indizes nicht besser oder schlechter waren als der Weltaktien-Index. Es gibt Abweichungen in der Rendite, aber sie sind statistisch nicht signifikant. Das ist vielleicht enttäuschend für die Anleger, die eine Überrendite erwarteten. Die Frage der Rendite von nachhaltigen Anlagen ist so alt wie die Anlageklasse selbst: Als Ende der 90er-Jahre die ersten Fonds auf den Markt kamen, wirkte sich der Ausschluss einiger Sektoren wie Bergbau, Nuklearenergie oder Glücksspiele sogar positiv auf die Rendite aus. In den letzten zehn Jahren haben die gleichen Sektoren den Markt massiv geschlagen. Fonds mit Ausschlusskriterien hatten daher einen gewichtigen Nachteil. Es ist daher eher eine gute Nachricht, dass zwischen nachhaltigen und normalen Anlageprodukten kein signifikanter Unterschied besteht.
Was kann man denn von nachhaltigen Investments erwarten?
Nachhaltige Fonds sollten eine marktkonforme Performance liefern. Das muss das Ziel sein, sonst laufen die Kunden davon. Aber zusätzlich bringen die Fonds einen Gewinn für die Umwelt und auf der sozialen Seite. Oder sie sollten dies wenigstens. Viele Fonds sind nämlich in der Vergangenheit den Nachweis schuldig geblieben, welchen zusätzlichen, nicht finanziellen Wert sie erbracht haben. Für einige institutionelle Kunden messen wir zum Beispiel den Nutzen am CO2 der Unternehmen und an den Arbeitsplätzen. So konnten wir nachweisen, dass die Unternehmen in unseren Fonds 20 bis 30 Prozent weniger CO2 ausstossen als vergleichbare Konzerne und dass sie mehr Arbeitsplätze schaffen.
Von nachhaltigen Investments nimmt man an, dass sie weniger Risiken bergen, weil die Unternehmen ihre Geschäfte umsichtiger führen. Hat sich dies auch bewahrheitet?
Während der Finanzkrise boten nachhaltige Anlagen keinen signifikant besseren Schutz vor Rückschlägen als normale Anlagen. Ernüchternd ist das, weil bei der Titelauswahl viele Kriterien, die man heute als Ursache der Krise ansieht – beispielsweise falsche Anreizsysteme für die Manager, die exzessive Vergabe von Hypotheken oder andere problematische Geschäftspraktiken –, von den nachhaltigen Fonds schon lange berücksichtigt wurden. Daher erstaunt es, dass diese Fonds dann in der Finanzkrise nicht deutlich besser abschnitten als der Markt.
Und das versuchen Sie nun zu korrigieren?
Ja, wir haben den Anlageprozess so weiterentwickelt, dass wir neben den extrafinanziellen auch die finanziellen Risiken minimieren können. Wenn es gelingt, robustere Portfolios zu konstruieren, gewinnen die Investoren finanziell – und in sozialer Hinsicht. Das wäre eine Win-win-Situation für alle. Wir haben herausgefunden, dass finanziell nachhaltig aufgestellte Portfolios robuster sind und in Krisenzeiten und mässigen Haussen besser rentieren als der Markt.
Was bedeutet dies konkret?
Wir suchten nach finanziellen Kriterien, die sich in einer Krise als besonders kritisch erweisen. Das ist zum Beispiel ein zu hoher Leverage, weil die Unternehmen in Krisen die Schulden zurückzahlen. Dadurch verstärken sie Rezessionen. Wir fanden auch, dass in Krisen Unternehmen mit einem starken Bilanzwachstum anfällig sind, zum Beispiel weil sie mit Akquisitionen übermässig gewachsen sind. Anders gesagt, Unternehmen mit einem mässigen Wachstum sind stabiler und auch finanziell erfolgreicher.
Was ist denn ein nachhaltiger Verschuldungsgrad? Oder ein angemessenes Wachstum?
Das kann man nicht in einer Zahl sagen. Wir haben die Unternehmen nach dem Verschuldungsgrad und dem Bilanzwachstum sortiert und diejenigen mit einem überdurchschnittlichen Leverage oder Bilanzwachstum ausgeschlossen. Dies sind zusätzliche Kriterien für eine umfassende Nachhaltigkeitsstrategie. Den ersten Filter bilden immer noch die Umweltbelastung und die sozialen Kriterien. Nur wer diese Auswahlrunde besteht, kommt für die Prüfung der finanziellen Nachhaltigkeit – und schliesslich für eine Investition – infrage.
Stimmen Ihre Vorstellungen über gesunde Bilanzen mit der Finma überein?
Ja, für die Banken ist der Leverage eine wichtige Frage. Zu viel Fremdkapital destabilisiert das System und ist sicher nicht nachhaltig. Aber noch wichtiger ist, dass man das Konzept der risikogewichteten Aktiven der Banken transparenter macht und in den Griff bekommt. Das ist wichtiger als eine nominell höhere Eigenkapitalquote.
Benachteiligt Ihr Konzept Jung- und Wachstumsunternehmen mit viel Fremdkapital?
Man könnte tatsächlich erwarten, dass die Auswahl eher auf etablierte Grossunternehmen fällt. Aber es hat sich gezeigt, dass dies nicht der Fall ist. Es gibt Perioden, in denen Wachstums-, in anderen eher Substanzunternehmen überwiegen. Wir haben keine Style-Kriterien gefunden, die alles erklären würden.
Zurzeit klönt jedermann über hohe Schulden. Aber wohin geht das Geld der Sparer, wenn weniger Schulden gemacht werden sollen?
Wir verlangen nicht, dass Unternehmen keine Schulden machen. Nur dass sie moderat sein sollen. Unternehmen sollen Fremdkapital aufnehmen, wenn sie es sinnvoll einsetzen können. Schlecht ist aber, wenn der Leverage so weit heraufgedrückt wird, dass er nur noch der kurzfristigen Gewinnmaximierung dient. Das geht dann auf Kosten der Stabilität des gesamten Systems.
Ihre Kriterien zeugen von gesundem Menschenverstand. Sorry, aber warum sind Sie nicht früher draufgekommen?
Auch für uns war die Finanzkrise ein Augenöffner; sie hat gezeigt, dass nachhaltige Anlagen verbesserungsfähig sind und – entgegen den Erwartungen – den Markt in dieser schwierigen Zeit nicht geschlagen haben. Daraus wollten wir unsere Lehren ziehen. Aber auch im Jahr 2011 ist unser Ansatz immer noch eine Rarität. Ich kenne keinen Wettbewerber, der den gleichen Ansatz verwendet. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 23.05.2011, 13:10 Uhr
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4 Kommentare
Wachstum und Kapitalrenditen sind von ihrem Prinzip her nie nachhaltig. Wer sein Kapital optimal in die Zukunft investieren will, legt es in gemeinschaftliche Sachwerte mit gesellschaftlicher Relevanz und solidarischer, kollektiver Selbstverwaltung an. Antworten
Da werden ungerechtfertigte Vorurteile bestärkt: Schon die Grafik zeigt, dass die Leistung der Nachhaltigkeitsfonds keinesfalls in Aufschwungphasen «stets am Boden klebt», wie der Kommentar behauptet: 1997 bis 2000 war das Gegenteil der Fall! Die vergleichsweise schlechte Performance im jetzigen Aufschwung ist dem Energiesektor geschuldet und kann sich ebenfalls schnell ins Gegenteil kehren. Antworten
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