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Hoffen und Bangen bei RTC

Von Philippe Müller. Aktualisiert am 18.01.2010

Die angeschlagene Berner Informatikdienstleisterin RTC steht am Scheideweg: Im Februar soll der Entscheid über eine allfällige Partnerschaft mit IBM oder HP fallen. Kommt es zu keinem Schulterschluss, wirds eng für RTC.

Wie weiter bei der Real-Time Center AG im Liebefeld? Im Februar sollte bekannt werden, ob es zu einer Partnerschaft kommt.

Urs Baumann

Stichworte

Viele gewichtige Abgänge

Auch auf Stufe Geschäftsleitung blickt die Berner Informatikdienstleisterin Real-Time Center AG (RTC) auf eher unruhige Zeiten zurück: Innert kürzester Zeit kam es im neunköpfigen Gremium zu vier Abgängen.

Im November 2009 haben Geschäftsführer René Brazerol und Entwicklungschef Rainer Zahradnik das Unternehmen per sofort verlassen – offenbar auf Grund grösserer Differenzen mit dem Verwaltungsrat.

Zuvor hatten bereits Urs Hübscher, Leiter Produktion, und Herbert Stadler, Leiter Application Management, ihren Abgang bekannt gegeben. Neuer RTC-Geschäftsführer ist Guido Kurmann.

«IBM oder Hewlett-Packard?» Das ist seit Wochen die grosse Frage in der Real-Time Center AG (RTC) im Liebefeld. Die Anzeichen verdichten sich, dass einer der beiden internationa-len Computergiganten eine Kooperation mit der hauseigenen Informatikdienstleisterin der Berner Kantonalbank (BEKB) eingeht.

Der neue RTC-Geschäftsführer Guido Kurmann rechnet damit, dass der Entscheid im Februar fallen dürfte. «Nach heutigem Kenntnisstand rechnen wir mit Offerten von beiden Interessenten.» Kurmann streicht dabei das Wort «Partnerschaft» hervor: Ein Verkauf von RTC durch die Berner Kantonalbank sei bisher explizit ausgeschlossen worden.

Bereits Mitte Februar findet eine Verwaltungsratssitzung statt, an der ein allfälliger Schulterschluss Thema sein und allenfalls bereits beschlossen wird.

RTC braucht Hilfe

Dass das Interesse von IBM und HP konkret ist, zeigt sich daran, dass sich derzeit Woche für Woche hochrangige Vertreter beider Firmen im Liebefeld die Klinke in die Hand geben und RTC auf Herz und Nieren prüfen.

Fakt ist: Für RTC ist es existenziell, dass einer der beiden Computergiganten anbeisst. Sollten die Verhandlungen scheitern, würde sich das Unternehmen bald einmal in einer Sackgasse befinden und müsste wohl die Strukturen anpassen, sprich: Mitarbeiter entlassen. Viele der rund 400 Mitarbeiter könnten den Job verlieren. Bereits 2009 verliessen über 100 Angestellte die RTC, teils freiwillig, teils auf Grund von Stellenabbau.

Pannen und Verzögerung

Grund für das Tief der Real-Time Center AG sind einige Pannen bei der langjährigen Entwicklung der neuen Bankensoftware Ibis3G. Auf Grund der massiven Verzögerung verlor RTC auf einen Schlag über 50 ihrer knapp 60 Bankkunden. Die meisten von ihnen arbeiten bis 2012 zwar mit der Vorgängerlösung Ibis weiter, lassen den Vertrag mit RTC dann aber auslaufen und verzichten auf die Umrüstung auf Ibis3G.

Nur die Berner Kantonalbank, welche rund 65 Prozent der RTC-Aktien besitzt, sowie die Jurassische Kantonalbank und die Sparkasse des Bundespersonals waren bereit, die Verzögerungen in Kauf zu nehmen, und arbeiten heute mit Ibis3G.

Mittlerweile läuft die «modernste Bankensoftware der Schweiz», wie RTC ihr Produkt gerne nennt, offenbar reibungslos. Mit drei Kunden allein können die hohen Entwicklungs- und Unterhaltskosten aber nicht kompensiert werden. Wie hoch diese sind, gibt RTC nicht bekannt, es dürften während der langen Entwicklungszeit aber Kosten in Millionenhöhe entstanden sein.

Bald auf Kundenfang?

Dass das Kundenportfolio der RTC bald Zuwachs erfährt, dafür sollen nun entweder IBM oder HP sorgen. Die beiden Softwarespezialisten – sollte sich denn tatsächlich einer von beiden für eine Kooperation entscheiden – sollen gemeinsam mit RTC den Markt sondieren.

RTC ist alleine zu klein, um auf dem Markt erfolgreich auf Kundenfang gehen zu können. Durch das immense Netzwerk der beiden Computerriesen verspricht sich RTC wichtige Kontakte.

IBM und HP dagegen würden sich durch den Einstieg bei RTC ein neues Betätigungsfeld eröffnen und würden sich auf einen Schlag grosses Knowhow im Bereich der Bankeninformatik erwerben.

Mitarbeiter verunsichert

Bis ein definitiver Entscheid gefallen ist, wird die Verunsicherung unter den RTC-Mitarbeitern weiter anhalten. Die turbulenten letzten Monate haben ihre Spuren hinterlassen. Dass innerhalb kürzester Zeit vier Mitglieder der Geschäftsleitung den Hut genommen haben, hat seinen Teil dazu beigetragen (siehe Kasten).

Ob bei der RTC tatsächlich Ruhe einkehrt oder ob das Zittern weitergeht, entscheidet sich in den nächsten Wochen. (Berner Zeitung)

Erstellt: 18.01.2010, 07:11 Uhr

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