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«Im Tourismus kombiniere ich gerne Gegensätzliches»

Von Rahel Guggisberg. Aktualisiert am 09.01.2012

Der Reka-Direktor Roger Seifritz sagt, dass Schweizer Reka-Dörfer 2012 wegen der Eurokrise schlechter ausgelastet sein werden. Dies trotz 85 Prozent Schweizer Gästen, denn diese verreisen vermehrt in den günstigen Euroraum.

«Ich bin  nicht durch Geld getrieben, sonst wäre ich nicht Chef der Non-Profit-Unternehmung Reka», sagt der gebürtige Glarner Roger Seifritz.

«Ich bin nicht durch Geld getrieben, sonst wäre ich nicht Chef der Non-Profit-Unternehmung Reka», sagt der gebürtige Glarner Roger Seifritz.
Bild: Tanja Buchser

Zur Person

Der 49-jährige Roger Seifritz ist seit neun Monaten Direktor der Schweizer Reisekasse (Reka). Zuvor war der studierte Ökonom 13 Jahre lang Direktor von Gstaad Saanenland Tourismus.

Mit dem Chefwechsel hat sich bei der Reka manches geändert: Der Vorgänger von Seifritz, Werner Bernet, prägte die Reka insgesamt 27 Jahre lang, 13 davon als Direktor. «Einige freuten sich über einen Wechsel, andere reagierten verunsichert», so Seifritz. Er selber pflege einen etwas anderen Führungsstil als der Vorgänger: «Ich gelange mit weniger konkreten Vorstellungen an Mitarbeiter, dafür motiviere ich sie, Innovationen umzusetzen.» Sie sollten mitdenken und mitbestimmen, aber auch Verantwortung tragen. Das bedeute für alle ein Umdenken.

Der gebürtige Glarner lebt in Gstaad, ist verheiratet und Vater dreier Töchter (14, 16, 18 Jahre). Er sagt über sich selber, dass er wenig Berührungsängste hat und gerne gewisse Risiken eingeht.

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Herr Seifritz, Ihr Entscheid, von Gstaad Tourismus zur Reka in die Stadt Bern zu wechseln, ist Ihnen schwergefallen. Wie haben Sie sich nach neun Monaten eingelebt?
Roger Seifritz: Sie meinen, weil ein Bergler ins Tal gekommen ist? Die Luftveränderung tut gut. Allerdings hat es viel Nebel hier unten. Ich bin deshalb froh, dass ich regelmässig zurück in die Berge zu meiner Familie reisen kann.

Aber Sie sehen Ihre Familie seltener.
Ja, leider. Dafür geniesse ich die vorhandene Familienzeit intensiver.

Bekommen Sie noch mit, was in Gstaad passiert?
Nein, ich habe den Anschluss verpasst. Man kann sagen, dass ich von einem der bestinformierten Gstaader zu einem der am schlechtesten informierten geworden bin.

Gstaad steht für den Luxustourismus. Die Reka-Dörfer sprechen vorwiegend Familien der Mittelklasse an. Welches Segment bevorzugen Sie persönlich?
Im Tourismus kombiniere ich gerne Gegensätzliches wie zum Beispiel Alpenmilch und Champagner oder Iglu und Fünfsternhotel. Ich bin wie ein Vagabund zwischen diesen zwei Welten. Von meiner Herkunft her liegt mir aber die Mittelklasse näher.

Welche Art Ferien machen Sie?
Am liebsten habe ich Ferien in den Bergen. Deshalb ist die Schweiz meine Lieblingsdestination.

Müssen Sie als Reka-Direktor vermehrt Familienferien in einem Reka-Dorf verbringen?
Natürlich nutzen wir öfter Reka-Angebote. Meine beiden älteren Töchter wachsen aber mit 16 und 18 Jahren langsam aus der Kernzielgruppe hinaus, sie verlangen mehr Action.

85 Prozent der Reka-Gäste sind Schweizer. Die Euroschwäche dürfte daher die Reka weniger stark treffen als andere Tourismusanbieter.
Dieser Eindruck täuscht: Herr und Frau Schweizer reisen vermehrt in den nahe gelegenen, günstigen Euroraum. Die Reka ist genau gleich stark betroffen wie andere Tourismusbetriebe. Im Schweizer Geschäft werden wir 2012 Einbussen verzeichnen. Wir haben Buchungsrückstände.

