Eine neue Bohrtechnik soll Erdbeben verhindern

Die Geothermie in der Schweiz steht vor dem Durchbruch: Noch in diesem Jahr will die Geo-Energie Suisse AG erste Tests mit einem neuen Bohrverfahren starten. Der Kanton und die Stadt Bern indes scheiden als Standorte für die Bohrungen wohl aus.

Hier bebte die Erde: Der Bohrturm des gescheiterten Basler Geothermieprojekts im Jahr 2007.

Hier bebte die Erde: Der Bohrturm des gescheiterten Basler Geothermieprojekts im Jahr 2007. Bild: Keystone

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Für den Atomausstieg ist die Geothermie die grosse Hoffnungsträgerin. Das theoretische Potenzial der Erdwärme ist mit 64000 Terawattstunden gigantisch. Diese Menge würde reichen, um die Welt während vier Jahren mit Strom zu versorgen.

Der Haken: Um das Potenzial auszuschöpfen, muss in kristallines Gestein und somit sehr tief gebohrt werden. Das ist teuer und komplex. Heute gibt es weltweit denn auch erst ein einziges Kraftwerk, das mit dem stimulierten geothermischen Verfahren Strom erzeugt – eine Versuchsanlage in Frankreich. Aus geologischen Gründen weniger praktikabel sind hierzulande die hydrothermalen Verfahren (siehe Kasten links).

Wie schwierig es ist, in das kristalline Gestein zu bohren, hatte das Geothermieprojekt in Basel gezeigt: 2006 gestartet, musste es 2009 gestoppt werden, weil es im Zuge der Bohrungen zu Erdbeben gekommen war. Zurück blieben ein Imageverlust und Schäden in Millionenhöhe.

Die fatalen Risse im Gestein

Doch jetzt erlebt die Geothermie eine Art Renaissance. Treibende Kraft ist die Geo-Energie Suisse AG, ein Zusammenschluss mehrerer Energieversorger. Präsident ist Daniel Schafer, zugleich CEO des mitbeteiligten Stadtberner Energielieferanten EWB. Im Gespräch mit dieser Zeitung sagt Schafer, dass die Branche einen entscheidenden Schritt vorwärts gemacht habe: So wurde eine neue Bohrtechnik entwickelt – dank diesem Verfahren soll es dereinst keine Erdbeben mehr geben. Die Schweiz wäre weltweit eine Pionierin.

Das Problem beim Basler Projekt war: Erst bohrten die Fachleute mehrere Kilometer in die Tiefe. Danach pressten sie unter Hochdruck Wasser in die Tiefe, um im Gestein feine Millimeterrisse zu erzeugen. Fachleute nennen das «Stimulation». So wird ein künstlicher Durchlauferhitzer geschaffen. Die gesamte Rissfläche erstreckte sich über vier Quadratkilometer. Das hatte fatale Folgen: Weil die gesamte Rissfläche zu gross war, wurden mehrere Erdbeben ausgelöst.

Das soll mit der neuen Technik nicht mehr passieren. Beim Multirissverfahren wird nicht nur in die Tiefe gebohrt, sondern auch horizontal – und zwar einen Kilometer weit. Entlang dieser horizontalen Bohrung platzieren die Ingenieure die Multirisse, total 40 kleine Wolken im Gestein. Das Resultat: Die absolute Rissfläche bleibt mit diesen kleinen Wolken gleich gross, das Risiko für Erdbeben hingegen wird massiv kleiner (siehe Grafik).

Drei Standorte in der Auswahl

Die neue Technik beflügelt die Pläne von Geo-Energie Suisse: Noch in diesem Jahr sollen für drei Standorte in der Schweiz Bewilligungsverfahren für Testbohrungen eingeleitet werden. Bereits 2014 könnte somit gebohrt werden. Das Ziel ist mindestens eine Testbohrung. Und 2018 will Präsident Schafer «den Beweis haben, dass die Technik funktioniert». Erste Kraftwerke könnten somit in den 2020er-Jahren Strom produzieren.

Wo genau die Tests durchgeführt werden sollen, verrät Schafer nicht. Infrage kommen aber wegen des kristallinen Gesteinsuntergrunds nur das Mittelland und der Jura. Theoretisch wären Testbohrungen also auch in der Stadt oder im Kanton Bern möglich. Doch EWB-Chef Schafer winkt ab: Die Stadt komme «ganz sicher nicht» infrage, der Kanton Bern vermutlich ebenfalls nicht. Die Stadt Bern scheidet unter anderem aus, weil die stimulierte Geothermie nicht in der Nähe von dichten Siedlungsgebieten erprobt werden soll. Der Kanton Bern kommt aller Voraussicht nach nicht infrage, weil die erforderlichen Bewilligungsverfahren für die Bohrungen hier komplizierter sind als in anderen Kantonen.

Stadt Bern bleibt im Rennen

Das heisst aber nicht, dass Bern für alle Zeit als Geothermiestandort ausscheidet. Spätestens wenn sich die neue Bohrtechnik bewährt hat und Kraftwerke gebaut werden können, wird die Erdwärme für die Stadt Bern und damit für EWB wieder aktuell. Nicht zuletzt ist die Geothermie in Stadtnähe sinnvoll, weil die Kraftwerke auch Wärme produzieren und diese so direkt genutzt werden kann.

Als potenziellen Standort für eine Geothermieanlage in der Stadt Bern nennt Schafer das Forsthaus. Dort hat EWB vor kurzem eine neue Energiezentrale in Betrieb genommen. Diese hat eine Lebensdauer von zwanzig Jahren. Danach wäre die Geothermie am Zug. «Wir glauben daran», sagt Schafer.

Möglich wäre gemäss den Szenarien von EWB ein Geothermiekraftwerk, das im Jahr 320 Gigawattstunden Strom produziert. Das ist neunmal weniger als die Produktion des Atomkraftwerks in Mühleberg. Mit dieser Bandenergie liesse sich ein Drittel des jährlichen Bedarfs der Stadt Bern abdecken. (Berner Zeitung)

(Erstellt: 22.06.2012, 09:50 Uhr)

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