«Die Nationalbank wird massiver einschreiten»
Interview: Bernhard Fischer. Aktualisiert am 04.08.2011 42 Kommentare
Yvan Lengwiler ist Professor für Nationalökonomie an der Universität Basel und befasst sich mit Fragen der Geldpolitik, mit dem Zusammenhang zwischen Finanzmarktpreisen und mikroökonomischen Fundamentaldaten, sowie mit dem Design von Mechanismen, insbesondere von Auktionen.
Muss weitere Massnahmen ergreifen: Schweizerische Nationalbank. (Bild: Keystone )
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Tag eins nach der SNB-Intervention. War das nicht halbherzig?
Der Schritt der Nationalbank ist an sich zu begrüssen, aber ich glaube, er genügt noch nicht. Ich fände es angemessen, wenn die SNB einen Schritt weiter gehen würde und von ihrer bisherigen inflationsorientierten Politik temporär zu einer wechselkursorientierten Politik wechseln würde. Natürlich birgt auch die wechselkursorientierte Politik Risiken. Mittelfristig geht man das Risiko ein, Inflation zu verursachen. Aber nichts zu tun, birgt das unmittelbar grössere Risiko, unsere exportabhängigen Unternehmen nachhaltig zu schädigen.
Warum nur eine temporäre Wechselkurspolitik?
Wenn man das nicht temporär machen würde und den Schweizer Franken fest an den Euro anbindet, dann verliert man jegliche geldpolitische Autonomie. Die Wechselkurspolitik ist aber eine Notmassnahme, um drohenden Schaden zu vermeiden, und sollte keine strategische Änderung der langfristigen Zielsetzung der Geldpolitik darstellen
Warum ist diese Autonomie so wichtig?
Weil die schweizerische Volkswirtschaft sich nicht völlig parallel zur umliegenden EU-Wirtschaft entwickelt. Es ist ein grosser Vorteil, dass die SNB eine für die Schweiz angepasste Geldpolitik machen kann. Man sieht am Beispiel des Euroraumes, was der Verlust der geldpolitischen Autonomie bedeutet. Die einzelnen Länder des Euroraumes sind strukturell sehr verschieden, aber weil sie alle dieselbe Währung haben, ist es ihnen nicht möglich, eine autonome, auf ihre lokalen Verhältnisse angepasste Geldpolitik zu führen. Das verursacht gravierende Probleme.
Wäre die Wechselkursanbindung nicht die lang ersehnte Erleichterung für die Schweizer Exportwirtschaft?
Man könnte sagen, dass die schweizerische Exportwirtschaft heute in einem restriktiven geldpolitischen Umfeld agieren muss, weil die starke Währung sie bremst. Sie steckt in einer Rezession. Die Binnenwirtschaft hingegen profitiert von einer ausserordentlich expansiven Politik. Der Zinssatz ist bei null, das heisst, das Geld gibt es fast gratis. Dieser Teil der Wirtschaft befindet sind in einem Boom. Durch die temporäre Orientierung der Geldpolitik am Wechselkurs nähern wir die Binnen- der Exportwirtschaft wieder an.
Meinen Sie mit expansiv einfach mehr Geld im Umlauf?
Die Zeit der Geldmengenpolitik ist schon lange vorbei. Die SNB beispielsweise hat als ultimatives Ziel die Inflationsentwicklung. Das steuert sie seit mehr als zehn Jahren aber über den Zinssatz. Der Zusammenhang «niedrigere Zinsen und dafür mehr Geld im Umlauf» ist nicht sehr stabil.
Was wäre der nächste Schritt, den die SNB setzen müsste?
Die SNB müsste öffentlich einen Limitkurs ansetzen, der nicht weiter unterschritten werden darf. Sie würde in diesem Fall ankündigen, Fremdwährung zu diesem festgelegten Kurs in unbeschränktem Umfang zu kaufen. Dadurch wird verhindert, dass der Kurs diese Marke durchbrechen kann. Wichtig ist dabei die öffentliche, glaubwürdige Ankündigung, weil das die Erwartung der Spekulanten auf eine weitere Aufwertung bricht.
