Jahr für Jahr schliessen rund 100 Poststellen

Die Schweizerische Post reagiert auf sinkende Erträge und schliesst zahlreiche Poststellen. Postchefin Susanne Ruoff versucht, die Wogen zu glätten, und spricht von einer Anpassung an gewandelte Kundenbedürfnisse.

Konzernchefin Susanne Ruoff über den Poststellenschwund.
Video: Christoph Albrecht

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Einen Gewinn von 645 Millionen Franken hat die Schweizerische Post letztes Jahr erzielt. Das sind 7 Millionen mehr als im Vorjahr. Trotzdem dünnt der gelbe Riese sein Poststellennetz weiter aus. Dies ist derzeit besonders pikant, kommt doch am 5. Juni die vom Konsumentenmagazin «K-Tipp» lancierte Initiative «Pro Service public» vors Volk. Sie verlangt für den Bund und für Unternehmen mit Auftrag in der Grundversorgung «Service vor Gewinn!». Post, SBB, Swisscom und Co sollen «einen anständigen Service zu vernünftigen Preisen bieten – statt einen möglichst hohen Gewinn anstreben».

Peter Hasler, Verwaltungsratspräsident der Post, warnte an der Jahresmedienkonferenz am Donnerstag im neuen Posthauptsitz in Bern-Wankdorf vor der Initiative. Denn das Volksbegehren wolle die Gewinne der bundesnahen Betriebe begrenzen. «Damit fehlten die Mittel dafür, in die moderne Grundversorgung und die Qualität der Dienstleistungen zu investieren», sagte Hasler. Nur eine erfolgreiche Post garantiere, dass sie die Grundversorgung aus eigener Kraft finanzieren könne und nicht dem Steuerzahler zur Last falle.

Auch müssten sich die Kunden an der eigenen Nase nehmen: Bei den SBB rege man sich über dreckige Toiletten auf. An der Verschmutzung seien aber nicht die SBB schuld, sondern rücksichtslose Kunden. «Und die Post schliesst Poststellen nicht, weil wir wollen, sondern weil die Kunden ausbleiben», sagte Hasler. Schliesslich habe die Post «nicht die Aufgabe, soziale Treffpunkte in abgelegenen Gemeinden zu ­betreiben».

Wenig Transparenz

Konkrete Angaben dazu, wie viele Poststellen in nächster Zeit wo geschlossen werden sollen, wollten Hasler und Postchefin Susanne Ruoff partout nicht machen. Es gibt in den umfangreichen Unterlagen zur Bilanzmedienkonferenz auch keine Übersicht zur Entwicklung des Poststellennetzes in den letzten Jahren. Man muss die Geschäftsberichte einzeln durchsuchen, um ein Bild zu erhalten: In den vergangenen fünfzehn Jahren schlossen 1800 Poststellen – mehr als die Hälfte aller Filialen.

Auch in den letzten fünf Jahren sind im Schnitt rund 100 Poststellen pro Jahr weggefallen. 2015 sank die Zahl der Poststellen von 1562 auf 1464. Im Gegenzug nahm die Zahl der Agenturen mit ihrem reduzierten Serviceangebot weiter von 660 auf 735 zu. Hinzu kam erneut ein leichtes Wachstum beim Hausservice. Inzwischen gibt es 1295 solche Angebote zum Erledigen von Postgeschäften an der Haustür.

Defizit von 110 Millionen

Die Postführung betonte, der Betriebsertrag sei in drei von vier Märkten rückläufig. Insgesamt sei er um 1,8 Prozent auf 8,224 Milliarden Franken gesunken. Zum leichten Gewinnanstieg beigetragen hätten vor allem Buchgewinne auf Finanzanlagen und der boomende Devisenhandel bei der Postfinance nach der Aufhebung des Euromindestkurses.

Im Bereich Poststellen und Verkauf habe vergangenes Jahr hingegen ein Betriebsverlust von 110 Millionen Franken resultiert. Das Minus vergrösserte sich damit gegenüber 2014 um 10 Millionen. «Die Leute schreiben nun mal nicht mehr so viele Briefe, und sie geben ihre Briefe seltener in den Poststellen ab», sagte Ruoff (siehe Videointerview). Auch der dort abgewickelte Zahlungsverkehr schrumpfe. «Und unsere Kunden geben auch Pakete weniger in den Poststellen, sondern an anderen Zugangspunkten der Post auf.»

Mit den anderen Zugangspunkten meint Ruoff neben Agenturen und dem Hausservice das wachsende Netz an «My Post 24»-Automaten, an denen Sendungen jederzeit aufgegeben und abgeholt werden können. Hinzu kommen Postomaten, Briefeinwürfe und Postfächer sowie das neue Postportal, Apps, der Kundendienst und soziale Medien wie Facebook oder Twitter. Zu Randzeiten können mit Pickpost Pakete und eingeschriebene Briefe an über 2400 Poststellen, Tankstellen und Bahnhöfen abgeholt werden.

«Wir gehen dorthin, wo die Kunden sind. Wir wollen nicht abbauen, sondern die Zugangspunkte ausbauen», sagte Ruoff. «Es ist aber nicht mehr der Service von vor zehn Jahren.» Denn die Digitalisierung schreite voran, und die Bedürfnisse der Kunden wandelten sich derzeit gar beschleunigt. Auch die Unternehmen verschickten beispielsweise Rechnungen zunehmend elek­tronisch. «Dieser Entwicklung müssen wir folgen, um das Defizit zu bekämpfen», sagte Ruoff.

Auch Stadtquartiere betroffen

Die städtische Bevölkerung verhalte sich in diesem Wandel übrigens nur bedingt anders als die ländliche. Daraus folgt, dass nach abgelegenen Poststellen vermehrt auch solche in städtischen Quartieren geschlossen respektive ersetzt worden sind. Dank der neuen, kostengünstigeren Formate bleibe die Schweizerische Post aber im Dorf und im Quartier präsent, sagte Ruoff. Beim Entscheid, welche Poststellen ­geschlossen werden, nutzt die Unternehmensführung «Opportunitäten wie auslaufende Mietverträge oder Pensionierungen von Poststellenleitern».

Auf die Frage, wie viele Beschäftigte in den Poststellen um ihren Job zittern müssten, sagte Ruoff, die Schweizerische Post gehe sozialverträglich vor. Ihr Ziel sei, Kündigungen möglichst zu vermeiden und stattdessen natürliche Abgänge zu nutzen. Im vergangenen Jahr sank die Zahl der Vollzeitstellen des Konzerns von 44 681 auf 44 131. Kündigungen aus wirtschaftlichen Gründen gab es lediglich 78, nach 168 im Vorjahr.

Immer mehr Poststellen schliessen, derweil hat im Postparc in Bern eine neue geöffnet. Wie läuft dort das Geschäft?

Franz Huber, Leiter Poststellenvertrieb, zum neuen Postparc in Bern.
Video: Christoph Albrecht

(Berner Zeitung)

(Erstellt: 11.03.2016, 06:58 Uhr)

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