Hildebrand: «Die Kugel flog ziemlich nahe am Kopf vorbei»

Philipp Hildebrand, der neue Präsident der Schweizerischen Nationalbank, ist noch nicht zufrieden mit dem Fortschritt bei der Bankenregulierung.

Ist optimistisch: Philipp Hildebrand, Nationalbankpräsident.

Ist optimistisch: Philipp Hildebrand, Nationalbankpräsident.
Bild: Keystone

«Wir sind noch in der ersten Halbzeit der Regulierung», sagt er im Interview mit der «Sonntagszeitung». Weltweit nehme der Widerstand der Banken gegen schärfere Regeln zu. Auf die Frage, ob er ­zurücktreten würde, falls er sich nicht durchsetzen könne, sagt Hildebrand: «Wenn wir keine Lösung erreichen, dann habe nicht ich ein Problem, sondern wir alle.» Die Schweiz habe im Herbst 2008 Glück gehabt: «Die Kugel ging ziemlich nahe am Kopf vorbei.»

Für die Konjunktur gibt er sich verhalten optimistisch. Der Kurs des Schweizer Frankens hat sich in den vergangenen drei Wochen gegenüber dem Euro deutlich aufgewertet, wobei die Gemeinschaftswährung unter die von der Exportwirtschaft als kritisch betrachtete Marke von 1,50 Franken fiel. Am Devisenmarkt wurde dies darauf zurückgeführt, dass die Schweizerische Nationalbank (SNB) auf Interventionen verzichtete.

Übertriebene Frankenaufwertung verhindern

Nun machte SNB-Präsident Hildebrand aber deutlich, dass die Notenbank einer unkontrollierten Aufwertung des Frankens nicht tatenlos zusehen würde. Gleich zwei Mal sagte er in dem Interview, dass die Nationalbank im aktuellen Umfeld eine exzessive Aufwertung des Frankens resolut verhindern werde. Hildebrand begründete dies mit den nach wie vor latenten Deflationsrisiken. Die Nationalbank werde es nicht zulassen, dass sich dieses Risiko über eine Aufwertung des Wechselkurses realisiere.

Bezüglich der Konjunktur gab sich Hildebrand verhalten optimistisch. Allerdings herrsche nach wie vor eine grosse Unsicherheit, und ein grosser Teil der Wachstumseffekte sei bisher durch die Interventionen der Staaten bedingt gewesen. Die Nationalbank werde bei der Normalisierung der Geldpolitik deshalb sehr, sehr vorsichtig und graduell vorgehen. Gleichzeitig sei klar, dass die aktuelle Geldpolitik langfristig nicht beibehalten werden könne, wenn man Inflation vermeiden wolle.

Bei der Kreditgewährung der Banken stellte die Nationalbank gemäss Hildebrand bei ihrer jüngsten Umfrage eine deutliche Stabilisierung fest. Es wäre sehr, sehr wichtig, dass diese Entwicklung weitergehe. Umgekehrt gab sich der oberste Stabilitätshüter besorgt über mögliche Marktverzerrungen bei der Gewährung von Hypothekarkrediten. Er rief die Banken dazu auf, die klassischen Kriterien für die Kreditvergabe sehr diszipliniert anzuwenden. Denn eine Verzerrung im Immobilienbereich wäre sehr unglücklich für die Schweiz.

Details der Bankenaufsicht noch unklar

Bezüglich der Reform der Aufsicht über die Grossbanken befinden sich die zuständigen Behörden nach den Worten des SNB-Chefs «noch in der ersten Halbzeit.» Die Details des internationalen Reformplans stünden noch nicht fest. Nötig seien Massnahmen, um eine Unternehmen im Extremfall ordentlich herunterfahren zu können. Hildebrand schloss nicht aus, dass für die Grossbankenregulierung in der Schweiz eine Gesetzesänderung nötig wird. Möglicherweise brauche es in gewissen Bereichen auch strengere Normen für die Schweizer Grossbanken als im Ausland.

Hildebrand wehrte sich gegen den Eindruck, dass er hier einen persönlichen Kampf führt. Sollte das eklatante «Too-big-to-fail»-Problem nicht gelöst werden, werde sich das früher oder später als grosse kollektive Verantwortungslosigkeit erweisen. Auf die Frage, ob die nicht auf staatliche Stützung angewiesene Credit Suisse sich nicht zu Recht gegen Vorgaben für ihr Geschäftsmodell wehre, sagte der SNB-Präsident: «Jeder, der im Herbst 2008 am Tisch sass, auch die CS, weiss genau, dass es damals nicht so einfach war.» Bei allem Lob für die SNB und den Bundesrat sei es damals keineswegs sicher gewesen, dass am Schluss alles gut herausgekommen würde. «Die Kugel ging ziemlich nahe am Kopf vorbei», sagte der SNB-Präsident. (tan/ddp)

Erstellt: 17.01.2010, 13:48 Uhr

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