Die verschwiegene Golddrehscheibe

Die Schweiz ist die bedeutendste Goldhandelsdrehscheibe der Welt. Seit knapp 33 Jahren wird jedoch die Herkunft des Edelmetalls verschleiert. Warum eigentlich?

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Eine klare Antwort auf diese Frage ist nicht leicht zu erhalten, denn die schieren Ausmasse des Geschäfts verleiten zu Verschwiegenheit. Im ersten Halbjahr 2013 wurden laut dem Branchenverband World Gold Council auf der gesamten Welt rund 1400 Tonnen Minengold gefördert. Zusammen mit dem rezyklierten Altgold belief sich das weltweite Angebot auf etwa 2050 Tonnen.

Physisch in die Schweiz eingeführt wurden in dieser Zeitspanne 1600 Tonnen des Edelmetalls, wie die Eidgenössische Zollverwaltung (EZV) ausweist. Gemessen am aktuellen Goldpreis von rund 40'000 Franken pro Kilogramm entspricht dies einem Wert von 64 Milliarden Franken.

Ausgeführt wurden zwischen Januar und Juni 1500 Tonnen. 75 bis 80 Prozent des weltweiten Goldhandels liefen also über die Schweiz. Dabei ist über Zollfreilager verschobenes Gold noch nicht eingerechnet, da dieses in der Zollstatistik nicht erfasst wird.

Auch Angaben zur Herkunft des Goldes sucht man dort vergeblich. Seit Anfang 1981 gibt die EZV nach damaligem Entscheid des Finanzministeriums nur noch alle drei Monate über die gesamthaften Mengen von ein- und ausgeführtem Gold Auskunft, nicht aber über die einzelnen Ursprungs- und Bestimmungsländer. Umso mehr bleibt damit im Dunkeln, unter welchen Bedingungen das Edelmetall gefördert wird.

Interessen des Finanzplatzes über die der Öffentlichkeit gestellt

Die EZV begründet den Wechsel in der Statistikauslegung heute mit einer Kontroverse zwischen der Londoner Wirtschaftszeitung «Financial Times» (FT) und dem Finanzplatz Schweiz. Der Streit habe sich «im Lichte der damaligen Turbulenzen am Goldmarkt entfacht», erklärt die EZV auf Anfrage der Nachrichtenagentur sda.

«Bei der Entscheidungsfindung hat der Bundesrat die Interessenwahrung der Schweizer Banken - und damit jene des Finanzplatzes Schweiz - höher eingestuft als die in der Verordnung über den Aussenhandel stipulierte allgemeine Informationspflicht der Öffentlichkeit», schreibt die EZV.

Anderen Medienberichten aus jener Zeit ist zu entnehmen, dass die FT die Statistik nach Ansicht der Schweizer Grossbanken falsch interpretiert hatte. Die FT hatte Schlüsse gezogen, die wichtige Goldexporteure wie die Sowjetunion als damals zweitgrösstem (heute liegt Russland auf Platz 4) und Südafrika als weltgrösstem Produzenten (heute Rang 5) verärgerte.

Grossbanken befürchteten Kundenexodus nach London

Exponenten der Schweizerischen Kreditanstalt SKA (heute Credit Suisse) sowie des Bankvereins und der Schweizerischen Bankgesellschaft SBG (fusionierten 1998 zur UBS) befürchteten ein Abwandern von Kunden nach London, dem damals nach Zürich bedeutendsten physischen Goldumschlagsplatz der Welt.

Die Zwinglistadt hatte der britischen Finanzmetropole 1968 den Rang abgelaufen, als die drei Grossbanken den Zürcher Goldpool gründeten. Über dieses Einkaufskartell wurde zeitweise mehr als die Hälfte der südafrikanischen Goldproduktion abgewickelt, wie das Nationale Forschungsprogramm 42 zur Untersuchung der Beziehungen zwischen der Schweiz und Südafrika von 1945-1990 im Jahr 2005 befand.

Handel mit Apartheid-Südafrika verschleiern

Für SP-Nationalrat Cédric Wermuth sind die damaligen Beweggründe des Bundesrates offensichtlich: «Es ging darum, den Goldhandel mit dem apartheidregierten Südafrika zu verschleiern», sagt er. Den aktuellen Bundesrat hat Wermuth im Juni 2012 mit einem Vorstoss dazu gebracht, eine interdepartementale Arbeitsgruppe einzusetzen, um sich mit einer neuerlichen Aufschlüsselung der Goldstatistik zu befassen.

Die Arbeitsgruppe aus Vertretern von EZV, Aussendepartement und der Staatssekretariate für Wirtschaft (Seco) und internationale Finanzfragen hat ihre Vorschläge unterdessen in einem Bericht zusammengefasst. Wie die EZV erklärt, befindet sich dieser seit Anfang September bei den Bundesämtern zur Konsultation. Der Bundesrat werde das Geschäft dann am 6. November behandeln.

Schweiz als Schlupfloch für Gold aus Konfliktregionen

Müssten die Banken den Goldhandel wieder offener ausweisen, könnte ihnen ein lukrativer Geschäftszweig verloren gehen, sagt Wermuth. Er meint damit den Handel mit «Konfliktgold» - Gold aus Regionen, in denen bewaffnete Auseinandersetzungen herrschen wie etwa in Kolumbien, oder wo der Verkauf des Edelmetalls korrupte und im Fall von Südafrika zu Apartheidzeiten rassistische Regimes am Leben hält.

Für dieses Konfliktgold sei die Schweiz seit 1981 zum internationalen Schlupfloch geworden. Freiwillige Standards für transparentere Abbaubedingungen in den Förderländern würden bis heute nicht greifen, erklärt Wermuth. Auch bezweifelt er, dass die Rohstoffkonzerne und Goldraffinerien wirklich mehr Transparenz schaffen wollen.

CS und UBS wollen keine Stellung nehmen

«Mit einer Offenlegung der Goldstatistik hätten wir kein Problem - wir haben nichts zu verstecken», kontert Erhard Oberli die Kritik. Er ist Geschäftsführer von Argor Heraeus, einer der fünf grossen Goldraffinerien in der Schweiz. Die in Mendrisio TI ansässige Firma mit einer Verarbeitungskapazität von jährlich rund 400 Tonnen war von 1973 bis 1986 eine hundertprozentige Tochter der SBG.

Die Gründe, die 1981 zur Änderung der Statistik geführt haben, ortet auch Oberli im Handel mit Südafrika. Für weitere Fragen verweist er an die Goldpool-Banken in Zürich - Credit Suisse und UBS. Beide wollen «als einzelne Institute» aber keine Auskunft geben und reichen die heisse Kartoffel an die Schweizerische Bankiervereinigung (SBVg) weiter.

Auch sie will sich nicht die Hände verbrennen und lehnt eine Stellungnahme zu den vergangenen Ereignissen ab. Was die Zukunft anbelangt, erklärt sie aber: «Einer neuerlichen Aufschlüsselung der Goldhandelsstatistik steht die SBVg grundsätzlich offen gegenüber.» (sda)

(Erstellt: 13.09.2013, 22:07 Uhr)

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