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Jean-Claude Trichet übergibt das Ruder der EZB in stürmischer See

Von Robert Mayer. Aktualisiert am 31.10.2011 1 Kommentar

Die heftige deutsche Kritik hat dem Chef der Euronotenbank zum Schluss seiner Amtszeit zugesetzt.

Experten geben ihm guten Noten: Heute endet die achtjährige Amtszeit des EZB-Präsidenten Jean-Claude Trichet.

Experten geben ihm guten Noten: Heute endet die achtjährige Amtszeit des EZB-Präsidenten Jean-Claude Trichet.
Bild: Keystone

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Ausgerechnet im heftigsten Sturm seit ihrer Gründung 1998 tritt Jean-Claude Trichet von der Kommandobrücke der Europäischen Zentralbank (EZB) ab. Heute endet die achtjährige, nicht erneuerbare Amtszeit des Franzosen und gelegentlichen Freizeitkapitäns. Als neuer Präsident der Euronotenbank wird nun der Italiener Mario Draghi eine Schlüsselrolle im europäischen Krisenmanagement einnehmen.

Die jahrelange Arbeit im Ausnahmezustand, die im August 2007 mit einer ersten ausserordentlichen Liquiditätsspritze der EZB ihren Anfang nahm, hat unübersehbare Spuren bei Trichet hinterlassen. Der 68-Jährige ist in den letzten beiden Jahren deutlich gealtert; sein oft blasses Gesicht verstärkte zuletzt den Eindruck von Müdigkeit. Solche Abnützungserscheinungen allein mit dem andauernden Stress und den vielen nächtelangen Sitzungen zu erklären, greift indes zu kurz.

Bei Trichet sind auch Blessuren zurückgeblieben – aus dem Gefühl, von Europolitikern ungerechtfertigt angegriffen und dann wieder im Regen stehen gelassen worden zu sein, während die Stabilitätsverdienste der EZB aus seiner Sicht weit herum zu gering geschätzt würden.

Streit um Anleihenkäufe

Vor allem das Verhältnis zwischen dem Franzosen und Deutschland hat sich im Laufe der Euroschuldenkrise stark abgekühlt. Dass die ehrwürdige «Frankfurter Allgemeine» einst den «Niedergang der EZB» beklagen und dieser vorhalten würde, sie sei ein «Büttel der Politik» und «eine EBB, eine Europäische Bad Bank» geworden, hätte man kaum für möglich gehalten. Wie sehr Trichet solche Kritik getroffen hat, wurde vor knapp zwei Monaten deutlich, als ihm auf der monatlichen Medienkonferenz auf eine entsprechende Frage der Kragen platzte und er mit für ihn ganz ungewohnter erregter Stimme zu einer mehrminütigen Rechtfertigung und Abrechnung mit Deutschland ausholte.

Der Streit mit dem wichtigsten Euroland dreht sich primär um die Aufkäufe von Eurostaatsanleihen durch das Frankfurter Noteninstitut. Begonnen wurde damit im Mai 2010, als sich die griechische Schuldenkrise auf Portugal und Irland ausdehnte. In diesem Sommer, mit Spanien und Italien als nächsten Wackelkandidaten, hat die EZB ihr Kaufprogramm auf Anleihen dieser zwei Länder ausgeweitet. Bislang hat sie Staatstitel im Wert von rund 170 Milliarden Euro am Markt erworben – ein ungleich geringeres Volumen als die Notenbanken der USA und Grossbritanniens. Trichet betont denn stets, die Aufkäufe der EZB seien mit den quantitativen geldpolitischen Lockerungen der angelsächsischen Währungshüter nicht gleichzusetzen. Die EZB wolle einzig für geordnete Marktverhältnisse sorgen, damit ihre geldpolitischen Impulse unverzerrt in der Realwirtschaft ankommen.

