Ein heisser Lauf für Toyota
Von Walter Niederberger, San Francisco. Aktualisiert am 13.03.2010
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Kalifornien
Zivilklage gegen Toyota
Im Streit um technische Probleme bei Toyota- Fahrzeugen hat ein Staatsanwalt im US-Bundesstaat Kalifornien eine Zivilklage gegen den japanischen Autobauer eingereicht. Toyota habe seinen Kunden wissentlich defekte Autos und Lastwagen verkauft. Dies sagte der Staatsanwalt des Bezirks Orange County, Tony Rackauckas, vor den Medien. «Hunderttausende Toyota-Fahrzeuge, die in den vergangenen Jahren an Bürger in Kalifornien verkauft wurden, haben diese Fehler», sagte Rackauckas mit Blick auf eine wiederholt aufgetretene unkontrollierbare Beschleunigung. Statt den Verkauf der Fahrzeuge bis zur Behebung der Fehler einzustellen, habe Toyota entschieden, die defekten Fahrzeuge weiter zu verkaufen, sagte Rackauckas. In dieser ersten Klage gegen Toyota nach dem Konsumentenschutzgesetz verlangt der Staatsanwalt eine Strafe von 2500 Dollar in jedem Einzelfall. (sda)
Der bisher letzte Zwischenfall von Anfang dieser Woche zeigt, mit welch verwirrenden Problemen Toyota ( 76.8 -0.52%) konfrontiert ist. Ein älterer Autofahrer gerät bei einem Überholmanöver in der Nähe von San Diego in Panik. Sein Wagen beschleunigt auf über 150 Stundenkilometer und kann trotz heftiger Bremsversuche nicht gestoppt werden. Der Fahrer setzt einen Notruf ab, worauf eine Polizeipatrouille aufschliesst und ihm über den Lautsprecher Anweisungen zum Abbremsen erteilt. Ein Tag später wird aus New York gemeldet, dass eine ältere Frau ihren Prius, angeblich wegen einer plötzlichen Beschleunigung, gegen eine Hausmauer gefahren habe.
Ermittlungen ohne Ergebnis
Die Ursache in beiden Fälle ist ungeklärt. Es ermitteln seither nicht nur die staatliche Verkehrssicherheitsbehörde, auch Ingenieure von Toyota sind am Abklären. Ermittelt wird ebenso von den Medien, und nicht zuletzt ermitteln private Sicherheitsfirmen im Auftrag von Haftpflichtanwälten. Trotz seit Monaten anhaltender Untersuchungen ist noch immer ungeklärt, wie gravierend die Probleme sind, die Toyota zum Rückruf von weltweit 8 Millionen Fahrzeugen zwangen. Es steht nicht einmal fest, ob – wie zunächst vermutet wurde – verrutschende Bodenteppiche das Gaspedal verklemmten oder ob Korrosion die Elektronik beschädigte. Sicher ist nur, dass Toyota über 1 Million Fahrzeuge nachgerüstet hat und die Zahl der Klagen dennoch weitersteigt.
Damit stellt sich die Frage, ob die Wagen von Toyota seit letztem Herbst – als das Unternehmen von sich aus auf das Problem hinwies – plötzlich unsicherer geworden sind. Angesichts der überdurchschnittlich guten Qualität der Wagen, die seit Jahren von unabhängiger Seite bestätigt wird, ist ein solcher Rückfall unwahrscheinlich. Ein Blick auf Rückrufaktionen anderer Firmen deutet eher darauf hin, dass die meisten Zwischenfälle auf menschliches Versagen zurückzuführen sind.
Auftragarbeit eines Professors
Haftpflichtanwälte nutzen zudem die allgemeine Verunsicherung und scheuen dabei vor zweifelhaften Methoden nicht zurück. So musste der Fernsehsender ABC zugeben, einen Beitrag mit dem Titel «Toyota Death Ride» gezinkt zu haben. Um die Mängel des Gaspedals zu beweisen, wurde die Elektronik so umgebaut, dass der Wagen beschleunigte statt abbremste. Eine Nachkontrolle von Experten der Universität von Stanford zeigte, dass der exakt gleiche Effekt mit den Wagen anderer Hersteller, darunter Honda, Mercedes und Ford, erzielt werden kann. Es handle sich um eine «absichtliche, mit Bedacht vorgenommene Manipulation», so die Stanford-Ingenieure.
Zudem hatte ABC ein Standbild des auf höchsten Touren drehenden Zählers eingeblendet. Nun zeigte sich, dass der Wagen dabei geparkt war und der Motor im Leerlauf hochgejagt wurde. Das Machwerk basierte auf der Auftragsarbeit eines Professors, der von Haftpflichtanwälten bezahlt wurde. Sie haben Toyota mit Klagen von mehr als 3 Milliarden Dollar eingedeckt, von denen sie – sollten sie Recht bekommen – rund 1 Milliarde Dollar als Erfolgsprämie einstecken könnten.
Bei Audi machten Fahrer Fehler
Neben der Geldgier ist der menschliche Faktor nicht zu unterschätzen. 95 Prozent aller Unfälle in den USA sind gemäss der offiziellen Erhebung mit Fahrerverschulden zu erklären, nur 2 Prozent mit technischen Problemen. Eine Studie der «National Highway Transportation Safety Administration» von 1989 vermittelt zusätzlich Klarheit, weil sie erstmals eine Häufung von Beschleunigungsproblemen untersuchte – beim Audi 5000. In der überwiegenden Zahl der Zwischenfälle hatten die Fahrer schlicht das Gas- mit dem Bremspedal verwechselt.
Psychologieprofessor Richard Schmidt, der damals über 150 Fälle untersuchte, fand heraus, dass meistens ältere und ungeübte Fahrer betroffen waren. Zusätzlich waren sie durch die Berichte über die wachsende Zahl von Beschwerden verunsichert. Es stelle sich deshalb die Frage, so Schmidt in der «New York Times», ob der psychologische Aspekt bei solchen Zwischenfällen stärker gewichtet werden sollte.
Absatz der Luxus-Modelle ist gestiegen
Diese Frage ist teilweise schon beantwortet: Lexus, die Luxusmarke von Toyota, ist mehr von Zwischenfällen betroffen als die Toyota-Modelle selber. Dennoch ist der Absatz der Lexus-Modelle auch dieses Jahr gestiegen. Den sichereren Toyota-Modellen dagegen wenden die Kunden den Rücken zu – so, als ob es sich um unkontrollierbare «Runaway Cars» handle, wie ABC unterstellt hat.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 13.03.2010, 07:37 Uhr
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