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Matthias Chapman
Ressortleiter Wirtschaft


Google vs. China: Säbelrasseln oder Beginn eines Kalten Krieges?

Aktualisiert am 23.03.2010

«Das Risiko einer Eskalation ist gross», kommentiert eine Zeitung Googles Teilrückzug aus China. Experten erwarten eine scharfe Reaktion Pekings.

Bis hier und nicht weiter: Googles Hauptsitz in Peking wurde am Dienstag vorübergehend geschlossen.

Bis hier und nicht weiter: Googles Hauptsitz in Peking wurde am Dienstag vorübergehend geschlossen.
Bild: Keystone

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Als Google (GOOG 703 0.44%) vor Jahren ins chinesische Internetbusiness einstieg, wollte man vor allem eines: Das Feld besetzen, auf dem in Zukunft das grosse Geschäft läuft. Nun ist der amerikanische Internetkonzern gestrandet, zumindest fürs erste. Die Auseinandersetzung der letzten Wochen nach einem Hackerangriff auf den Webriesen in China gipfeln darin, dass Google seine Suchsite Google.cn schliesst und fortan sämtliche Anfragen auf die Schwesterseite in Hongkong umleitet.

Was einfach tönt, hat natürlich einen Haken. Zwar muss Google seine Suchresultate nicht mehr nach den Wünschen Pekings zensieren. Klar ist aber, dass China jetzt einfach seine eigene Zensurmaschine in Gang setzt. Stellt ein chinesischer User eine Suchanfrage an Google Hongkong, können Pekings Wächter die Ergebnisse auf dem Rückweg nach ihrem Gusto aussortieren. Insgesamt ein Nullsummenspiel, zumindest für die User.

Ein «historischer Moment»

Google nimmt sich aber für den Moment aus dem Schussfeld der internationalen Kritik. Dem Internetkonzern war schwer angelastet worden, dass es für die chinesische Regierung arbeitete, indem gewisse Internetinhalte den Chinesen vorenthalten wurden. «Gemessen an ihren Standards macht es Sinn», sagt der Internetexperte und bekannte Blogger Michael Anti gegenüber der Welt.de.

Nach dem gestrigen Schritt Googles sprechen einige Kommentatoren von einem «historischen Moment». «Das Internet wurde als eine Art Katalysator für China gesehen, sich in die Welt stärker zu integrieren. Jetzt sehen wir, dass Google in China nicht existieren kann. Das zeigt, dass die aufstrebende Macht China sich in eine andere Richtung bewegt, als es die Welt und viele Chinesen erwartet haben», sagt Xiao Qiang, ein Internetexperte der Universität im kalifornischen Berkeley, gegenüber der «New York Times».

Eskaliert der Streit weiter?

Andere scheuen sich nicht, im Zusammenhang mit dem Streit zwischen Google und China das Wort Krieg zu verwenden. «Das wurde zu einem Krieg der Ideen zwischen dem amerikanischen Konzern und seiner Moral über Internetzensur auf der einen Seite und der chinesischen Regierung auf der anderen Seite», so Emily Parker, vom Institut für Beziehungen zwischen China und den USA der amerikanischen Asien-Society.

Auch Leslie Harris, Leiter des Centers für Demokratie und Technologie in Washington, spricht davon, dass hier etwas bisher nicht Gesehenes passiert: «Ich weiss nicht, ob das für die chinesischen User gut herauskommt. Tatsache aber ist, dass hier ein US-Konzern aufsteht und die Zensoren herausfordert. Und so etwas hatten wir bisher nicht». Harris befürchtet, Peking könnte simpel und einfach den Zugang der Chinesen auf die neue Site in Hongkong unterdrücken.

Noch ist es nicht soweit, aber wenn dieser Fall eintreffen würde, wäre das eine weitere Eskalation in dem Streit. In diesem Zusammenhang taucht bei Bloggern und in Internetforen auch öfters mal der Begriff Kalter Krieg auf. Man beobachtet sich gegenseitig mit Argusaugen und droht ab und zu mit Eskalation.

Regierungen gefordert

Dabei wird sich der Streit vermutlich nicht auf Google und die Regierung in Peking beschränken. Zwar hat Washington zurückhaltend und diplomatisch auf den Schritt Googles reagiert. Gerade das könnte sich in Zukunft verändern, vermutet Ed Black, Chef der amerikanischen Technology Trade Association. «Googles Versuch bezüglich Internetzensur eine Marke zu setzen wird nur einen Effekt haben, wenn Regierungen anderer Länder diesen Schritt gemeinsam unterstützen», so Back in der «Financial Times». Und nicht nur Regierungen sind gefordert, auch auf andere Grosskonzerne ist der Fokus gerichtet. Sollte Microsoft die Situation in China für den grossen Einstieg nutzen, wäre der Effort Googles neutralisiert, wird in Internetkreisen gefachsimpelt.

Nicht zuletzt ist der Streit auch eine wirtschaftliche Frage. Weniger für Google – noch macht der Konzern nicht das grosse Geld im Reich der Mitte – als für die Investitionstätigkeit in China allgemein. «Es wird grosse psychologische Auswirkungen haben», sagt Michael Anti. Seit Monaten klagten zunehmend mehr ausländische Unternehmer, dass China ihnen das Leben immer schwerer mache. Protektionismus zugunsten der eigenen Wirtschaft also.

Was kommt jetzt aus Peking?

Eine erste Reaktion der chinesischen Regierung fiel wenig erfreut aus. Google habe seine vertraglich bestätigten Pflichten verletzt, so ein Beamter des Informationsbüros des Staatsrates in einem Beitrag der staatlichen Nachrichtenagentur Xinhua. «Wir drücken hiermit unsere Unzufriedenheit und Entrüstung aus über Googles unangemessenes Verhalten.»

Beobachter glauben aber, dass eine scharfe Reaktion erst noch folgt. Und die könnte hart ausfallen. (Bernerzeitung.ch/Newsnet)

Erstellt: 23.03.2010, 10:15 Uhr

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