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«Entweder AKW oder Gaskraftwerke»

Von Philippe Müller, Dominic Ramel. Aktualisiert am 31.05.2010 1 Kommentar

Nach 16 Jahren ist Schluss: BKW-Präsident Fritz Kilchenmann hat heute seinen letzten Arbeitstag. Das hindert ihn nicht daran, weiter für neue Atomkraftwerke zu werben und höhere Strompreise zu rechtfertigen.

Hebt noch einmal den Mahnfinger: Ohne Kernenergie gehe es nicht, sagt der abtretende BKW-Präsident Fritz Kilchenmann. (Bild: Andreas Blatter)

Herr Kilchenmann, wie hoch war Ihre letzte Stromrechnung?
Fritz Kilchenmann: (überlegt) In unserer Gemeinde erhalten wir die Strom- , Wasser- und Abwasserrechnung jeweils zusammen, und die beträgt pro Quartal zwischen 400 und 500 Franken. Ich schätze, dass der Strom 150 bis 200 Franken ausmacht.

Bald wird der Strom teurer, die BKW wird im Sommer die neuen Tarife bekannt geben. Dann werden Sie nicht mehr BKW-Präsident, sondern normaler BKW-Kunde sein. Was hält die Privatperson Kilchenmann von höheren Strompreisen?
Wissen Sie, wir sind doch überall mit Preiserhöhungen konfrontiert. Beim Strom hatten wir bei der BKW bis 2008 während 14 Jahren keinen Aufschlag. Aus verschiedenen Gründen gibt es nun eine Tendenz nach oben. Die Kosten für den Ausbau der Produktion und der Netze wachsen, die Wassernutzungszinsen steigen. Nicht zu vergessen sind die von der Politik beschlossenen Abgaben, welche den Strom in den kommenden Jahren zusätzlich verteuern werden. Die BKW hat schlicht keine andere Wahl, als diese Anpassungen an die Kunden weiterzugeben.

Speziell für KMU und Grossbetriebe, die einen hohen Stromverbrauch haben, ist eine Tariferhöhung in diesen Zeiten aber doch besonders schmerzhaft.
Ich bin manchmal erstaunt, wenn ich Unternehmer frage, wie hoch ihre Stromkosten sind. Etwa 75 Prozent wissen es gar nicht. Andere Ausgaben fallen in vielen Betrieben deutlich stärker ins Gewicht. Dann gibt es die anderen 25 Prozent, die unter den höheren Preisen leiden. Sie könnten dank des freien Marktes ihren Stromlieferanten wechseln. Das tun aber nur die allerwenigsten.

Daraus schliessen Sie, dass die BKW mit ihren Preisen konkurrenzfähig ist?
Es ist doch zumindest ein Zeichen dafür, dass unsere Preise, auch wenn sie in der Schweiz nicht die günstigsten sind, auch für grössere Stromverbraucher tragbar sind.

Eine zentrale Debatte, welche die nächsten Jahre prägen wird, ist jene um den Bau neuer Atomkraftwerke. Warum soll die BKW den Zuschlag für ein AKW in Mühleberg erhalten?
Weil Mühleberg geografisch günstig positioniert ist und weil wir ein gutes Projekt haben.

Genau das nehmen Ihre Konkurrenten Alpiq und Axpo für sich ebenfalls in Anspruch.
Die BKW und die Axpo werden die Ersten sein, die ihre Reaktoren aus Altersgründen vom Netz nehmen müssen. Da sollte die natürliche Reihenfolge beachtet werden. Zudem steht eine Mehrheit der Bevölkerung hinter unserem Ersatzprojekt. Und unser geografischer Vorteil ist tatsächlich gross: Zieht Mühleberg gegen Gösgen und/oder Beznau den Kürzeren, befänden sich alle Schweizer Atomkraftwerke innerhalb weniger Kilometer. Das Risiko eines flächendeckenden Stromausfalls wäre dadurch bei Naturereignissen deutlich grösser, als wenn die Produktion von Kernenergie besser verteilt wäre.

Wie sieht das Alternativszenario der BKW aus für den Fall, dass in Mühleberg kein neues Atomkraftwerk gebaut wird?
Es gibt zwei Varianten. Variante eins: Ein oder zwei neue Atomkraftwerke werden in Beznau und/oder Gösgen gebaut. Dann könnte sich die BKW im Rahmen einer Partnerschaft engagieren. In diesem Fall hätte den Schaden in erster Linie der Kanton Bern, weil der Standortvorteil und die damit verbundene Wertschöpfung wegfallen würden.

Und das zweite Szenario?
Variante zwei ist die, dass das Schweizervolk sämtliche neuen AKW ablehnt. Dann ist klar, dass die Politik reagieren und Gaskraftwerke ermöglichen müsste, denen sie faktisch soeben den Riegel geschoben hat. In diesem Fall könnte die BKW das Projekt in Utzenstorf reaktivieren.