Zwei deutsche Notenbanker machten mit ihren Rücktritten in diesem Jahr auf spektakuläre Weise deutlich, wie tief der Riss zwischen Europas Währungshütern in der Frage der Anleihenkäufe ist. Erst hatte Bundesbank-Präsident Axel Weber mit etlichen Nebengeräuschen den Bettel hingeschmissen, ein knappes halbes Jahr später kündigte EZB-Direktoriumsmitglied Jürgen Stark sein Ausscheiden an, trotz freundschaftlicher Verbundenheit mit Trichet. Die deutsche Kritik an den Aufkäufen zielt in zwei Richtungen: Die damit verbundene Ausweitung der Geldmenge bilde den Nährboden für spätere Inflation, zudem begebe sich die Notenbank auf fiskalpolitisches Terrain und gerate dadurch verstärkt in staatliche Einflusssphären.

Auftrag erfüllt

Der abtretende EZB-Präsident hält dem den Leistungsausweis seines Hauses entgegen. Seit 1999, dem Geburtsjahr des Euro, weist Deutschland eine mittlere Jahresteuerungsrate von 1,6 Prozent aus – deutlich unter dem Niveau der Zeiten der D-Mark, wie Trichet genüsslich vorrechnet. Für den Euroraum insgesamt beträgt die Durchschnittsinflation 2 Prozent, womit die Notenbank ihr Ziel von knapp unter 2 Prozent erreicht hat.

Vonseiten der Bankökonomen erhält denn der Franzose grossmehrheitlich gute Noten. Was sie ihm besonders hoch anrechnen – neben seinem Stabilitäts­erfolg –, ist die Kommunikation der EZB, die unter Trichet deutlich an Klarheit gewonnen habe. Mit bestimmten sprachlichen Formulierungen in seinen Erläuterungen, mit denen er jeweils die monatlichen Zinsentscheide der EZB vor den Medien begründet, ist es dem Präsidenten auf einfache und effektive Weise gelungen, die Markterwartungen in die gewünschte Richtung zu lenken.

Was nicht heisst, dass der 23-köpfige geldpolitische Rat der EZB mit seinen Zinsschritten in der Ära Trichet immer richtig gelegen wäre. Angekreidet wird ihm vor allem die Leitzinserhöhung im Sommer 2008, kurz bevor der Lehman-Kollaps auch die Euronotenbank dazu zwang, das Steuer herumzureissen. Auch die beiden Zinsanhebungen im Laufe dieses Jahres wurden von etlichen Marktbeobachtern angesichts der unsicheren Konjunkturperspektiven als voreilig kritisiert, und die Stimmen mehren sich, dass sie schon bald rückgängig gemacht werden müssten.

Kein Wechsel in die Politik

Eine Glanzstunde erlebte Trichet indes im Juni in Aachen, als ihm der Karlspreis für Verdienste um die Einheit Europas verliehen wurde. In einer viel beachteten Rede brachte er die Idee eines europäischen Finanzministeriums auf. Dieses solle die Haushalt- und Fiskalpolitik der Euroländer überwachen und ferner die Oberaufsicht über den europäischen Bankensektor übernehmen. Trichet, ansonsten der kühl kalkulierende Notenbanker, sorgte auf einmal als leidenschaftlicher Europäer für Schlagzeilen. Gefragt, ob sein Vorstoss realistisch sei, meinte er kürzlich in einem Interview: Der grundlegende Wandel in der Welt – vor allem das rasche Erstarken der grossen Schwellenländer – mache eine Vereinigung der Europäer heute noch wichtiger als Anfang der 50er-Jahre.

Dieses visionäre Vorhaben umzusetzen, überlässt Jean-Claude Trichtet freilich anderen. Einen Einstieg in die französische Politik hat er ausgeschlossen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.10.2011, 23:36 Uhr

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1 Kommentar

Andreas Meier

31.10.2011, 15:27 Uhr
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Ein Nachwort hat auch Jean-Claude Trichet verdient.;-) - er war zweifellos kein schlechter Notenbanker, doch leider auch nicht so gut wie es die Eurozone gebraucht hätte in diesen schwierigen Jahren nach Einführung des Euro's! Die Inflationszahlen sind natürlich, wie üblich, - schön gefärbt..;-) Ob Herr Dragi als Nachfolger die Respektperson des Euro's wird - wage ich jedoch sehr zu bezweifeln! Antworten



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