Was tun Sie dagegen?
Machen können wir nichts, weil unsere Margen sowieso tief berechnet sind.

Fordern Sie wie andere Touristiker von der Politik Massnahmen?
Seit die Nationalbank den Frankenkurs bei 1.20 Franken fixiert hat, ist das Geschäft für uns wieder kalkulierbar geworden. Touristiker schreien jetzt nach einem Eurokurs von 1.30 oder sogar 1.40 Franken. Als Ökonom bin ich da jedoch vorsichtig: Hebt man den Kurs künstlich noch mehr an, riskiert man eine Inflation.

Aber die Krise gefährdet viele Betriebe in ihrer Existenz.
Ja, das ist klar. Im Tourismus sind die Bergregionen besonders gefährdet, weil sie eh schon von kurzen Saisons abhängig sind.

75 Prozent der Reka-Dörfer sind in den Bergen.
Ja, das bedeutet, dass wir auf Gedeih und Verderben von der touristischen Entwicklung des alpinen Raumes abhängig sind.

Wie meinen Sie das?
Der Wettbewerb wird sich in den kommenden Jahrzehnten weiter verschärfen. Grund sind die Entwicklung der Gesellschaft und das Klima: Wenn es im Winter im Unterland kaum mehr Schnee hat, reizt es die Leute einfach weniger, in die Berge zu fahren.

Die Zeiten, in denen alles Ski fuhr, sind doch sowieso vorbei.
Das ist ein ernsthaftes Problem. Einerseits gibt es immer weniger Kinder. Anderseits nimmt der Anteil der Ausländerkinder stetig zu. Diese fahren deutlich weniger Ski als Schweizer, ihnen fehlt oft der Bezug. Deshalb wird es in den kommenden Jahrzehnten wohl immer weniger Skifahrer haben. Ich rechne darum damit, dass längerfristig nur starke Destinationen am Markt bleiben können.

Welche werden verschwinden?
Solche, die nicht über das Finanzierungspotenzial für die erforderlichen teuren Infrastrukturinstallationen verfügen, also vor allem kleinere.

Sie prophezeien den Bergorten noch schwierigere Zeiten. Warum eröffnen Sie denn nicht mehr Reka-Anlagen im Mittelland?
In diesem Jahr erarbeiten wir die Folgestrategie der Reka und setzen uns mit dem Portfolio der Feriendörfer und dem Standortmix auseinander.

Mit welchem Rezept stärken Sie die bestehenden Reka-Dörfer?
Wir spezialisieren unser Angebot: Beispielsweise das Reka-Feriendorf Urnäsch bietet alles rund um das Thema Tiere und Bauernhof. Es läuft super und war 2011 zu 77 Prozent ausgelastet. Um uns zu behaupten, müssen wir auch für andere Dörfer eine Spezialisierung finden und diese geschickt inszenieren.

80 Prozent des Zielpublikums der Reka-Dörfer sind Familien mit Kindern. Es kommen aber auch Gäste ohne Nachwuchs. Das birgt Konfliktpotenzial.
Wer in einem Reka-Dorf Ferien bucht, weiss, dass es Kinder hat, die sich austoben.

Die beiden Reka-Dörfer im Berner Oberland, an der Lenk und im Hasliberg, verloren 2011 deutlich an Übernachtungen. Woran liegt das?
Sie haben immer noch eine Auslastung um die 80 Prozent. Der Rückgang ist vor allem auf die Eröffnung des neuen Feriendorfes in Sörenberg zurückzuführen, das wir nur zum Teil mit Neukunden füllen konnten.

Das Reka-Dorf in Leysin VD steht zum Verkauf. Schlecht läuft auch das Dorf in Pany GR. Weshalb?
In Leysin stimmten die von uns erwarteten Auslastungen nie. An den Standort Pany glauben wir, darum haben wir soeben über eine Million Franken in die Thematisierung investiert: Entstanden ist ein Indoor- und Outdoor-Spielland für Kinder bis etwa 12 Jahre.

Die Kunden verlangen immer mehr Komfort und Luxus in Reka-Wohnungen. Wie kommen Sie dem Bedürfnis nach?
Wir investieren jährlich zwischen 10 und 20 Millionen Franken in die Infrastruktur. Immer öfter bieten wir auch Zusatzleistungen wie begrenzte Wellnessleistungen an.

