Dünne Luft für junge Internetfirmen
Von Walter Niederberger. Aktualisiert am 19.02.2011 1 Kommentar
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Dreh- und Angelpunkt der jüngsten Spekulationsblase ist Facebook. ( 31.91 -3.39%) Das Jungunternehmen wirbt Dutzende der besten Kräfte von etablierten Firmen wie Google (GOOG 591.53 -2.01%) oder Oracle ab, erweitert sein Netzwerk dauernd um neue Anwendungen und gräbt damit Konzernen wie Yahoo oder Ebay das Wasser ab, die im Epizentrum des letzten Booms der Neunzigerjahre standen. Facebook zählt heute mehr als 600 Millionen Nutzer; erzielt aber einen sechsmal kleineren Umsatz pro Kunde als Google. Doch ist es die Hoffnung, aus der immensen Kundendatei mehr Geld zu schlagen, die den Wert von Facebook schneller antreibt und angehängte Firmen wie Zynga nach oben zieht.
Je schneller die Bewertung dieser sozialen Netzwerke wächst, desto grösser ist die Skepsis jener, die den letzten Internetboom zusammenbrechen sahen. 2000 schoss die Nasdaq-Technologiebörse auf mehr als 5000 Punkte, um dann rasant auf 1100 Punkte einzubrechen und sich nie mehr zu erholen. Noch heute liegt der Nasdaq-Index um 40 Prozent unter dem Höchstwert, und Überflieger von damals wie Cisco, EMC, AOL und Yahoo sind lediglich Bruchteile von damals wert.
In einer Umfrage des Wirtschaftsdienstes Bloomberg sehen heute 69 Prozent von 1400 Investoren, Analysten und Händlern klare Anzeichen einer erneuten Spekulationsblase. Facebook sei massiv überbewertet, so die Mehrheit der Befragten. Nur 17 Prozent meinen, dass die gebotenen Preise für die neuen Internetfirmen nachhaltig seien.
Wallstreet will mitkassieren
Ein klares Indiz für eine Blase ist neben den rasch steigenden Unternehmensbewertungen der wachsende Kreis von Investoren, die abkassieren wollen. Nach Goldman Sachs will auch J. P. Morgan einen Internetfonds eröffnen. Zynga stieg wegen dieser Nachfrage von rund fünf Milliarden Dollar vor drei Monaten auf mehr als zehn Milliarden. Mehrere Wallstreet-Banken und Fondsfirmen wie T. Rowe Price und Fidelity klinkten sich in die letzte Finanzierungsrunde und hoffen, sie kurzum zu verdoppeln.
Zynga profitiert vom Facebook-Effekt: Simple Onlinespiele wie Farmville und Cityville sprechen monatlich zwischen 50 und 100 Millionen Nutzer an, die virtuelle Werkzeuge, Aussaaten oder Häuser kaufen. Daran ist Facebook mit einer Kommission von 30 Prozent beteiligt. Je schneller Zynga wächst, desto mehr profitiert Facebook, ein Gewinnkreisel, der gemäss Marktkennern den Wert von Facebook auf über 80 Milliarden Dollar heben könnte. Dann wäre das Unternehmen schon viermal mehr wert als Yahoo, obwohl Yahoo pro Nutzer dreimal mehr Umsatz erzielt.
Twitter Paradebeispiel überdrehter Bewertung
Noch aufschlussreicher ist der meteorhafte Aufstieg von Groupon. Das erst dreijährige Unternehmen vertreibt im Internet Rabatte und Coupons, kaum ein innovatives Geschäft. Aber Groupon hat mit dem «täglichen Deal» den Nerv der rezessionsgeplagten Konsumenten getroffen und sitzt am kritischen Kreuzungspunkt zwischen E-Commerce und lokaler Werbung; ein Markt übrigens, den Google erst noch beackern will.
Groupon wies deshalb eine Übernahmeofferte von Google für satte sechs Milliarden Dollar zurück und plant stattdessen einen Börsengang, der bis zu 15 Milliarden abwerfen soll. Wiederum anders als der Fall der hochprofitablen Groupon liegt der Fall von Twitter. Der Internet-SMS-Anbieter ist das Paradebeispiel für eine überdrehte Bewertung. Obwohl das Unternehmen seit anderthalb Jahren versucht, das Geschäft auf eine profitable Schiene zu lenken, macht es nur 100 Millionen Umsatz. Dennoch gelang im Dezember eine Finanzierungsrunde von 200 Millionen, angetrieben durch Wallstreet-Firmen, die Twitter heute mit bis zu acht Milliarden bewerten.
Keine anderen Ideen
Solche Exzesse machen kleinere Konkurrenten hellhörig. Linkedin etwa, die Internetadresskartei für Berufstätige, will noch dieses Jahr an die Börse gehen und hofft, mit 1,5 Milliarden Dollar bewertet zu werden. Der grosse Test aber, ob der Boom anhält, ist erst 2012 zu erwarten. In rund einem Jahr muss Facebook die Aktien einem breiten Publikum öffnen. Der Börsengang könnte den Höhepunkt der Blase markieren, sagen Internetexperten, und Mark Zuckerberg scheint ähnlich zu denken. Vorsorglich liess er im Dezember durch Goldman Sachs und deren Investition von 1,5?Milliarden Dollar einen Unternehmenswert von 50 Milliarden Dollar beglaubigen. Dass Facebook bereits um weitere zehn Milliarden Dollar höher bewertet wird, sei nachvollziehbar, sagt David Cowan von den Bessemer Venture Partners. Facebook sei sowohl ein grosser Konkurrent wie ein grosses Vorbild im Silicon Valley. «Wer die Aufmerksamkeit der jungen Internetnutzer erhaschen will, muss sich gegen Facebook bewähren. Diese Herausforderung hat anderen Firmen die Türen geöffnet.»
Gewinn im Silicon Valley bedürftig
Die Geschichte der Internetbooms lehrt aber, dass den erfolgreichen Pionieren in schneller Folge Abklatschfirmen folgen, die das Geschäftsmodell nur kopieren. Selbstkritische Risikokapitalgeber im Silicon Valley räumen ein, dass das von der Notenbank gedruckte billige Geld auch in diesem Boom zu zahlreichen Fehlinvestitionen geführt und Geschäftsideen ausserhalb der Internetfirmen erstickt habe.
Georges van Hoegaerden, einer der Venture-Capital-Pioniere, kritisiert, dass «ein Kartell von eng vernetzten Investmentfirmen» den gleichen Ideen nachjage und die Bewertungen einer Handvoll Unternehmen nach oben treibe. Der Mangel an Innovationen neben den sozialen Netzwerken ist statistisch zu belegen. Seit dem Platzen des Booms 2000 haben im Silicon Valley nur rund fünf Prozent der Risikokapitalfirmen regelmässig Gewinne erzielt. Unter dem Strich fuhren sie über zehn Jahre hinweg Verluste von über vier Prozent ein.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 19.02.2011, 06:53 Uhr
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1 Kommentar
Es ist echt irre, wie viel Geld in diesen ganzen Online-Unternehmen steckt, aber wenn man in die Runde fragt, wer sie aller verwendet, dann wird wohl kaum jemand sagen, dass er kein einziges davon verwendet... alleine bei Facebook. Genau wie die ganzen Games-Anbieter dort. Irgendwas spielt doch jeder auf Facebook und wenn jeder nur einmal im Monat 10 Euro paysafecard zahlt, sind das Millionen... Antworten
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