Inwiefern unterscheidet sich das, was Sie vorschlagen, von dem, was die SNB bisher gemacht hat?
Die SNB konzentriert sich bisher auf die Ausweitung der Geldmenge, obwohl wir bereits ein hohes Mass an Liquidität im System haben. Damit kann sie die Erwartungen jener Leute, die auf eine Frankenhausse spekulieren, nicht brechen. Das ist nur abzuwenden, wenn ein Limit eingezogen und verteidigt wird, und im Gegenzug Auslandswährungen aufgekauft werden. Wird das glaubwürdig gemacht, dann hört auch die Spekulation auf und die Nachfrage nach dem Schweizer Franken nimmt wieder ab. Die SNB schreckt mit dem jetzigen Schritt Währungsspekulanten nicht ab.
Führt kein Weg an einer Wechselkurs- statt einer Inflationspolitik vorbei?
Prinzipiell hat die SNB zwei Möglichkeiten: Sie kann eine Inflationspolitik verfolgen oder eine Zinspolitik. Für eine dieser beiden muss sie sich aber klar entscheiden, sonst ist das weder Fisch noch Vogel und wird auch nicht funktionieren.
War das also nur ein symbolischer Akt?
Ich glaube nicht. Es ist ein erster Warnschuss. Die SNB hält in einer Aussendung fest, dass sie sich weitere Massnahmen vorbehalte, falls das notwendig wird.
Zögerlich, möglicherweise zulasten des Wirtschaftsstandorts. Werden die Industrien abwandern?
Grosse Firmen mit einer starken Exportorientierung und einem Standbein im Ausland können relativ billig im Ausland Firmen zukaufen und so weiter expandieren. Das bedeutet auch eine Verlagerung von Arbeitsplätzen. Man darf nicht vergessen, dass die Schweizer Arbeitnehmer in den vergangenen Wochen – in Euro gemessen – laufend Lohnerhöhungen erhalten haben. Das geht auf Dauer nicht gut. In diesem Sinne ist es verständlich, dass Arbeitsplätze ins Ausland verlagert werden. So etwas passiert aber nicht von heute auf morgen. Wenn der Wert des Schweizer Frankens sich wieder normalisiert, dann kann ich mir vorstellen, dass derartige Abwanderungsentscheidungen, die möglicherweise bereits aufgegleist sind, wieder überdacht werden.
Wie wahrscheinlich ist das?
Lassen Sie es mich so sagen: Ich glaube, dass der Punkt, an dem die SNB massiver einschreiten wird, nahe ist.
Was wäre ein adäquates Wechselkursziel? Analysten sprechen von 1.20 und Exporteure von 1.40…
Ich finde 1.10 schon schlimm, das ist klar überbewertet. Aber wo die Notenbank die Limite setzen soll, kann ich nicht sagen. Es stellt sich auch die Frage, ob es genügt, sich auf den Euro zu fixieren, oder ob andere Währungen nicht auch wichtig sind. Schliesslich handelt die Schweizer Wirtschaft nicht nur mit dem Euroraum, sondern mit der ganzen Welt.
Muss die SNB wieder mit Schelte wegen Währungsverlusten rechnen?
Sie sollte sich nicht davon beirren lassen. Die SNB ist nicht dazu da, um Gewinn zu machen. Unabhängig davon muss man auch sehen, dass bei einer kaufkraftparitätischen Bewertung das Devisenportfolio der SNB viel mehr wert ist, als das heute in den Büchern steht. Weil langfristig – über 10 oder 15 Jahre – Währungen grundsätzlich zu ihren Kaufkraftparitäten hinstreben, steckt viel Aufwärtspotenzial im Devisenportfolio der SNB. Einfach gesagt: Steigt der Euro in Relation zum Franken wieder, steigt auch der Wert des Eurobestands der SNB.