Aber das Image der Reka ist bieder.
Grundsätzlich ist das ja nicht einmal so schlecht. Die Reka wird in breiten Bevölkerungsschichten als korrekt und vertrauenswürdig wahrgenommen und damit ein bisschen bieder, das sind typisch schweizerische Attribute.

Aber der Markt für gehobenere Ansprüche wäre lukrativer.
Mag sein, das überlassen wir aber anderen.

Reka-Dörfer gehören wie Camping, Ferienwohnungen und Jugendherbergen zur Parahotellerie. Im vergangenen Jahr gründeten Sie die IG Parahotellerie. Was erhoffen Sie sich von diesem Zusammenschluss?
Die Parahotellerie ist eine unbekannte, aber bedeutsame Grösse im Schweizer Tourismus. Sie wächst stärker als die Hotellerie und zieht überdurchschnittlich viele Familien an, weil sie für diese geeignete Wohnmöglichkeiten bietet.

Aber die Parahotellerie konkurrenziert doch die Hotellerie, die sowieso darbt.
Nein, vielmehr ergänzt sie deren Angebot. Parahotelleriegäste sind wichtige Konsumenten für Gastronomiebetriebe, Bergbahnen und Attraktionen. Will die Schweiz mehr tourismuspolitische Wirkung bekommen, muss Schweiz Tourismus die Parahotellerie aktiver einbinden und vermarkten.

Die Zweitwohnungen in den Berggebieten boomen seit den 90er-Jahren. Diese werden oft nur wenige Tage im Jahr genutzt, man spricht von kalten Betten...
Vor allem für international stark nachgefragte Destinationen ist das ein grosses Problem. Während weniger Spitzenwochen sind die Orte ausgelastet, dann herrscht Flaute. Das macht es für frequenzabhängige Tourismusträger wie Bergbahnen und die Gastronomie schwierig.

Was machen Sie gegen kalte Betten?
Die Reka-Dörfer sind ein Rezept gegen kalte Betten. In Sörenberg erreichten wir 2011 zum Beispiel bereits im ersten Betriebsjahr eine Auslastung von 70 Prozent und über 46'000 Übernachtungen. Die Reka kann aber nicht überall sein.

Der Ägypter Samih Sawiris verspricht, dass seine gigantische Tourismusanlage in Andermatt durch eine zentrale Vermietung warme Betten generiert. Was halten Sie von dieser Vision?
Ich halte das Projekt für mutig. Aber wir brauchen genau solch ehrgeizige Projekte, denn mit der klassischen Kleinräumigkeit hat der alpine Tourismus eine schwierige Zukunft vor sich. Nur mit den vielen Kleinstbetrieben, die alle ihr eigenes Ding durchziehen, sind alpine Tourismusdestinationen nicht überlebensfähig.

Wachstumstreiber bei der Reka ist das Reka-Geld. 2011 erzielten Sie über 640 Millionen Franken Umsatz. Was erwarten Sie für dieses Jahr?
Ich gehe davon aus, dass der Wachstumspfad der letzten zehn Jahre wegen der tiefgreifenden Finanz- und Schuldenkrise unterbrochen wird. 2011 hatten wir erste Anzeichen davon. Ich glaube allerdings, dass der Reka-Check attraktiv bleibt.

Der finanzwirtschaftliche Sektor bedeutet für Sie Neuland. Was fordert Sie heraus?
Das fast bankähnliche Geschäft, das wir hier betreiben, ist höchst interessant und komplex. Wenn man an einem Rad dreht, zieht das teilweise nicht bekannte Auswirkungen nach sich.

Wie meinen Sie das?
Beispielsweise können Arbeitgeber Reka-Geld mit einer Ermässigung von 1,5 Prozent bei uns einkaufen. Wenn wir das Angebot verschlechtern, indem wir zum Beispiel nur noch 1 Prozent weitergeben, kann das Folgen für das Gesamtsystem haben, die wir nicht abschätzen können.

Bezahlen Sie immer mit Reka-Checks?
Ja, wo immer das möglich ist.

Wie viel Prozent Ihres Lohnes besteht aus Reka-Geld?
Reka-Mitarbeiter haben das Recht, mit 20 Prozent Rabatt maximal 3000 Franken Reka-Geld zu kaufen.

Was bedeutet Ihnen persönlich Geld?
Ich bin nicht durch Geld getrieben, sonst wäre ich nicht Chef einer Non-Profit-Unternehmung. (Berner Zeitung)

Erstellt: 09.01.2012, 07:35 Uhr

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