Wirtschaft
Die Irrtümer des Konrad Hummler
Von . Aktualisiert am 25.09.2009 27 Kommentare
Daniel Binswanger ist Redaktor beim «Magazin».
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Privatbankier Konrad Hummler ist in der publizistischen Landschaft der Schweiz zu einer omnipräsenten Stimme geworden. Man muss dem Finanzexperten auch zugestehen, dass er stets von neuem Kabinettstückchen der eskalierenden Überpointiertheit zustande bringt. Argumentative Stringenz muss sich dabei allerdings mit einer untergeordneten Priorität begnügen - und geht des Öftern vollständig verloren.
Bei seinem Auftritt am Jahreskongress der Schweizer Presse vertrat Hummler die These, der Leserschwund in den Printmedien sei ihrer mangelnden Analyseschärfe geschuldet. So habe es die Presse versäumt, frühzeitig auf die Fehlentwicklung der Finanzbranche hinzuweisen. Er, Konrad Hummler hingegen habe bereits im Jahr 2005 davor gewarnt, dass sich Unheil zusammenbraue am Horizont des Weltfinanzsystems.
Hummlers Beurteilung der Schweizer Medien ist ungnädig. Zwar hätten wir uns alle sehr gewünscht, dass das Platzen der Subprime-Blase oder die Lehman-Pleite auf den Wirtschaftsseiten von NZZ oder «Tages-Anzeiger» mit gebührender Vorlaufzeit antizipiert worden wäre. Da aber auch die Weltelite der Nationalökonomen die Krise nicht hat kommen sehen und da die Zauberlehrlinge der Finanzbranche nicht den leisesten Begriff davon hatten, was sie selber veranstalten, scheint eine Presseschelte doch ein wenig kurz zu greifen.
Ein Prophet des Niedergangs
Hummlers Beurteilung seiner eigenen Rolle als Whistleblower ist dagegen von verblüffender Kulanz. Zwar publizierte der Bankier tatsächlich schon 2005 eine facettenreiche Analyse der amerikanischen Zinspolitik, doch bei der Diagnose potenzieller Instabilitätsfaktoren brillierte er nicht durch Treffsicherheit. So verwarf er die damals bereits vom «Economist» vertretene These, der amerikanische Kapitalmarkt werde von einer Immobilienblase verzerrt, in Bausch und Bogen. In seinem letzten Anlagekommentar aus dem Jahr 2005 kam Hummler zu folgendem Fazit: «Die Welt ist sicherer geworden, die Wirtschaft insgesamt schockresistenter, das Währungs- und Geldsystem weniger erratisch.» Es gab auch schon eindringlichere Kassandra-Rufe.
Dabei gehört das Ausmalen apokalyptischer Szenarien zu Hummlers persönlichen Spezialitäten. Für die Eidgenossenschaft, so prophezeite er in einem «Weltwoche»-Interview, gehe es bei der Abschaffung des Bankgeheimnisses um eine «politische und wirtschaftliche Existenzfrage». Bisher existiert die Schweiz zwar auch nach Anerkennung der OECD-Auskunftspflicht fröhlich weiter, aber den Untergangspropheten aus St Gallen scheint dies nicht anzufechten.
Auch der Bundesrepublik Deutschland hat Hummler 2008 den kommenden Zusammenbruch der Sozialversicherungssysteme und das Versinken in einer generellen Anarchie vorausgesagt - weshalb deutsche Steuerhinterzieher, die ihr Schwarzgeld zu Hummlers Privatbank tragen, lediglich von einem legitimen Notrecht auf Altersvorsorge Gebrauch machen würden. Praktisch zeitgleich hat der Bankier seinen Kunden allerdings empfohlen, in deutsche Aktien zu investieren - weil die Entwicklungsmöglichkeiten hervorragend seien. Einerseits wird Deutschland blühen - andererseits wird Deutschland untergehen. Je nach Adressat verkehrt sich die Prognose flugs in ihr Gegenteil.
Abenteuerliche Thesen
Objekt der neuesten hummlerschen Untergangsphantasien sind die USA. Das Land gehöre «unbestreitbar zu den weltweit aggressivsten Nationen», schreibt der Bankier in der bewährten Diktion des altlinken Antiamerikanismus. Dass die Amerikaner verstärkt gegen Steuerflucht vorgehen wollen, sei der Anfang vom Ende ihrer wirtschaftlichen Prosperität. Es werde ausländisches Kapital von ihren Märkten vertreiben, prognostiziert Hummler - und gerade auf Kapital sei das hoch verschuldete Land heute angewiesen.