Welche Rolle spielt denn überhaupt das Eigenkapital der Nationalbank, das wegen Währungsverlusten gesunken ist?
Das ist aus ökonomischer Sicht irrelevant. Die SNB ist auch ohne Eigenkapital funktionsfähig. Sie benötigt es eigentlich nicht. Man darf auch die Leistung der SNB nicht an ihrem Gewinn messen. Die SNB ist keine Geschäftsbank, sondern hat einen völlig anderen Auftrag, der es manchmal notwendig macht, auch grosse Verluste hinzunehmen.
Gibt es für die betroffenen Firmen noch andere Möglichkeiten gegen den starken Franken ausser Arbeitszeitverlängerung oder Lohnkürzungen?
Ich glaube nicht.
Sollte der Staat den Exportunternehmen unter die Arme greifen?
Ich denke, die Arbeitsproduktivität im Exportsektor ist bereits sehr hoch. Ich wüsste nicht, was man da mit staatlichen Mitteln noch machen sollte.
Wie lange müssen sich die Unternehmen noch gedulden, bis Besserung in Sicht ist?
Das ist sehr schwierig zu sagen. Die SNB wird vermutlich sehr bald deutlicher eingreifen. Es ist aber auch möglich, dass sich die Situation von alleine wieder beruhigt. Der Wechselkurs ist nur eine Verhältniszahl und wird nicht ausschliesslich von Entwicklungen bei uns bestimmt. Was geschieht zum Beispiel mit dem amerikanischen Schuldenproblem, was passiert mit dem strukturellen Problem im Euroraum? Auch die Entwicklung des Goldmarktes spielt eine Rolle, der eigentlichen Konkurrenzwährung zum Schweizer Franken.
Wie wird sich der Dollar zum Franken entwicklen?
Es scheint mir klar, weshalb der Dollar so schwach ist. Die Geldpolitik dort ist sehr auf die fiskalpolitischen Probleme ausgerichtet. Die Fed kauft schon seit Ewigkeiten Treasury Bonds. So ist die amerikanische Notenbank die grösste Gläubigerin des amerikanischen Staates geworden. Wenn die USA ihre Staatsverschuldung weiterhin hemmungslos ausweiten, wird ein guter Teil davon mit der Notenpresse finanziert werden. Das sind keine guten Aussichten für den Dollar. Ich denke auch, dass der Dollar seine Position als wichtigste Leitwährung mittelfristig verlieren wird.
Und der Euro?
Warum der Euro so schwach ist, ist mir nicht klar. Der Zusammenhang zwischen den fiskalischen Problemen in Euroland und dem Euro als Währung sind anders als in den USA. Entweder glauben die Investoren, dass die EZB ebenfalls Geld drucken wird, um die Staatsschulden zu begleichen, oder es handelt sich um eine Spekulation, dass der Euro in seiner Existenz bedroht ist. Letzteres erscheint mir nicht realistisch, aber vielleicht fehlt mir auch nur die Fantasie dazu.
(Bernerzeitung.ch/Newsnet)
Erstellt: 04.08.2011, 11:31 Uhr
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Werter Prof. Es ist nicht an der CH jetzt zu handeln, sondern an den Weltwirtschaftspolizisten USA und EU. Da müssen die Probleme gelöst werden. Unsere KMUs können wegen dem starken Franken günstig einkaufen und günstig im Ausland investieren. Für billig produzierendes Massenwarengewerbe ist die CH nicht der richtige Standort, diese zu schützen ist falsch. Antworten
Den EUR zu einem festgelegten Wechselkurs unlimitiert aufkaufen....tönt gut. Nur: wenn die EU weiter die Abwärtsspirale dreht (CH hat darauf keinen Einfluss) und der EUR bei 1:1 ist oder ganz auseinanderfällt ? Was macht den die Nationalbank mit den 300-1000Mia EUR ? Darauf hat wohl auch Herr Lengwiler keine Antwort. Spekulieren auf höhere Kurse kann ja kaum die Aufgabe der SNB sein. Antworten
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