Ein Glanzergebnis mit Fragezeichen

Die Raiffeisen-Gruppe hat ihre Immobilienkredite in den letzten vier Jahren um ein Viertel ausgeweitet. Der Gewinn entwickelte sich demgegenüber unterdurchschnittlich.

Geht das Wachstum bald zu Ende? Raiffeisen-Filiale in St. Gallen. Foto: Gaetan Bally (Keystone)

Geht das Wachstum bald zu Ende? Raiffeisen-Filiale in St. Gallen. Foto: Gaetan Bally (Keystone)

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Die Raiffeisen befindet sich in einer Art Hyperzyklus. Der Rote Riese aus St. Gallen erreichte im abgelaufenen Jahr mehrere Rekordmarken. Die Bilanzsumme übersprang die 200-Milliarden-Franken-Marke, der Gewinn vor Steuern sprengte die Grenze von einer Milliarde Franken. Das Resultat führte zu Kommentaren im Superlativ, sowohl in ersten Medieneinschätzungen als auch bei der Raiffeisen selbst. Einen «sehr erfolgreichen» Abschluss habe die Bank hingelegt, meint Chef Patrik Gisel, der das Steuer im Herbst vom grossen Raiffeisen-Modernisierer Pierin Vincenz übernommen hatte.

So stolz die neue Grösse der Raiffeisen auf den ersten Blick scheint: Vieles davon ist auf eine weiterhin forsche Politik im Geschäft mit Hypotheken zurückzuführen. Und das führt gleich zweifach zu Fragezeichen. Erstens, was Risiken bei einer allfälligen Immobilienkrise für die Raiffeisen bedeuten würde. Zweitens, was den Gewinn angeht.

Die Raiffeisen hat als führende Hypothekenanbieterin der Schweiz ihren Marktanteil erneut ausgeweitet, und das von einem bereits stolzen Niveau aus. 16,7 Prozent betrug das Raiffeisen-Stück am gesamten Hypothekenkuchen des Landes per Ende 2014, ein Jahr später ist dieses auf 16,9 Prozent angewachsen. Das führt zu einem gigantischen Kreditberg. 159 Milliarden Franken an Forderungen gegenüber Häuser- und Wohnungseigentümern stehen inzwischen in den Büchern der Sankt Galler.

Bemerkenswert ist dieses Wachstum vor allem deshalb, weil die Raiffeisen wie ein langer Güterzug mit Hunderten von Tonnen Fracht ungebremst durch die Landschaft rast. Während alle Banken zusammen bei den Hypo-Ausleihungen nämlich «nur» um 2,8 Prozent zulegten, waren es bei der Raiffeisen mit 5,2 Prozent fast doppelt so viel.

So what?, tönt es von den Raiffeisen-Chefs. Sie betonen heute, dass ihr Szenario eines «Soft Landing» sich eingestellt habe. Gemeint ist, dass es in der Schweiz bei den Immobilien nicht zu einem Crash kommt, sondern dass sich der Markt durch Auflagen der Behörden und eine weniger dynamische Nachfrage sanft und in geordneten Bahnen abkühlt. Ins Bild einer Lagebeurteilung ohne Sorge passt der Verweis der Raiffeisen auf ihre potenziell faulen Kredite. Deren Anteil am gesamten Kreditbestand hat sich in den letzten vier Jahren von 0,21 auf 0,14 Prozent reduziert.

Für die Raiffeisen mit ihrem riesigen Hypothekenbuch spricht, dass auch die Nationalbank in letzter Zeit weniger laut vor einem Kollaps auf dem Schweizer Immobilienmarkt warnt. Doch selbst wenn man die Hypothekenrisiken der Raiffeisen als nicht dramatisch einstuft, so bleibt doch ein zweites Problem. Die Bank verdient immer weniger.

Nicht absolut, da eilte sie auch unter dem Strich im 2015 zu einem neuen Rekord. 808 Millionen betrug ihr Reingewinn. Doch wenn man die Entwicklung bei den Hypo-Ausleihungen vergleicht mit jenen bei den Einnahmen, dann sticht ein Missverhältnis ins Auge. Von 2011 bis 2015 stiegen die Kredite für Häuser und Wohnungen um knapp ein Viertel. Der Gewinn vor Steuern, bereinigt durch Sondereffekte, erhöhte sich in derselben Periode lediglich um gut 13 Prozent. In dieser Betrachtung wächst der echte Gewinn aus dem operativen Geschäft der Raiffeisen somit nur gut halb so schnell wie die Ausleihungen im Hypothekengeschäft, dem klar wichtigsten der Bank. Die NZZ brachte diese Entwicklung einst auf den Punkt. Die Raiffeisen dresche fast nur leeres Stroh, meinte das Wirtschaftsblatt vor Jahresfrist, als Pierin Vincenz überraschend seinen Abgang bekannt gab.

Dass die Raiffeisen-Spitze selbst Zweifel hat, was ihre Ertragskraft angeht, zeigt sich im heutigen Ausblick. Man blicke «mit eher verhaltenen Erwartungen in die Zukunft», schreibt sie in einer Mitteilung zum Resultat. Die Konjunktur verlaufe schleppend, der starke Franken sei weiterhin eine Belastung für die Schweizer Wirtschaft. Die Aussage könnte eine Vorbereitung auf weniger stolze Zahlen sein. Die Raiffeisen steht und fällt mit dem Hypo-Business – trotz eigenem Private Banking unter dem Namen Notenstein und einem internen Handelsgeschäft, das immer gut verdient. Die Zinsmargen bleiben wohl unter Druck, im Büromarkt zeichnen sich grosse Leerstände ab, und die durch die Einwanderung getriebene Nachfrage nach privaten Liegenschaften lässt nach.

Die Wachstumsstory namens Raiffeisen könnte bald zu Ende gehen. Womöglich ein erstes Indiz: Die Bankengruppe will offenbar 250 bis 300 Filialen dicht machen. «Wir werden bis in fünf Jahren unsere Standorte auf 700 bis 750 reduzieren», sagte der neue Chef Patrik Gisel an der Medienkonferenz. Raiffeisen betreibt heute rund 1000 Filialen. (Bernerzeitung.ch/Newsnet)

(Erstellt: 26.02.2016, 12:14 Uhr)

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