Auch diese These ist abenteuerlich. Natürlich birgt die amerikanische Überschuldung bedrohliche Zins- und Inflationsrisiken. Natürlich ist eine verschärfte Beaufsichtigung der Finanzintermediäre für Hummlers Bankhaus Wegelin & Co. mit unangenehmen Umtrieben verbunden. Dass Letzteres einen entscheidenden Einfluss auf die Entwicklung des US-Kapitalmarktes haben wird, darf aber dennoch bezweifelt werden.
Eine Schweiz ohne Bankgeheimnis, der deutsche Rechtsstaat, die amerikanische Steuerbehörde: Was immer das Geschäftsmodell von Wegelin & Co. in Frage stellen könnte, wird von Hummler sofort mit manischen Untergangsprophezeiungen überzogen. Hinter den ökonomischen Lagebeurteilungen des Privatbankiers verbirgt sich eine Motivationsstruktur von markerschütternder Schlichtheit.
Als PR-Strategie in eigener Sache dürfte das Medienengagement dennoch bestens funktionieren. Jedes Mal, wenn Hummler sich als letzter Winkelried des Finanzplatzes inszeniert, generiert dies Aufmerksamkeit und Neugeldzuflüsse für Wegelin & Co. Zu einem Problem werden könnte die mediale Überexponierung allerdings für die NZZ.
Hummler ist nicht nur NZZ-Verwaltungsrat und jetzt auch regelmässiger Kolumnist des bürgerlichen Leitmediums. Er ist heute das bei weitem bekannteste Aushängeschild der Traditionszeitung. Ist es ratsam, das publizistische Profil eines Qualitätsblattes durch die gebundenen Sonderinteressen eines Finanzplatzvertreters definieren zu lassen? Man darf auf die Leserentwicklung gespannt sein.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 25.09.2009, 10:34 Uhr
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27 Kommentare
Wenn ich auch nicht immer der gleichen Meinung wie Herr Hummler bin, so muss man ihm eines lassen! Als Privatbankier haftet er mit "Stumpf und Stil" gegenüber seinen Kunden. Würde nun die Wegglin-Bank in eine Krise geraten, würde man ihm sogar noch sein Haus wegnehmen. Wenn eine UBS in Notlage gerät hilft dann halt eben der Staat. Von solchen Zuständen kann Herr Hummler nur träumen. Antworten
Spannender Beitrag über einen noch interessanteren Bankier, jedoch leider sehr einseitig geschrieben. Wer nicht erkennt, dass Hummler in vielen Bereich Agenda-Setter ist und wichtige Themen auf die politische Ebene bringt, unterlässt Zentrales. Hummler propagiere, was ihm gerade nütze. Macht Binswanger nicht dasselbe, indem er sich genau jetzt über Hummler schreibt?- gibt Publizität, da wie dort! Antworten
Dass die Deutschen Märkte (z.B. in den nächsten 5-10 Jahren) gut rentieren und dass die Renten in Deutschland vor dem Staat nicht sicher sind, ist doch kein Widerspruch. Das Kapital ist mobil, die Arbeit nicht so stark (hier müssen die Bürger schon auswandern), die Renten hat der Staat schon unter Kontrolle und kann sie später mal so hoch besteuern wie er will (ditto 3. Säule in der CH). Antworten
Hunnler wiederholt nur die Thesen von Huntington, die mehrheitlich richtig sind. Diffamierungen sind in der Regel schlechte Kommentare. Und wo Hummler irrt, muss man beifügen, das Journalisten immer Recht haben. Und was der Schlussabschnitt mit Hummler zu tun hat, bleibt ein Geheimnis von Binswanger. Das publizistische Profil einer Zeitung muss nicht unbedingt linkslastig sein. Antworten
Was, bitteschön, Herr Binswanger, ist "altlinker Antiamerikanismus"? Wenn Sie damit die berechtigte Kritik an der unsäglichen Ära Bush meinen mit all dem Porzellan, das z.B. in der islamischen Welt zerschlagen wurde, dann sind Sie Opfer Ihrer eigenen politischen Korrektheit geworden. Mit der Kritik von Konrad Hummler an der Verfolgung von Steuerflüchtlingen hat jene Kritik nämlich nichts gemeinsam Antworten
herr hummler ist wohl einer von wenigen banker besser bankier der sich noch für seine kunden einsetzt und informiert. seine berufskollgen trauen sich leider nicht die eventuellen gefahren für kunden und banken aufzuzeigen. übrigens haftet herr hummler mit seinem vermögen.deshalb ist es nur recht wie er sich verhählt. andere interssengruppen verhalten sich nicht anderst. Antworten
