Wirtschaft
Leben ohne WC und fliessend Wasser
Arbeiten und Wohnen am gleichen Ort: Betten der Bauarbeiter.
Auf Baselbieter Baustellen herrschen teilweise krasse Missstände. Neuster Fall: Drei Handwerker, die wochenlang zwischen Bauschutt hausen mussten. Als die Kontrolleure Ende Januar die Baustelle, ein altes Einfamilienhaus, betreten, ist das Gebäude bereits vollkommen ausgehöhlt. Nur drei Betten stehen in der obersten Kammer. Wie sich kurz darauf herausstellt, schlafen hier drei tschechische Bauarbeiter. Seit Wochen leben die Handwerker auf der Baustelle. Am Anfang ohne fliessend Wasser oder Toilette. Ihr Essen kochen sie bei Minustemperaturen auf einem Grill im Freien. Für Michel Rohrer, Geschäftsführer der Zentralen Paritätischen Kontrollstelle (ZPK), ist das moderne Sklaverei.
Bereits vor fünf Monaten berichtete die BaZ über die Missstände auf Baselbieter Baustellen. Nun wendet sich die ZPK direkt an die Medien. Damit erhofft sie sich eine breitere Abstützung für ihre Tätigkeit – auch vonseiten der Politik. Denn: Die Entwicklung sei alarmierend. Nebst Lohndumping und massiven Überstunden würden vor allem ausländische Betriebe immer öfter die Bestimmungen für Unterbringung und Verpflegung missachten, um Kosten zu sparen. «Es wird schlimmer», sagt Rohrer. «Die Osterweiterung macht sich jetzt bemerkbar. Die Länder haben den Markt Schweiz erkannt.» Mittlerweile gebe es sogar Anfänge von organisierten Strukturen. «Es gibt Baufirmen, die gezielt Billigarbeiter einsetzen, um den Gewinn zu maximieren», so Rohrer.
Keine Sprachkenntnisse
Rund 1200-mal rücken die Kontrolleure der ZPK pro Jahr aus; bei 40 Prozent der Kontrollen decken sie Verstösse auf. Ausländische Firmen sind doppelt so oft fehlbar wie Schweizer Unternehmen. Laut Rohrer gibt es bei neuen Firmen, die von weiter weg kommen, fast immer Verstösse. Eine Tatsache, die die ZPK vor neue Probleme stellt: «Die Polen, Rumänen oder Tschechen verstehen unsere Sprache nicht. Falls doch, sind ihre Unterlagen trotzdem in ihrer Landessprache und müssen übersetzt werden. Das ist ein kostspieliges Unterfangen.»
Rohrer bedauert sehr, dass das Baselbieter Kantonsgericht die Kautionspflicht für Handwerksbetriebe im Oktober aufgehoben hat. Die Folgen davon spüre man bereits: «Ausländische Baufirmen sind renitenter geworden. Wenn einer erwischt wird, macht er einfach das tote Männlein und geht davon aus, dass ihm nichts passiert», so der ZPK-Geschäftsführer. Ein Verhalten, das die Arbeit erheblich erschwert. «Wir überlegen uns zweimal, ob wir zum Beispiel in Ungarn Klage einreichen. Dazu braucht es Übersetzer und einen speziellen Anwalt. Oft steht unser Kontrollaufwand nicht im Verhältnis zu den verhängten Sanktionen und ist kaum finanzierbar», so Rohrer. Trotzdem will die ZPK nicht aufgeben. Sie will mit kleineren Verfahren im Ausland Präzedenzfälle schaffen, auf die sie weitere Klagen stützen kann. Zudem hofft Rohrer, dass das Bundesgericht die Kautionspflicht wieder ermöglicht.
Saftige Konventionalstrafe
Die Handwerker, die auf der Baustelle übernachten mussten, wurden von den ZPK-Kontrolleuren über ihre Rechte aufgeklärt – sie hausen aber wohl immer noch dort. Dem Betrieb droht wegen mehrerer Vergehen eine saftige Konventionalstrafe. Denn nebst dem unerlaubten Camping trugen die Arbeiter auch nur einfache Schlappen statt Sicherheitsschuhe. (Basler Zeitung)
Erstellt: 09.03.2010, 11:46 Uhr







