Maulkorb für Joseph Deiss?

Durch einen stillen Stellenabbau ist der Kahlschlag bei General Electric von noch grösserem Ausmass als bisher bekannt. Die Zentrale soll Landeschef Joseph Deiss mundtot gemacht haben.

Grauer Himmel: Das Alstom-Gelände (heute General Electric) im aargauischen Birr am 13. Januar 2016.

Grauer Himmel: Das Alstom-Gelände (heute General Electric) im aargauischen Birr am 13. Januar 2016. Bild: Urs Flüeler/Keystone

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Wo ist Joseph Deiss?, fragen sich alle, nachdem der Landeschef von General Electric Schweiz (früher Alstom) diese Woche den Abbau von 1300 Stellen bekannt gab. Recherchen der Zeitung «Schweiz am Sonntag» zeigen: Deiss hätte Stellung nehmen sollen, bekam aber einen Maulkorb von der GE-Zentrale. «Die Kommunikation diese Woche war durchgängig katastrophal», bilanziert ein Insider. Das Debakel begann schon damit, dass viele GE-Mitarbeiter im Aargau zuerst aus den Medien erfuhren, dass jeder Vierte von ihnen den Job verliert. Der demütigende Umgang des GE-Konzerns mit seinem Schweizer «Chef» ist bemerkenswert. Und wohl noch nicht das Ende der Geschichte. Deiss hat bereits den Titel des «Präsidenten» der Landesgesellschaft verloren, und gemäss «Schweiz am Sonntag» «überprüft» GE zurzeit Deiss’ Rolle. Alles deutet darauf hin, dass der 69-Jährige gänzlich ausscheidet.

GE-Mitarbeiter reagieren auf den Stellenabbau vor der Niederlassung in Baden (Video: Fiona Endres/Lea Koch).

Der Kahlschlag nach der Übernahme des Energiegeschäfts von Alstom durch den US-Konzern GE ist viel schlimmer, als diese Woche bekannt wurde. Gemäss Recherchen der SonntagsZeitung sind nicht nur die 1300 Arbeitsplätze betroffen, die GE diese Woche bekannt gegeben hat. Schon zuvor hat Alstom still und heimlich 570 Stellen abgebaut. Alstom nützte in den letzten eineinhalb Jahren die deutlich gestiegene Zahl natürlicher Abgänge aus. Zudem gab es freiwillige und unfreiwillige Frühpensionierungen. Insgesamt gehen also an den fünf Aargauer Standorten Baden, Birr, Dättwil, Turgi und Oberentfelden nicht 1300 Jobs verloren, wie diese Woche mitgeteilt wurde, sondern 1870.

Schneider-Ammann will Firmen entlasten

In der «Schweiz am Sonntag» äussert sich Bundespräsident Johann Schneider-Ammann erstmals ausführlich zum Job-Abbau bei General Electric im Aargau. «Wir erschraken alle», sagt er, «als die Alstom-Ankündigung kam.» Es sei «ein Schlag für die Industrie und ein Drama für die Betroffenen». Er kenne die Marktverhältnisse zu wenig, «aber ich gehe davon aus, dass der Einschnitt zwingend ist. Ein Unternehmer nimmt Entlassungen in solchem Ausmass üblicherweise erst in der Not vor.»

Schneider-Ammann hatte Kontakt mit dem GE-Manager, der für die Schweiz zuständig ist. «Er erklärte mir, weshalb das Unternehmen diesen Schritt tun musste», sagt Schneider-Ammann. «Auch mit dem obersten Chef von GE werde ich in den nächsten Tagen erneut sprechen.» Er habe ihn schon im Februar 2015 empfangen und die Stärken des Standorts Schweiz aufgezeigt. Schneider-Ammann setzt nun auf Diskussionen an den runden Tischen der Sozialpartner und der Unternehmens- und Branchenvertreter. Er betont zugleich in der «Schweiz am Sonntag»: «Es geht nicht um eine interventionistische Industriepolitik, die noch nirgendwo Erfolg gebracht hat. Eine solche Industriepolitik lehne ich ab.» Es brauche allerdings eine «entschiedene Stärkung der Rahmenbedingungen, Bürokratieabbau und Kostenreduktionen für die Unternehmen». (chi)

(Erstellt: 17.01.2016, 05:20 Uhr)

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