Wer wirklich wollte konnte genügend früh (min. 1 Jahr vor dem Crash) im TA warnende Artikel zur immer grösser werdenden US Immobilienblase lesen und sich seine eigene und ensprechende Meinung bilden. In dem Punkt irrt Herr Binswanger, aber nichts desto trotz sind seine Kommentare etwas vom Besten und Enlarvensten. Antworten
Die NZZ hat Modernisierung und Aufbau alternativer Kanäle verschlafen. Das neue Layout ist ein Reinfall. Unter den Redaktoren gärt es, der Rotstift hinterlässt tiefe Narben. Junge, gebildete Leser wandern von der NZZ ab bzw. stossen erst gar nicht dazu. In dieses Bild passt der umtriebige Privatbankier und NZZ-VR Hummler mit seinem medialen Selbstdarstellungsdrang. Schade für das Traditionsblatt! Antworten
Im Zusammenhang mit den Bilateralen gab Hummler noch den Rat, doch mit den USA statt mit Europa ein Abkommen zu schliessen, wir wären dann wie Singapur. Heute will er von den USA nichts mehr wissen. Immerhin, im Vergleich mit den vielen "Trendlaferi " aus der Ökonomie-/Anlagesszene hat Hummler ein hohen Unterhaltungswert. Antworten
Die Infragestellung der "Unabhängigkeit" der NZZ ist wirklich ok. Nur, was die heutigen "Schmuseblättchen" schreiben, ist zu oft kritiklos und hat gerade noch einen Unterhaltungswert. Mir fehlen zu Zeit die echten, tiefgehenden Analysen der früheren Jahre, wo "kein" Blatt vor den Mund genommen wurde. Nebenbei, Argumente mit ideologischen Voten wegzuräumen zeugt auch nicht von GUTEM Journalismus. Antworten
Herr Biswanger bemaengelt zu Recht die haltlosen Statements des Herrn H. Herr H. ist wahrscheinlich verbittert, vergraemt oder ihm ist sonst eine Laus ueber die Leber gekrochen. Ich finde es nicht gut wenn irgendwelche Leute, so wie er, Platz finden in den Zeitungen und den Medien ueberhaupt. Beschraenkt doch auch ihn auf 400 Zeichen und die Leserbriefkolumne. Antworten
das ist für mich investigativer journalismus. vorurteile werden in frage gestellt und weiter gedacht. tatsächlich war hummler immer mit einer allzu weissen weste aufgetreten und einer der profiteure der krise. ich gratuliere ihnen herr biswanger, der artikel war sehr erhellend und trotzdem anspruchsvoll. solche journalisten braucht die schweiz! Antworten
Hummler und seine Glaubensbrüder haben die Argumente für mehr Nachhaltigkeit vor vier Jahren nicht verstanden, und sie werden sie auch in Zukunft nicht verstehen. Jetzt geht es ihnen darum, die eigenen Pfründe, den Status quo ante, über die Krise hinweg zu retten. Die selben Leute, die uns in diese Krise geritten haben, erheben den Anspruch, uns aus ihr heraus zu führen. Und wir lassen es zu. Antworten
Die Rolle Hummlers in der NZZ ist mehr als fragwürdig, sei es als Verwaltungsrat oder Autor. Sein letzter Ausfall gegen die USA ist nichts als billige Polemik, deren Motivation überdeutlich ist. Die NZZ als Hummlers Plattform, das ist erschreckend. Binswangers Analyse ist zutreffend. Bedauerlich, dass die NZZ so ihre wertvolle Unabhängigkeit und journalistische Distanz verliert. Antworten
Herr Binswanger behauptete vor ca. einem halben Jahr, dass es durch die Weiterführung der Personenfreizügigkeit zu keiner Masseneinwanderung in die Schweiz kommen werde und dass die Einwanderung während der Rezession sowieso abnehmen werde. Dies ist der Irrtum des Herrn Binswanger! Antworten
D. Binswanger sieht es richtig. Und er hat es nicht nur jetzt richtig gesehen, sondern auch vorher. Nur was einen Hummler angeht, so muss man verstehen, er sieht den Untergang der Schweiz, wenn das Bankgeheimnis nicht mehr so ist wie es ist. Ich kann ihn beruhigen, die Schweiz hat so gebildete Leute, dass man auch ohne Steuerbetrug leben kann. Wie würde Obama sagen: "Just believe it" Antworten
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Alfred Joder
Trifft auch meine Meinung. Könnte eine Spur weniger zurückhaltend formuliert sein. Hummler ist auch nicht gerade zimperlich. Ich frage mich nur, was für ein Echo ein Hummler in der schweizerischen Wirtschaft erzeugt. Antworten