In Krisenzeiten haben Genossenschaften Hochkonjunktur
Von Mirjam Comtesse. Aktualisiert am 04.01.2012 1 Kommentar
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Von der Genossenschaft zur AG: Zwei Beispiele mit Stolpersteinen
1997 wurde die genossenschaftlich organisierte Rentenanstalt zur Aktiengesellschaft. Das Management hatte auf die Umwandlung gedrängt, um auf den Finanzmärkten freier handeln zu können. In den folgenden Jahren setzte es auf eine aggressive Expansionspolitik: Swisslife erwarb unter anderem die Lloyd Continental, die UTO Albis, die Livit, die Banca del Gottardo und die Schweizerische Treuhandgesellschaft. In den Jahren 2001 und 2002 endete dies beinahe im Ruin. Das gesamte Topmanagement wurde zudem bei Börsenspekulationen erwischt.
Eine neue Führung übernahm, verkaufte die Akquisitionen und fokussierte die Rentenanstalt aufs Kerngeschäft. Das Management liess den Namen Rentenanstalt 2003 fallen und wagte unter der Marke Swiss Life einen Neuanfang. 2010 hat das Unternehmen auch seine Aktien von der Börse genommen.
Auch Thurella, die ehemalige Obstverwertungsgenossenschaft mit Sitz im thurgauischen Egnach, stolperte über ihre forcierte Expansion: Sie begann 1999 mit dem Kauf der Obi Frucht und Saft AG inklusive der Thurella AG. Drei Jahre später wandelte sich die Genossenschaft zur AG und übernahm den Namen Thurella. Nun kaufte sie unter anderem die auf Biofrucht- und Gemüsesesäfte spezialisierte Biotta AG und die deutsche Gesa, Gemüsesaft GmbH. 2006 ging die Firma an die Berner Börse. Doch das zu einem Konzern herangewachsene Unternehmen kam wegen des starken Wachstums ins Straucheln: 2010 folgte eine harte Sanierung, bei der 100 Stellen verloren gingen.
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Die Genossenschaften gewinnen dank der weltweiten Wirtschafts- und Finanzkrise neues Ansehen. Sie gelten zunehmend als sicherere Alternative zu den Aktiengesellschaften. Nun hat die UNO 2012 zum internationalen Jahr der Genossenschaften erklärt. Sie lobt ihren Beitrag für die soziale und wirtschaftliche Entwicklung und ihren Beitrag gegen die Armut.
Die Schweiz hat eine lange Tradition der Genossenschaften, ja sie ist im Prinzip sogar selbst eine: eine Eid-Genossenschaft. Doch die Kooperativen sind hierzulande – mit Ausnahme der Wohnbaugenossenschaften – auf dem Rückzug. 2010 gab es noch 10'000 Genossenschaften, 900 davon waren in Liquidation. Als Vergleich: Die Schweiz zählt rund 200'000 Aktiengesellschaften. Der Grund für den Rückgang ist simpel: Genossenschaften werden in der Regel gegründet, wenn ein Problem die finanzielle Kraft eines Einzelnen übersteigt und deshalb eine gemeinschaftliche Lösung nötig ist. Weil es der Schweiz insgesamt sehr gut geht, sind sie weniger gefragt.
Dies sind die grössten Vor- und Nachteile einer Genossenschaft:
1. Sozial orientiert versus geldzentriert
Aktionäre sind primär an möglichst hohen Renditen interessiert. Genossenschaftern geht es eher darum, eine gute Dienstleistung zu erhalten. Deshalb steht bei einer Kooperative der Kunde im Zentrum; eine Aktiengesellschaft muss vor allem ihre Shareholder zufriedenstellen. Das bedeutet für eine grosse, börsenkotierte Firma auch, dass sie permanent wachsen muss. Da die Kooperativen keinen Aktionären verpflichtet sind, können sie ihre Politik langfristig ausrichten, anstatt auf den kurzfristigen Gewinn zu schielen. Und weil Genossenschaften meist regional tätig sind und nicht im globalen Wettbewerb stehen, fallen die Löhne des Topkaders in der Regel tiefer aus als bei grossen Aktiengesellschaften. Kooperativen locken qualifizierte Mitarbeiter eher mit sicheren Arbeitsplätzen an als mit der Entlöhnung.
2. Konservativ versus risikofreudig
«Steve Jobs hätte in einer Genossenschaft nicht funktioniert», sagte kürzlich der frühere Direktor der Denkfabrik Avenir Suisse, Thomas Held. Der Apple-Chef war vielleicht ein tyrannischer Alleinherrscher, er trieb Mitarbeiter aber auch zu Höchstleistungen an. Genossenschaften dagegen sind wegen ihrer demokratischen Struktur schwerfälliger und weniger innovativ.
Die positive Kehrseite: Sie gehen auch weniger Risiken ein. Die Mobiliar zum Beispiel verfügt über deutlich mehr Eigenkapital als andere Versicherer. Die Erklärung: Sie kann im Gegensatz zu börsenkotierten Versicherern das Aktienkapital nicht erhöhen, um an Geld zu kommen. Deshalb sind Kooperativen auch weniger kaufhungrig. Sie wachsen nur aus selbst erwirtschafteten Gewinnen. Dadurch sind sie stabiler als eine AG.
3. Demokratisch versus Geld regiert
In einer Genossenschaft gilt das Prinzip «Ein Mensch, eine Stimme». Sie ist damit demokratischer organisiert als eine AG, in der jeder Aktie eine Stimme zukommt. Zudem ist die Aktionärsdemokratie zwar auf dem Papier gewährleistet, bleibt in der Realität aber oft eine Farce, weil sich Aktionäre weniger mit dem Unternehmen identifizieren, sondern in erster Linie an ihrer Kapitalanlage interessiert sind. Allerdings ist es auch für Genossenschafter nicht immer einfach, ihre Anliegen gegenüber der Unternehmensführung anzubringen. Ein Problem ist dies etwa bei der Migros. Die Organisation Sorgim («Migros» rückwärtsgelesen) setzt sich deshalb dafür ein, dass die Migros-Genossenschafter ihre Rechte besser wahrnehmen und dem Management mehr auf die Finger schauen.
Das Fazit: Genossenschaften eignen sich vor allem für Branchen, die nahe bei den Konsumenten sind und nicht jeden neuen Trend verfolgen müssen. Dazu gehören der Detailhandel – in der Schweiz als Beispiele Coop, Migros, Volg – und die Ernährungswirtschaft mit Landi, Fenaco und Olma. Ein Unternehmen der Informationstechnologie, das ständig am Puls der Zeit sein muss, wird aber kaum je genossenschaftlich organisiert sein. (Berner Zeitung)
Erstellt: 04.01.2012, 11:56 Uhr
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1 Kommentar
Besten Dank für den Artikel über die Genossenschaft- keine Selbstverständlichkeit, meiner Erfahrung nach.
Beim Fazit bin ich nicht ganz Ihrer Meinung, da auch bei Genossenschaften, wie in jeder anderen Rechtsform, die darin tätigen Menschen, ihre Kultur, Bildung, Informationsstand, Engagement etc. sehr entscheidend ist für den Erfolg oder Misserfolg.
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