«Es reicht, wenn fünf Prozent der Sparguthaben abgezogen werden»

InterviewNach Griechenland ziehen auch in Spanien Bankkunden ihr Erspartes ab. Ökonom Stephan Schulmeister über Deutschlands Machtstreben und warum ein Bank-Run für die Eurozone brandgefährlich ist.

Bringen spanische Bankkunden ihr Geld bald kistenweise in Sicherheit? Ein Lieferant schiebt einen Karren vor der spanischen Bankia in Madrid. (17. Mai 2012)

Bringen spanische Bankkunden ihr Geld bald kistenweise in Sicherheit? Ein Lieferant schiebt einen Karren vor der spanischen Bankia in Madrid. (17. Mai 2012) Bild: Keystone

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In Griechenland gab es den ersten Ansturm von Bankkunden, um Sparguthaben abzuziehen. In Spanien ist mittlerweile von einem «Bankjog» die Rede. Was braucht es noch, bis es in Spanien einen Bank-Run gibt?
Ausschlaggebend dafür ist, was im Fernsehen und in den Zeitungen berichtet wird. Je mehr Planspiele es über den Austritt Griechenlands aus der Währungsunion gibt, desto mehr nehmen die Ängste auch in Spanien zu. Es reicht, wenn nur drei bis fünf Prozent der Sparguthaben abgezogen werden, das ist für die Banken schon dramatisch. Das wird kommuniziert und weitere Sparer werden alarmiert. Dadurch entstehen Rückkoppelungsprozesse, wie sie auch für die Finanzmärkte typisch sind.

Welche Rückkoppelungsprozesse?
Folgendes Szenario: Moody's hat Spaniens Banken herabgestuft, immer mehr Kunden ziehen ihre Gelder ab. Die Refinanzierung wird für die Banken immer schwieriger. Die EZB springt – siehe Griechenland – nicht mehr einfach so ein. Der Staat muss dann die Banken auffangen. Dadurch steigt die Staatsverschuldung sprunghaft an. Parallel dazu steigen die Zinsen für Staatsanleihen. Schliesslich muss Spanien unter den Rettungsschirm. Die Volkswirtschaft ist dafür aber zu gross. Diese Rettungsaktion ist zum Scheitern verurteilt, und der Euro wäre Geschichte.

Was würde ein Bank-Run für Spanien bedeuten?
Es hängt davon ab, wie das innereuropäische Zahlungssystem reagieren wird. Es geht dabei um andere Summen als bei einem Bank-Run in Griechenland. Die EZB müsste unter Umständen permanent Liquidität nachschiessen. Das ist offenbar nicht problemlos möglich. Die EZB hat bereits gesagt, dass einige griechische Banken nicht mehr refinanziert werden. Wenn das auch in Spanien passiert, dann ist damit aber auch klar, dass die EZB Selbstmord begehen würde: Ohne Euro braucht es die Europäische Zentralbank nicht mehr.

Deutschland entpuppt sich immer mehr als Zünglein an der Waage. Vor allem die Deutsche Bundesbank würde bei weiteren Abschreibern von Staatsanleihen im grossen Stil draufzahlen...
Für die Finanzmärkte wesentlich ist die Entwicklung der Kreditausfallversicherungen (CDS) und Zinsen für Spanien. Das wird derzeit mit besonders grosser Aufmerksamkeit verfolgt. Hier bahnt sich leider ein unglücklicher Konflikt an, insbesondere was die Rolle der Deutschen Bundesbank betrifft. Wäre man Verschwörungstheoretiker, dann müsste man aus dem Verhalten der Bundesbank schliessen, dass sie mittelfristig den Euro kippen will, um wieder die Hegemonialwährung in Europa zu stellen.

Warum gibt es Anlass, das zu glauben?
Zum Beispiel kam von der Bundesbank neulich die Meldung, dass die Inflation in Deutschland stärker steigen werde. Damit will die Bundesbank offenbar nur Druck auf die EZB ausüben, die Zinsen von Italien und Spanien nicht mehr durch Interventionen zu senken. Leider dominiert die Dogmatik deutscher Ökonomen derzeit die Lage total. Die deutschen Ökonomen sind Gefangene ihrer eigenen Weltanschauung.

