Die Entschuldigung der Familie Steinbrück
Sein Vertrag wurde diese Woche um drei Jahre verlängert. Josef Ackermann (61) bleibt damit voraussichtlich bis 2013 Chef der Deutschen Bank. Schon seit 2002 steht der Schweizer an der Konzernspitze des grössten deutschen Bankhauses. Er war heuer im Gespräch als Präsident der UBS, doch die Sache hat sich zerschlagen. Die Deutsche Bank ist etwa gleich gross wie die UBS – gemessen an der Zahl der Mitarbeiter (knapp 80000) ebenso wie am aktuellen Börsenwert (40 bis 45 Milliarden Franken). Die Deutsche Bank ist aber bisher deutlich besser durch die Finanzkrise gekommen als die UBS und ähnlich passabel wie die Credit Suisse: Auch die Deutsche Bank erlitt letztes Jahr zwar Milliardenabschreiber, doch auf Staatshilfe konnte sie verzichten, und in der ersten Hälfte des laufenden Jahres erzielte sie wieder satte Gewinne.
Josef Ackermann sprach gestern Abend vor 500 Zuhörern in Zürich auf Einladung des deutschen Wochenblattes «Die Zeit» über seine Erfahrungen als Schweizer in Deutschland, über das Verhältnis der beiden Länder und über die Finanzkrise. Hier zunächst die gute Nachricht des Abends: Deutschlands Finanzminister Peer Steinbrück ist gar nicht so schlimm, wie manche Schweizer aufgrund einiger markiger Sprüche glauben. «Wenn man vernünftig im kleinen Kreis spricht, tönt das viel differenzierter», verrät Ackermann. Will heissen: viel differenzierter als die Indianer-Sprüche vor den Mikrofonen.
Ferien in der Schweiz
Ackermanns Botschaft: Steinbrück ist kein Feind der Schweiz. Ein Verwandter von Steinbrück, so Ackermann weiter, habe sich beim Schweizer Bankchef im Namen der Familie für öffentliche Äusserungen über die Schweiz entschuldigt – um anzufügen, dass «Steinbrück die Schweiz liebt und dort oft seinen Urlaub verbringt». Überhaupt sei die Schweiz in Deutschland sehr gut angesehen, schiebt Ackermann nach.
Der Chef der Deutschen Bank äussert auch diplomatisch Verständnis für die markigen Sprüche des Finanzministers. Erstens sei Steinbrück Norddeutscher – und diese seien nun mal noch direkter als die Süddeutschen. Zweitens sei er im Wahlkampf. Drittens sei als Folge der Finanzkrise die Verärgerung über die Banken gross – und deshalb komme im Publikum die Jagd der Politiker auf Sündenböcke wie zum Beispiel Steueroasen, Hedge-Fonds oder Investment-Banker einfach gut an. Leute in exponierten Positionen seien zudem «wahnsinnig unter Druck» sowie «ständig unter Beobachtung», ergänzt der Bankchef: Da könne schon ein Halbsatz, selbst wenn er nicht mal ganz ernst gemeint sei, von Nachrichtenagenturen aufgeschnappt werden und innert Minuten um die Welt gehen.
Ackermann, Symbol des Kapitalismus
Ackermann weiss, wovon er sprich: Einige seiner Sätze und Gesten – ob ernst gemeint oder nicht – sind in den letzten Jahren um die Welt oder mindestens um Deutschland gegangen und haben ihm heftige Kritik eingebracht. Ob er in Deutschland anerkannt sei, wollte Ackermann gestern nicht direkt beantworten. Bekannt sei er auf jeden Fall: «70 Prozent kennen mich.» Mit Kritik muss einer wie er auch leben können, so schiebt er nach: «Man ist eben das Symbol der Managergehälter, der Finanzkrise oder der Globalisierung.»
Und wie ist das nun mit der Krise: Ist das Schlimmste vorüber, wie manche Fachleute zu glauben beginnen? «Die Krise ist nicht vorüber», sagt Ackermann. Es sei zwar möglich, dass die Wirtschaft in den Industrieländern nächstes Jahr wieder leicht zu wachsen beginne: «Doch wenn die Wirtschaft um 1 Prozent wächst, vorher aber um 6 Prozent geschrumpft ist, liegt sie immer noch 5 Prozent unter dem früheren Niveau.» Die Arbeitslosigkeit und die Kreditabschreiber für die Banken dürften auch nächstes Jahr weiter steigen, mutmasst Ackermann.
Nun die Kreditausfälle
Diese Krise sei nicht als «Tsunami» gekommen, nicht als grosse Welle, betont der Bankchef. Vielmehr sei sie «eine Serie von Erdbeben mit immer wechselnden Epizentren». Und dann wechselt er wieder ins Wellenbild: «Die nächste Welle sind die Kreditausfälle.» Dabei würden auch Banken getroffen, die bisher weitgehend verschont geblieben seien.
Noch eine Frage des gestrigen Abends: Wie schlimm ist denn nun die Zunft der Investment-Banker? Damit sind jene Bankspezialisten gemeint, welche Wertpapiere an die Börse bringen, mit solchen Papieren täglich handeln, komplizierte Finanzprodukte aushecken und grosse Firmenfusionen einfädeln. Das stark angelsächsisch geprägte Investmentbanking hat bei vielen Grossbanken in der Krise die grossen Verluste produziert, war dieses Jahr bei einigen Instituten aber bereits wieder sehr rentabel. Ackermann sah sich gestern mit einem Zitat des früheren deutschen Bundeskanzlers Helmut Schmidt konfrontiert, welcher Investment-Banker als legalisierte Übeltäter bezeichnet hatte.
In die Ecke der Unmoral
Der Deutsche-Bank-Chef wollte dies selbstredend nicht gelten lassen: Ihn störe es, wenn Leute pauschal eine Berufsgruppe einfach in die Ecke der Unmoralität stellten. Diese Banker arbeiteten viel und täten dabei Gutes, sagt der Bankchef: «Wir hätten keine Finanzierung der Schwellenländer ohne Investment-Banker.» Und: «Wir hätten keine Finanzierung von Grossprojekten in der Welt ohne die Kapitalmärkte.» (Der Bund)
Erstellt: 31.07.2009, 09:22 Uhr
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