Die Schweizer geben der digitalen Post keine Chance

Von David Vonplon. Aktualisiert am 21.07.2010

In der elektronischen Postübermittlung spielt die Post eine Vorreiterrolle. Das Problem: In der Schweiz fehlt die Akzeptanz für die Zukunftstechnologien, sowohl bei der Bevölkerung als auch beim Bund.

Die Schweizer Post basiert vorerst weiterhin auf papierenen Briefen.

Die Schweizer Post basiert vorerst weiterhin auf papierenen Briefen.
Bild: Keystone

Die neuen elektronischen Möglichkeiten im Postversand

Der «Gemischtwarenladen» Post wartet auch im elektronischen Geschäft mit einer ganzen Reihe von Angeboten auf, welche die physische und die digitale Post zusammenführen sollen. Hier sind die aus Konsumentensicht wichtigsten:

Swiss Post Box: Die Post scannt für den Kunden den ungeöffneten Briefumschlag. Dieser bestimmt dann, ob der Brief geöffnet und gescannt, physisch zugestellt, geshreddert oder archiviert werden soll. Die Registrierungsgebühr beträgt 25 Franken. Jeder «Couvert-Scan» kostet mit einem Abo ohne Grundgebühr 1.15 Franken, das Öffnen und das Zustellen des Briefinhalts dann weitere 1.95 Franken.

Inca-Mail: Mit dieser verschlüsselten E-Mail können Firmen und Privatpersonen Dokumente sicher und rechtsverbindlich zustellen lassen. Dies im Gegensatz zur klassischen E-Mail, die auch von Dritten eingesehen werden kann. Der Versand einer Inca-Mail kostet 0.75 Franken, eingeschrieben 2 Franken.

Post Suisse-ID: Seit Anfang Mai können die Kunden mit der offiziellen digitalen Identität im Internet auch elektronisch unterschreiben. Die Suisse-ID sieht aus wie ein USB-Stick und ist mit einer persönlichen Nummer und dem Vornamen gekennzeichnet. Mittels Passwort loggt sich der Benutzer ein und wird damit identifiziert. Der Bund hofft, dass Suisse-ID schon bald verbreitet akzeptiert werden wird, etwa auch für Miet-verträge, Eröffnung von Bankkonten und Steuererklärungen.

Postfinance mobile: Die Kunden können mit dem Handy Geld überweisen und den Saldo abfragen. Der Service wird heute von 35'000 Kunden genutzt.

Stichworte

In diesen Tagen lanciert die Deutsche Post mit lautem Getöse den elektronischen Brief. Zusätzlich zu den vorhandenen Briefkästen, Briefmarken und Briefträgern bietet der Logistikkonzern künftig auch eine Art Briefkasten im Internet, der wie eine elektronische Schaltzentrale funktioniert. Über diese soll künftig möglichst viel Korrespondenz laufen. Als Vorbild für den Einstieg des Staatsriesen in die digitale Welt taucht dabei immer wieder der Name eines Unternehmens auf: die Schweizer Post. Schon längst hat diese den Schritt in den digitalen Schriftverkehr gewagt: Seit zwei Jahren können verschlüsselte Dokumente im Internet sicher ausgetauscht werden. Mehr noch: Die Anbindung an die Buchhaltungssoftware Abacus ermöglicht es Firmen, Lohnabrechnungen und Rechnungen per Mausklick einfach und rasch zu versenden.

Weltweite Neuheit

Auch mit der sogenannten Swiss Post Box, mit der die Briefe des Kunden gescannt und bei Bedarf digital weitergeleitet werden (siehe Text rechts), nimmt die Post eine Pionierrolle ein: Der Dienst ist eine weltweite Neuheit und wurde in der ausländischen Presse gewürdigt: Für die «Washington Post» sind diese Angebote gar so überzeugend, dass sie dem landeseigenen Postunternehmen empfahl, sich doch an der Schweizer Post ein Beispiel zu nehmen.

Doch während die digitalen Dienste der Post im Ausland für Furore sorgen, ist das Interesse der einheimischen Bevölkerung am elektronischen Briefkasten vorderhand mässig. Nur ein tiefer einstelliger Prozentsatz der Schweizer Bevölkerung setzt laut der «Wirtschaftswoche» auf die zukunftsweisenden Technologie. Die Swiss Post Box wird bislang von weniger als 10 000 Personen genutzt; vorwiegend Businessnomaden, die für ihre Firmen um die Welt jetten. Dabei steht der Dienst auch Privatkunden offen, um in der Ferienzeit im Internet ihre Briefpost anzuschauen. Laut Swiss-Post-Solutions-Chef Frank Marthaler sollen dereinst zwei Prozent der Bevölkerung das Angebot nutzen. Davon ist man freilich noch sehr weit entfernt.

Bremsklotz Politik

«Das Problem der Post ist die mangelnde Akzeptanz in der Schweizer Bevölkerung und Politik gegenüber den Zukunftstechnologien», sagt denn auch Postexperte Matthias Finger von der ETH Lausanne. Statt sich Gedanken zu machen, wie eine moderne Grundversorgung auszusehen habe, diskutiere man lieber darüber, ob die Poststellen fünf oder sechs Stunden offen haben sollen. Mit anderen Worten: Gemessen wird die Post hierzulande daran, wie dicht ihr Filialnetz ist und wie pünktlich die Post im Briefkasten landet, nicht an ihren technologischen Innovationen. Darauf lässt auch das rekordhafte Tempo schliessen, mit dem die Unterschriften für die Post-Initiative gesammelt wurden. «Mir scheint, dass die Post zuerst im Ausland mit ihren digitalen Lösungen Erfolg haben muss, um die Schweizer von deren Nutzen zu überzeugen», sagt Finger. Bis dahin blieben ihre digitalen Angebote wohl Nischenprodukte.

Als Bremsklotz erweist sich der Bund: «Auf nationaler Ebene wird kaum etwas zur Förderung elektronischer Technologien unternommen», so der Professor für Netzwerkindustrien. Konkret wirft Finger dem Bund vor, die Einführung der elektronischen Unterschrift zu spät an die Hand zu nehmen: Weder der Verkehr mit Behörden noch das Online-Banking könnten zurzeit mit Suisse-ID abgewickelt werden. Auch habe er es verpasst, für eine flächendeckende Abdeckung durch Glasfasernetze zu sorgen. Kurzum: «Von einer Informationsgesellschaft, die diesen Namen verdient, sind wir noch meilenweit entfernt.»

Nicht alle Verantwortung lässt sich indessen auf die Behörden schieben. Während die Deutsche Post für den «elektronischen Brief» laut und aggressiv die Werbetrommel rührt, ist eine aktive Vermarktung der zukunftsträchtigen Produkte der Post in der Schweiz kaum wahrzunehmen. Will man damit eine Kannibalisierung des schrumpfenden Briefverkehrs verhindern? Für eine Stellungnahme war der gelbe Riese gestern nicht erreichbar. Laut Finger aber macht die Post einen Fehler, wenn sie ihre Angebote nicht vermarktet. «Diese muss man der Bevölkerung doch auch erst einmal erklären.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.07.2010, 23:03 Uhr

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