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«Manche sprechen bei dieser Aktie sogar von einem Fanartikel»

Interview: Bernhard Fischer. Aktualisiert am 18.05.2012 20 Kommentare

Gegen 17 Uhr dürfte es so weit sein: Facebook geht an die Börse und will fast 16 Milliarden Dollar einstreichen. Die historischen Parallelen zu Börsengängen von Goldschürf- oder Kolonialunternehmen sind frappant.

1/6 Rund 600 Investoren warteten nach Angaben des US-Fernsehsenders CNBC im grossen Saal des Hotels auf die Delegation aus dem Silicon Valley. Die Bank J. P. Morgan, welche den Börsengang begleitet, hat ihre Zentrale in New York beflaggt.
Bild: Reuters

   

So berichten wir

Um 15.30 Uhr (MESZ) eröffnen die US-Märkte. Eineinhalb Stunden danach, also um 17 Uhr MESZ startet der Handel mit Facebook-Aktien. Schon Stunden vorher steigt in New York die Spannung. Kommt Mark Zuckerberg ins grosse Finanzzentrum, um für seinen IPO zu werben? Steigt der Kurs nach Börseneröffnung deutlich an, oder stürzt er ab? Diese und weitere Fragen beantworten wir in unserem Facebook-Ticker ab 12 Uhr. Wir schalten zum Korrespondenten nach New York, sprechen mit Experten und Analysten. Nach Börsenschluss in den USA um 22 Uhr blicken wir auf den ersten Tag zurück und fassen die Geschehnisse zusammen.

«Facebook prägte, was erlaubt sein soll»: Andreas Exenberger (40) ist Wirtschaftshistoriker an der Leopold-Franzens-Universität in Innsbruck.

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In den frühen 70er-Jahren des 19. Jahrhunderts gab es erstmals Hunderte Erstemissionen von Unternehmen im grossen Stil, die risikobereite Anleger für ihr Geschäft begeisterten. Es war das Geschäft der Goldschürfer, der Tee- und Gewürzhändler. Bis es zur sogenannten «Gründerkrise» kam. Viele dieser Unternehmen sind in der Folge wieder von der Bildfläche verschwunden.

Die Parallele zur jüngeren Geschichte: Zur Zeit der Dotcom-Blase rund um das Jahr 2000 herrschte ebenfalls grosse Euphorie an den Finanzmärkten. Kapitalhungrige Start-ups suchten schleunigst den Weg an die Börse, um ihr Wachstum zu finanzieren. Geschäftsmodelle und Anlagevermögen der Börsengänger wurden von den Anlegern kaum überprüft. Alle wollten am Boom teilhaben, eine riesige Finanzblase entstand. So wie einst zur Jahrhundertwende.

Als die Dotcom-Blase vor zwölf Jahren platzte, wurden Investorengelder in Milliardenhöhe verbrannt. Der Blick in die Geschichtsbücher hätte lehrreich sein können: Im Jahr 1896 kam es nach der Gründerkrise zu einem neuen Börsengesetz. Kern dieses Gesetzes war eine scharfe Kontrolle der Unternehmen vor der Kapitalaufnahme. Auch heute werden Unternehmen, die an die Börse wollen, streng kontrolliert. Vor einem Verlust für die Anleger schützt das aber nicht unbedingt. Nach der Dotcom-Blase hiess es nur: Die Anleger sind an ihren Verlusten selbst schuld. Ob Facebook-Anleger ab heute zu den Gewinnern zählen werden, wird sich weisen. Wirschaftshistoriker Andreas Exenberger hat Antworten auf drängende Fragen vor dem heutigen Börsengang von Facebook. (FB 26.25 0.46%)

Herr Exenberger, der Internetboom ist jung. Gibt es Parallelen in der Wirtschaftsgeschichte, die weiter zurückreichen?
Ja, die gibt es. Zu Kolonialzeiten hat man zum Beispiel so manches Unternehmen mittels Aktien oder Anleihen zu finanzieren versucht, und oft folgte auf die Euphorie der Crash. Das Jahr 1720 ist da ein Schlüsseljahr, als sowohl in London als auch in Paris Spekulationsblasen platzten, weil Unternehmen, die mit der Hoffnung auf märchenhafte Gewinne im Handel mit der Südsee und am Mississippi Aktien verkauft hatten, ihre Versprechen nicht einlösen konnten. Damals haben ziemlich viele Leute ziemlich grosse Summen in den Sand gesetzt.

Viele sprechen von der nächsten Dotcom-Blase in Verbindung mit dem Börsengang von Facebook. Haben wir aus der Geschichte nichts gelernt?
Facebook ist bisher der grösste Börsengang von einem Internetunternehmen. Jener des Kreditkartenunternehmens Visa im Jahr 2008 ist vielleicht vom Volumen und Geschäftsmodell her einigermassen vergleichbar. Beide basieren stark auf einer Verwertung der gesammelten Kundendaten. Was bei Facebook aber letztlich den Wert des Unternehmens darstellt, ist die Hoffnung auf zukünftige Erträge aus diesen Daten, die User mehr oder weniger freiwillig zur Verfügung stellen. Das macht die Sache einzigartig, aber auch ein wenig seltsam.

