Erasmus-Millionen für kuriose Projekte

Postkarten zeichnen, Alphorn spielen und Yoga: Ein Blick in die Liste subventionierter Studentenaustausch-Projekte zeigt auch Sonderbares.

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Bundesrat Schneider-Ammann nennt die Projekte «wohldurchdacht und vielseitig». Wer die Liste der 800 zwischen 2011 und 2013 mit Geldern aus dem EU-Topf geförderten Projekte durchgeht, kommt zur Überzeugung, dass Letzteres zutrifft. Man kommt aber aus dem Staunen nicht mehr heraus, was denn alles «wohldurchdacht» sein soll.

Da gehen Gelder sowohl an Grossunternehmen wie die Schweizerische Post, als auch an kleine Einmann- Firmen, die damit Yoga-Kurse für Lehrpersonen anbieten. Das alles kommt unter dem Titel Erasmus und Studentenmobilität daher. Der Grund liegt bei einem fundamentalen Missverständnis, das jedoch von den Verantwortlichen sogar noch gefördert wird.

Als das Parlament im Dezember 2009 über die Vollbeteiligung der Schweiz an den europäischen Bildungsprogrammen sprach, redeten die Parlamentarier von links bis rechts nur über den Studentenaustausch unter dem Namen Erasmus. Das war bekannt und unbestritten. Dass in der Botschaft einigermassen gut versteckt noch viel mehr drinstand, war kaum jemandem bewusst. Vor allem Programme zum «Lebenslanges Lernen» waren da drin, die nichts mehr mit der Zusammenarbeit für Studentenaustausch zu tun hatten, sondern so breit angelegt waren, dass fast jedes Projekt darin Platz finden konnte.

Nur ein Drittel

Die Liste der Projekte zeigt, wofür das Geld tatsächlich verwendet wurde. Nur gerade ein Drittel der Gelder (und nicht ein Fünftel, wie die BaZ vom 6. 3. schrieb) geht direkt an Studenten im Austausch. Die Verantwortlichen der «CH-Stiftung» in Solothurn legen die Liste unter dem Obertitel Erasmus+ ab, weiterhin das Missverständnis in Kauf nehmend, diese Projekte seien Teil des Studentenaustausches.

Hinzu kommt, dass die von der EU beschlossenen Projektbeschriebe und Kriterien zwar umfangreich sind, aber kaum Einschränkungen machen. Zwar müssen die Anmeldungen den «Nutzen» von Projekten aufzeigen und «Kosten-Nutzen-Verhältnisse» darlegen, aber Mindestanforderungen fehlen. Wie viel Personal die Stiftung zur Betreuung der Projekte aufwendet, konnte die Stiftung gestern nicht sagen.

Kinder zeichnen Postkarten

Es sind vermutlich die teuersten Postkarten der Welt. Sie stammen aus Basel, und sie gehören zu dem Sammelsurium von 800 zwischen 2011 und 2013 geförderten Projekten, die dem Parlament als Studentenaustauschprogramme beliebt gemacht worden sind. Bezahlt wurden sie vom Steuerzahler; verteilt hat sie die CH-Stiftung.

16'000 Euro (rund 20'000 Franken) aus dem millionenschweren Fördertopf gingen an den Basler Verein «wildundweise», der sich selbst als «Community von und für Frauen der Grossmütter-Ge­neration 2.0» sieht. Offizieller Zweck der Subvention ist das «Lernen über die Grenzen». Und das macht man eben am besten mit Postkarten. Auf der Webseite des Vereins finden sich zwar weder Statuten noch ein Vereinsvorstand oder Jahresberichte, dafür aber ein Erfahrungsbericht zu diesem Lernprogramm. Der Verein war gestern für eine Stellungnahme nicht erreichbar. Die Vereinsverantwortliche Sybille Schneider hat an der Adresse des Verein ein Büro für Projekt­management. Dorthin gingen auch die 20 '000 Franken.

Alphorn spielen

Der Erfahrungsbericht erzählt, was aus dem Geld wurde: Die Illustratorin Mo Richner aus dem aargauischen Birrwil traf bei einem Austausch in der Nähe von Berlin polnische Kinder, die mit ihr 36 Postkarten malten und an sich selbst adressierten. Die nahm Richner dann mit in die Schweiz. In ­einer Schule verteilte sie die Karten und liess sie mit einer zweiten Kinderzeichnung versehen. Dann schickte sie die Karten zurück nach Polen. Fertig ist das Projekt. Die polnischen Kinder hätten sich besonders über die neuen Stifte gefreut, die sie behalten durften. Inte­ressant: Mo Richner gibt als zweite Adresse genau den Sitz des Vereins und des Projektbüros von Sybille Schneider in Basel an. Dass aus den 20'000 Franken Subventionen mehr als das gemacht wurde, ist auf der Webseite des Vereins nicht ersichtlich. Weitere Ak­tivitäten ebenfalls nicht.

Das ist typisch für die Projekte, die von der CH-Stiftung im Auftrag des Bundes von 2011 bis 2013 gefördert wurden. Insgesamt bezahlte die Schweiz 50 Millionen Euros nach Brüssel, von ­denen 36 Millionen wieder zurück in die Schweiz flossen. Zu vielen Projekten sind kaum Informationen zu finden.

Bestimmte Personen scheinen einen besonderen Draht zur Stiftung zu haben und tauchen mehrfach auf. So zum ­Beispiel eine Mirjam Hess aus Menzingen im Kanton Zug. Sie bekommt für fünf verschiedene Projekte mehr als 80'000 Euro, umgerechnet über 100'000 Franken. Ihr Einfrau-Unternehmen für «Projektconsulting in Bildungsfragen» organisiert dann daraus neben den bereits bekannten Yoga-Kursen (16'000 Euro) auch Kurse für Elternbildner, Kurse für «aktives ­Altern» oder ­«Traditionenworkshops auf dem Zugerberg», bei denen sich aus­gegrenzte Bevölkerungsgruppen an ­einem Alphorn versuchen können.

Weitere Projekte entnehmen Sie der Bildstrecke. (Basler Zeitung)

(Erstellt: 11.03.2014, 11:02 Uhr)

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Erasmus-Studenten beim Bildungsaustausch: Geld floss auch für Yoga und Postkartenmalen.
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