Die Schweiz handelt den Kaffee für die Welt
Von Romeo Regenass, Lausanne. Aktualisiert am 14.07.2009 4 Kommentare
Laurence Pawelczyk hat das Kaffeetrinken zum Beruf gemacht. Doch Trinken ist das falsche Wort: Sie schlürft den Kaffee in sich rein, kostet ihn, ohne zu schlucken, und speit ihn wieder raus – wie bei einer Weindegustation. Und das bis zu 600 Mal am Tag.
Die Westschweizerin ist in der weltweiten Einkaufszentrale von Starbucks in Lausanne für die Qualitätskontrolle zuständig. Wenn nur eine von sechs Proben der Lieferung nicht so schmeckt, wie sie sollte, geht der Kaffee zurück an den Verkäufer. Pawelczyk und ihr Berufskollege kennen da kein Pardon. Die Ware muss auch optisch überzeugen: Von jeder Lieferung wird eine Handvoll grüner Bohnen 10 bis 12 Minuten lang geröstet. Danach muss das Aussehen des Kaffees je nach Sorte in einer genau definierten Bandbreite liegen, um die Qualitätskriterien zu erfüllen.
So wie bei Starbucks geht es auch bei anderen Kaffeehändlern in der Schweiz zu und her: Für 75 Prozent des weltweit benötigten Rohkaffees, der ausserhalb der Produzentenländer konsumiert wird, läuft der Handel via Schweiz. Wie beim Öl oder anderen Rohstoffen wird der Kaffee dabei allerdings nicht physisch importiert, die Trader in der Schweiz lenken lediglich die globalen Handelsströme. Das hat eine lange Tradition.
Die Akteure in diesem Markt lassen sich in zwei Gruppen einteilen: Einerseits unabhängige Händler wie Volcafé oder die zur deutschen Neumann-Gruppe gehörende Bernhard Rothfos Intercafé. Andererseits Firmen, die den Kaffee für ihre Mutterkonzerne einkaufen. Taloca etwa liefert den Kaffee für die Kraft-Foods-Marken Jacobs und Maxwell House, Decotrade für Senseo und Douwe Egberts von Sara Lee, Cofiroasters beliefert die italienische Segafredo Zanetti.
«Jede Tasse wird zehnmal gehandelt»
Der Milliardenkonzern Nestlé kauft für seine Marken, darunter Nescafé und Nespresso, zum Teil direkt bei den Produzenten ein, wird aber auch von weltweit tätigen Händlern beliefert – so etwa von Neumann. Auch andere Händler geschäften miteinander, sodass die gehandelten Mengen mit Vorsicht zu interpretieren sind. «Viele Säcke Kaffee dürften doppelt angegeben sein», sagt Renaud de Kerchove, Managing Direktor Kaffee bei Ecom Agroindustrial in Pully. «Wir verkaufen zum Beispiel an Decotrade, und diese Säcke tauchen dann in beiden Umsatzstatistiken auf.»
Immerhin handelt es sich um reale Verkäufe. Anders ist es an den Kaffeebörsen von New York und London. Die dort gehandelten Optionen und Terminkontrakte betreffen ein Volumen, das zehnmal grösser ist als die Verkäufe an die Industrie. «Jede Tasse Kaffee wird also zehnmal gehandelt», sagt ein Händler. Um das Preisrisiko zu minimieren, sichern sich die Händler an der Börse ab.
Hedge Funds beeinflussen die Preise
Das grosse Volumen hat aber auch damit zu tun, dass Hedge Funds nach dem Platzen der Dotcom-Blase die Rohstoffe als neue Kategorie für ihre spekulativen Geschäfte entdeckt haben. Die Funds sind in der Branche wenig beliebt. «Das sind Leute, die keine Ahnung von Kaffee haben», so der Chef eines grossen Handelshauses. «Aber wenn diese Spekulanten den Preis auf 160 Cents jagen, muss ich das zahlen – auch wenn es von der Nachfrage her nicht gerechtfertigt ist.»
Die gegenwärtige Baisse führen Insider nicht zuletzt auf den Einfluss der Spekulation zurück: Der Referenzpreis der Kaffeeorganisation ICO liegt derzeit bei tiefen 110 US-Cents pro Pfund (453 Gramm). Das ist insofern erstaunlich, als die saisonal bedingte Schwächephase für gewöhnlich nur bis Ende Juni dauert. Mit Kursanstiegen ist aber meist erst Mitte August zu rechnen.
In Vietnam, das mit zunehmendem Erfolg günstigen Kaffee der Sorte Robusta produziert, war der Preis seit über zwei Jahren nicht mehr so tief wie jetzt. Dies hat nun dazu geführt, dass die Produzenten die Regierung aufgerufen haben, einen nationalen Kaffeevorrat anzulegen und so dem Preiszerfall entgegenzuwirken. Zudem soll die ab Oktober anstehende Ernte vorerst nicht in den Verkauf gelangen.
Brasilien stützt den Kaffeepreis
In Brasilien, dem wichtigsten Anbauland, hat die Regierung im Juni bereits Stützungskäufe vorgenommen: In einem ersten Schritt wurden 3 Millionen Säcke vom Markt genommen, weitere 3 Millionen sind in Prüfung. «Solche Interventionen sind sicher nicht WTO-konform und zu verurteilen», sagt der Luzerner Kaffeeexperte Walter Zwald.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 14.07.2009, 22:35 Uhr
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4 Kommentare
Doch schön zu wissen, wie viele Schweizer Kaffeehandelsfirmen es doch in der Schweiz so gibt. Viele sind in Zug. Anscheinend wächst dort der Kaffee am besten. Oder täusche ich mich, denn ich bin ja kein Zuger, sondern nur ein Baselbieter. Warum könnten wir dies nicht auch bei uns in Liestal machen. Kaffee ist doch Kaffee, ganz egal, wo er gehandelt wird. Oder täusche ich mich wegen der Steuern. Antworten
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