Das heisst, das Volk hat die Wahl zwischen zwei neuen AKW oder Gaskraftwerken?
Genau darauf läuft es meiner Meinung nach hinaus: entweder neue AKW oder neue Gaskraftwerke. Wobei ich persönlich gar kein Gasfan bin und behaupte: Ohne Kernenergie gehts nicht.

Sie betonen die breite Abstützung für Mühleberg in der Bevölkerung. Das grösste Problem der drei Konkurrenten bezüglich Widerstand und Kritik hat jedoch die BKW mit einer rot-grün dominierten Regierung, die nicht hinter dem AKW-Projekt steht.
Wir haben dafür den Grossen Rat, der dahintersteht (schmunzelt). Im Übrigen hat selbst die Berner Regierung gesagt, falls in der Schweiz neue AKW gebaut würden, dann zumindest auch in Mühleberg.

In ihrer Antwort auf eine Motion hat die Regierung jedoch kürzlich bekräftigt, dass sie Mühleberg II nicht will.
Ich bin nach wie vor nicht davon überzeugt, dass der Regierungsrat das Projekt nicht will. Es ist natürlich nicht einfach, eine solche politische Gratwanderung zu vollziehen, ohne die BKW zu schwächen.

Sägt die Regierung mit ihren Aussagen am BKW-Ast?
Gefährlich ist es auf jeden Fall. Diese Bemerkung darf ich mir als abtretender Präsident erlauben. Aber ich bin überzeugt, dass der Regierung bewusst ist, welche volkswirtschaftliche Bedeutung Mühleberg für den Kanton Bern hat.

Wie haben Sie in den letzten vier Jahren im Verwaltungsrat die Zusammenarbeit mit der rot-grünen Regierung erlebt?
Seit ungefähr 25 Jahren ist der bernische Energiedirektor gegen Kernenergie. Trotzdem sind wir im Verwaltungsrat immer gut klargekommen. Da drückte selten das pure Parteiprogramm durch. Wir haben immer vernünftige Lösungen gefunden, auch für Mühleberg wurden uns bisher keine Steine in den Weg gelegt.

Was sagen Sie dazu, dass der Regierungsrat die Stellungnahme zum Projekt dem Volk unterbreiten will?
Ich kann den Entscheid nachvollziehen. Eine Prognose zum Ausgang der Abstimmung bekommen Sie von mir aber nicht. Bisherige Umfragen zeigen aber, dass es gar nicht so schlecht steht um den Rückhalt für Mühleberg.

Ein Volksnein wäre laut Ihrem Nachfolger Urs Gasche der Todesstoss für das Projekt.
Wenn er das so sieht, ist das seine Sache. Dazu brauche ich mich ab sofort nicht mehr zu äussern.

Wird sich die BKW im Abstimmungskampf engagieren, obwohl Ihnen die SP das verbieten will?
Ganz klar ja. Die BKW muss sich zwingend in den Abstimmungskampf einschalten. Die SP kann das der BKW auch nicht verbieten. Das Bundesgericht entschied mehrmals, dass sich Direktbetroffene bei Abstimmungen engagieren dürfen.

Der Zeitplan für den Bau bis zur Inbetriebnahme neuer AKW ist eher knapp bemessen. Bestünde allenfalls die Möglichkeit, Mühleberg länger als vorgesehen am Netz zu lassen?
Das müssen Sie die Spezialisten fragen. Ob Mühleberg wirklich nach 50 Jahren, also 2022, vom Netz muss oder ob es einen gewissen Spielraum nach oben gibt, müsste man sicherlich prüfen.

Sie diskutieren dermassen engagiert, dass man sich kaum vorstellen kann, dass Sie nun in Pension gehen.
Mir wird schon nicht langweilig (lacht). Ich arbeite ja noch in der Anwaltskanzlei, um mich auch dort früher oder später ebenfalls schrittweise zurückzuziehen.

Wie ist Ihre Gemütslage, jetzt, da der Abschied von der BKW immer näher rückt?
Die Gemütslage ist gut. In meinem Alter sollte man sich langsam zurückziehen, jüngeren Kräften Platz machen und loslassen können. Wobei es neben dem lachenden Auge natürlich auch ein weinendes gibt. (Berner Zeitung)

Erstellt: 31.05.2010, 07:11 Uhr

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1 Kommentar

Franz Niederer

31.05.2010, 22:07 Uhr
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Ein neues, französisches AKW kostet gemäss Areva inzwischen über 12 Milliarden CHF: alturl.com/e2ni Mit 12 Milliarden lassen sich Schweizer Photovoltaik Fabriken finanzieren, welche in 5 Jahren die maximale Modulleistung von 30 AKW Gösgen produzieren: alturl.com/t7n6 Zukunfstfeste Schweizer Arbeitsplätze sind besser als die unnötige Erhöhung der Abhängigkeit von importierten Energieträgern. Antworten



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