Discounter zahlen die höchsten Mindestlöhne

Die Lohnunterschiede im Schweizer Detailhandel sind grösser geworden. Wer die besten Arbeitsbedingungen bietet – und wer die miserabelsten.

Zeichnung: Felix Schaad

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Der Kioskkonzern Valora zahlt mit 3600 Franken pro Monat den tiefsten Mindestlohn für ungelernte Angestellte im Detailhandel. Für das Personal in den Kiosken gibt es zwar einen Gesamt­arbeitsvertrag. Doch dieses Regelwerk ist wegen eines Streits der Sozialpartner unter Druck geraten. Jetzt ist die Auseinandersetzung in die heisse Phase getreten. Angefangen hat alles damit, dass ­Valora immer mehr Kioske als selbstständige Agenturen oder Franchise­betriebe auszugliedern begann. Diesen Betreibern war es freigestellt, sich dem Gesamtarbeitsvertrag anzuschliessen oder nicht. Gegen diese Praxis wehrte sich die Gewerkschaft Syna und gelangte an das zuständige Schiedsgericht. Der Entscheid naht, das weitere Vorgehen soll in den nächsten Tagen bekannt gegeben werden, wie es bei Valora heisst.

Der Mindestlohn bei Valora verharrt schon seit 2010 auf demselben Niveau, während andere Detailhandelsunternehmen das Level nach und nach erhöht haben. Mit ein Grund für diese aus Mitarbeitersicht positive Entwicklung sind die beiden Discounter Aldi und Lidl, die einen Wettbewerb bei den Mindestlöhnen auslösten. Aldi legte 2010, fünf Jahre nach dem Markteintritt, erstmals den Mindestlohn offen. Damals bewegte er sich je nach Standort zwischen 3800 und 4432 Franken. Damit gehörte die Firma 2010 zu den besten Lohnzahlern im Detailhandel.

Dann folgte Lidl. Bevor der zweite Discounter aus Deutschland 2009 die ersten Schweizer Filialen eröffnete, machte eine Meldung die Runde, für ein 80-Prozent-Pensum würden 2800 Franken bezahlt. Hoch­gerechnet auf eine Vollzeitstelle also 3500 Franken – was damals weniger gewesen wäre als bei den etablierten Anbietern. Als Lidl im März 2009 dann tatsächlich loslegte, war von 3700 Franken Mindestlohn die Rede. Im Oktober desselben Jahres unterzeichnete Lidl mit den Gewerkschaften einen Gesamt­arbeitsvertrag – zum ersten Mal überhaupt in der Unternehmensgeschichte des deutschen Discounters.

Stellt sich die Frage, ob sich die Arbeitsbedingungen im Detailhandel durch den Markteintritt der neuen Konkurrenten generell verbessert haben.

Neben den Lohnerhöhungen gab es aus Sicht der Mitarbeiter punktuell tatsächlich positive Veränderungen bei einzelnen Arbeitgebern. So hat etwa die ­Migros den Mutterschaftsurlaub von 16 auf 18 Wochen erhöht und den Vaterschaftsurlaub von 10 auf 15 Tage. Bei Lidl wurde der Vaterschaftsurlaub ebenfalls angehoben, von 5 auf 10 Tage. Aldi zahlt neu statt 90 Prozent den vollen Lohn während der 16-wöchigen Mutterschaftspause. Bei Denner wird seit letztem Jahr 43 Stunden pro Woche gearbeitet. Zuvor waren bei der Migros-Tochter 44 Stunden die Regel. «Bei den Sozialleistungen fällt auf, dass bei der Vereinbarkeit von Beruf und Familie ein paar Fortschritte erzielt werden konnte», fasst Carlo ­Mathieu von der Gewerkschaft Syna diese Entwicklung der letzten Jahre in der Detailhandelsbranche zusammen.

«Es gibt kaum Musterknaben»

Aus Gewerkschaftssicht schneiden die Discounter aus Deutschland bei den Arbeitsbedingungen aber trotz der hohen Mindestlöhne schlechter ab als die Konkurrenten. Die Gewerkschaft Unia bescheinigt Coop und Migros «insgesamt deutlich bessere» Arbeitsbedingungen, wie Unia-Vertreterin Natalie Imboden ausführt – vor allem beim Thema Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Coop fällt zudem mit diversen Vergünstigungen und Unterstützungsangeboten auf, die Mitarbeitenden zur Verfügung stehen, wie etwa Treueprämien oder ein interner Sozialdienst. Bei der Migros geniesst die Altersvorsorge einen guten Ruf. Die ­Migros-Pensionskasse ist zudem eine der wenigen Vorsorgeeinrichtungen, die noch nach dem Leistungsprimat funktionieren. Das heisst: Die Mitarbeitenden wissen, mit welcher Leistung in Prozent des versicherten Lohnes sie nach der Pensionierung rechnen können.

Generell fällt beim Vergleich der Arbeitsbedingungen im Detailhandel auf, dass die Anbieter versuchen, mit einzelnen Leistungen besonders zu punkten. Bei Aldi ist es der erwähnte, vergleichsweise hohe Mindestlohn. Dafür gibt es beispielsweise keinen Gesamtarbeitsvertrag. Bei Denner fehlt ein solcher Vertrag ebenso. Dafür gibt es bei der ­Migros-Tochter sechs Wochen Ferien. Syna-Vertreter Mathieu findet generell, dass es «unter den Detailhändlern kaum Musterknaben» gebe. «Auffallend bemüht um attraktive Arbeits- und Lohnbedingungen sind Coop, Lidl und Mig­ros, die verbindliche Gesamtarbeitsverträge mit Mindestlöhnen garantieren», so der Gewerkschafter.

Ein grosses Thema seien gemäss den Mitarbeitenden aktuell die Arbeitszeiten, heisst es bei den Gewerkschaften. Während viele Angestellte in der Branche nur Teilzeit arbeiten, müssen sie längere Öffnungszeiten abdecken. Aus Kostengründen werde aber generell weniger Personal aufgeboten, sagt Syna-Vertreter Mathieu. Auch bei der Unia spricht man von «grosser Unzufriedenheit gegenüber immer längeren und flexibleren Ladenöffnungszeiten». Die Gewerkschaft hat eine Umfrage unter dem Verkaufspersonal durchgeführt, deren Resultate sie nächste Woche veröffentlichen wird. Der Termin kommt nicht von ungefähr. Ende Februar wird im Parlament über das nationale Gesetz zu Ladenöffnungszeiten (Ladög) debattiert.

Arbeitsbedingungen im Detailhandel. Anklicken für Grossansicht.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 18.02.2016, 22:53 Uhr)

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