Inwiefern?
Bundesbankchef Jens Weidmann erklärt, die Märkte müssen weiterhin die Richterfunktion zur Disziplinierung der südeuropäischen Länder ausüben. Und ein Richter, der Zinsen produziert, die nach jeder Gleichgewichtstheorie unhaltbar sind, braucht bald nicht mehr nach Disziplinierung zu rufen. Zinsen von sechs Prozent und darüber sind nicht zu finanzieren. Das ist zwar keine Frage von wenigen Wochen, aber de facto die Anweisung zum Staatsbankrott. Zwischen Zinssatz und Wachstumsrate muss eine entsprechende Relation bestehen. Welche das sein soll, ist umstritten. Meine Überzeugung ist, dass der Zinssatz leicht unter der Wachstumsrate liegen muss. Klar ist aber, dass ein Zinsniveau von vier bis fünf Prozentpunkten über der Wachstumsrate inklusive Zinseszinsen die Verschuldung in die Höhe treibt.

Wenn sich «Richter» und Ökonomen also selbst abschaffen, wer handelt dann das Schicksal des Euro aus?
Es läuft auf eine Dreierpartie hinaus: Die deutsche Regierung unter Merkel, die strikt auf den Fiskalpakt beharrt und sagt, Spanien muss weiter sparen. Der zweite Spieler ist die Deutsche Bundesbank, die innerhalb der EZB starken Druck macht, dass keine weitere Zinsentlastung erfolgt. Und der dritte Player sind Spaniens Politiker, die die Sparvorhaben durchsetzen müssen.

Alles schaut auf Spanien, aber die Anleihenzinsen von Portugal sind mittlerweile auf mehr als elf Prozent geklettert. Griechenland und Portugal sind zwar die kleineren Volkswirtschaften im Vergleich zu Spanien und Italien. Meint man etwa, Portugal deshalb nicht thematisieren zu müssen?
Griechenland hat sozialpsychologisch eine wichtige Funktion: Es ist der ideale Sündenbock. Griechenland hat nachweislich bei den Budgetzahlen geschummelt, der Staat ist in einer katastrophalen Verfassung und das Land sowieso an der Eurokrise schuld. Dieses Phänomen schützt Portugal ein wenig. Die Portugiesen können sich dahinter verstecken, stets brav und fleissig zu agieren. Aber die Fundamentaldaten Portugals sprechen eine andere Sprache. Klar ist, wenn Griechenland aus der Eurozone fliegt, folgt auch Portugal. Dadurch würde ein ungeahnter Herdentrieb ausgelöst, dem kein ausreichender Widerstand entgegenstünde.

Könnten die anderen Eurostaaten einen Austritt kleinerer Volkswirtschaften wie Griechenland und Portugal nicht verkraften?
Nicht ganz einfach. Indem man Griechenland und anschliessend Portugal fallen liesse, würden sich die Euroinstitutionen selbst kastrieren. Dann können die Akteure die Märkte nicht mehr glaubwürdig mit Geldversorgungsaktionen beeinflussen. Eine Union, die ihre Mitglieder fallen lässt, ruiniert ihre eigene Währung. Stellen Sie sich vor, die USA schmeissen Idaho aus dem Dollar hinaus, nur weil die Wirtschaftsdaten nicht passen.

Wie soll die ultimative Rettungsaktion aussehen?
In der Tat ist das eine schwierige Übung. Die EZB darf Staaten nicht direkt finanzieren, und die Schulden sind für den Rettungsschirm zu gross. Ein Schuldenschnitt, wie er bei Griechenland vollzogen wurde, ist aber auch nicht das Allheilmittel. Im Falle Griechenlands war das sogar die grösste Dummheit. Man hätte lieber einen Zinsenschnitt vornehmen sollen. Der wäre im Gegensatz zum Schuldenschnitt von allen Beteiligten problemlos zu schultern gewesen, und für die langfristige Schuldendynamik sind die Zinsen ohnehin viel wichtiger. Aber es sieht so aus, als ob die Zinsen weiterhin ausschliesslich vom Markt bestimmt werden sollen. Das bleibt die heilige Kuh, die niemand schlachten möchte. (Bernerzeitung.ch/Newsnet)

(Erstellt: 18.05.2012, 14:09 Uhr)

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