Warum seltsam?
Der hohe Wert, der Facebook am Kapitalmarkt beigemessen wird, ist im Grunde nicht rational. Das Geschäftsmodell ist ausschliesslich auf Hoffnungen ausgerichtet. Facebook profitiert in hohem Mass davon, dass die Anleger diese Hoffnungen auf potenzielle Gewinne momentan noch hoch bewerten. Das Risiko ist aber auch hoch, ja eigentlich sogar die Unsicherheit: Man kann hier nicht einmal grob abschätzen, was die Zukunft bringt. Manche sprechen daher bei der Aktie sogar vom «Fanartikel».

Und was meinen Sie mit einzigartig?
Die teils sogar unwissentliche Mitarbeit der Kunden als zentrales Element in diesem Geschäftsmodell. Dabei gestaltet Facebook auch aktiv mit, wie die Rahmenbedingungen aussehen sollen, vor allem was die Benutzerregeln und den Gebrauch privater Daten betrifft. Vieles war einfach nicht verboten, und Facebook prägte, was erlaubt sein soll, inzwischen teils in Zusammenarbeit mit den Behörden. Aber auch, wie die Gesellschaft mit dem Thema Privatsphäre umgeht, wurde durch Facebook verändert. In der Kombination ist das alles historisch einzigartig.

Ist das Risiko einer Blase heute grösser als früher?
Moderne Kommunikationstechnologien haben das bestimmt beschleunigt. Wir sehen aber auch eine menschliche Konstante. Denn wenn man in der Geschichte zurückgeht, findet man viele vergleichbare Hysterien, auch bei Börsengängen. Heute ist vor allem die Übermittlung hysterischen Anlegerverhaltens beschleunigt worden, und damit verstärkt sich jede Panik. Dies umso mehr, wenn es um Internetfirmen geht.

Anfang der Nullerjahre zerplatzte die Dotcom-Blase. Die Internetwerte hatten kein materielles Anlagevermögen vorzuweisen. Wird das auch bei Facebook zum Problem?
Es kommt vor allem darauf an, was die Auswirkungen eines Scheiterns wären. Unternehmen, deren Geschäftsmodelle auf Hoffnungen aufgebaut sind, sind jedenfalls anfälliger für schlechte Nachrichten. Das wiederum kann Hysterien leichter auslösen. Damals wollte ein ganzer Sektor in kurzer Zeit den Kapitalmarkt anzapfen. Als die ersten Unternehmen strauchelten, brachte das die ganze Branche in Schwierigkeiten und das Börsenklima verschlechterte sich, Kaskadeneffekte in anderen Sektoren waren die Folge. Schliesslich verloren sogar Industrieunternehmen mit stabilen Fundamentaldaten an Wert.

Soll Facebook zu einem Blue Chip oder sogar in die Portfolios von Pensionskassen aufgenommen werden?
Vom Volumen her würde sich das zwar aufdrängen. Aber ich halte das für zu riskant. Im Falle einer Pleite gibt es keine realen Werte, die notfalls verwertbar wären, und auch kein Staat würde einspringen. Es geht letztlich um ungesicherte Eigentumsrechte an Daten. Das ist ein fragiles Geschäft. In der institutionellen Altersvorsorge hat ein solches tendenziell spekulatives Papier jedenfalls nichts verloren.

Was ist der Unterschied des Facebook-Börsengangs zur ersten Dotcom-Phase?
Dass auch hinter Facebook kein real greifbarer Wert steht, ist leider eine problematische Gemeinsamkeit. Aber anders als damals gibt es heute diesen Sektor nicht mehr, und die Ansteckung wäre daher geringer. Der Technologiemarkt, das sind heute vor allem einige wenige – dafür sehr grosse – Player. Unternehmen wie Google halten Krisen heute eher aus, weil etwas mehr Substanz dahintersteckt. (Bernerzeitung.ch/Newsnet)

Erstellt: 18.05.2012, 10:20 Uhr

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20 Kommentare

martin meyer

18.05.2012, 10:54 Uhr
Melden 39 Empfehlung 0

ich hoffe in der tat, dass nicht irgendein übereifriger und leichtfertiger spekulant oder banker meine pensionskassengelder damit verspielt. alles schon dagewesen. Antworten


Stephan Fehlmann

18.05.2012, 10:40 Uhr
Melden 28 Empfehlung 0

Nein, wir haben tatsächlich nichts gelernt aus der Geschichte. Und in einigen Monaten heisst es dann, and the winner is Mark Zockerberg! Antworten



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