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«Der meistgehasste Mensch in ganz Amerika»

Von Peter Nonnenmacher, London. Aktualisiert am 16.06.2010 9 Kommentare

Die BP-Chefs sind in Washington vorgeladen. Das Deepwater-Horizon-Desaster und ihre Katastrophenpolitik haben den Ölkonzern in Schwierigkeiten gebracht.

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Auf diese Einladung hätten Carl-Henric Svanberg und Tony Hayward gern verzichtet. Sie kommt mehr einer Vorladung gleich als der höflichen Bitte um Präsenz: Die beiden BP-Bosse müssen heute im Weissen Haus in Washington «vortanzen». Tags darauf hat Hayward einem Sonderausschuss auf Capitol Hill Rede und Antwort zu stehen. Das Verhör wird live in alle Welt übertragen.

Dass er persönlich bei dieser Grillparty am Spiess stecken wird – darüber macht sich der britische Gast keine Illusionen. Nicht nur Kongressmitglieder würden liebend gern in die Flammen blasen, über denen er schmort. Der 53-jährige Generaldirektor eines Konzerns, der von vielen Amerikanern nun wieder bei seinem alten Namen «British Petroleum» genannt wird, ist sich bewusst, dass er in den USA derzeit als Staatsfeind Nummer eins gilt.

«Meistgehasster Mensch in ganz Amerika»

Als den «meistgehassten und beschränktesten Menschen in ganz Amerika» hat ihn die «New York Daily News» beschrieben. Als brennenden Popanz oder als Gefangenen im Sträflingsgewand tragen Demonstranten sein Konterfei vor sich her. Erst vor ein paar Tagen hat er, aus Angst vor tätlichen Übergriffen, um Extraschutz für seine Familie gebeten. Die Wogen der Wut könnten plötzlich überschwappen.

Die Feindseligkeit eingetragen hat ihm das Deepwater-Horizon-Desaster im Golf von Mexiko – und vor allem der erbärmliche Umgang von BP (BPAM 5.1 -0.10%) mit der Katastrophe. Dass sich der braune Schlamm vor der amerikanischen Ostküste seit acht Wochen täglich um mehrere Zehntausend Fass vermehrt, hat den kleinen Geologen auf dem Chefsessel des Petroleumriesen in den Rang eines Umwelt-Schwerverbrechers erhoben, dem immer weniger mildernde Umstände zugebilligt werden.

Die Katastrophe kleingeredet

Hayward selbst ist an dieser Situation nicht unschuldig. Sein anfänglicher Versuch, die Katastrophe anderen in die Schuhe zu schieben, hat die Empörung erst so richtig angefacht. Danach hat er die absehbaren Folgen für Umwelt und Bevölkerung der Küstenstaaten heruntergespielt. Diese Folgen seien als «sehr, sehr gering» einzuschätzen, sagte Hayward. Gemessen am Volumen der Weltmeere sei die ausgeflossene Ölmenge geradezu «winzig» – praktisch ein Tropfen im weiten Ozean.

Den Betroffenen kamen solche Bemerkungen reichlich unverfroren vor. Die anfänglichen Schätzungen der Ausstossmenge nach dem Unglück vom 20. April erwiesen sich als viel zu niedrig. Sie mussten aufs Achtfache revidiert werden. Komplett überzogen war hingegen Haywards zur Schau gestellte Zuversicht, die Sache schnell «in den Griff» zu bekommen. Keiner der Abdichtungsversuche des Öllecks hatte den erhofften umfassenden Erfolg. Als längst alle Alarmglocken schrillten, verlor Hayward dann auch noch die elf Toten auf der explodierten Bohrinsel und die Existenzangst von Zehntausenden amerikanischer Bürger aus dem Blick. Genervt von all dem Rummel und den Anfeindungen, erklärte er unwirsch: «Ich will mein Leben zurückhaben.»

Schnell produzierte Werbestreifen

Diese Bemerkung schadete ihm mehr als alles andere. Belastend für BP kam hinzu, dass der Konzern die amerikanische Nation in der Krise nicht in der erforderlichen Weise ansprechen konnte. British Petroleum wartete fast nur mit britischen Stimmen auf. Es gibt nur wenige Amerikaner an der Firmenspitze oder im PR-Apparat – und nur unzureichende Kontakte ins US-Establishment.

Hayward selbst trat in schnell produzierten Werbestreifen für BP auf und machte sich damit noch unbeliebter. Bald sagten grollende BP-Kritiker, wann immer man einen «britischen Akzent» die Krise erklären höre, könne man sicher sein, «belogen» zu werden. Mit den in Grossbritannien üblichen Understatements und Spässchen zur Selbstaufmunterung machte sich Hayward in Amerika jedenfalls keine Freunde. Dem seinerseits bedrängten US-Präsidenten gaben die Ressentiments Gelegenheit, dem Schurken des Stücks ein paar Extrahiebe zu versetzen. Unter den eigenen Mitarbeitern würde er einen wie Hayward gewiss nicht dulden, erklärte Barack Obama. Und: Es sei Zeit, «ein paar Leuten in den Hintern zu treten» bei British Petroleum.

Transatlantische Verstimmung

Mit Obamas harschen Worten und mit rasch wachsenden Schadenersatzforderungen ist in den letzten Tagen eine neue Situation entstanden an der Deepwater-Front. Zum einen hat die Krise eine transatlantische Dimension gewonnen, seit sich britische Politiker und Wirtschaftskapitäne zur Reaktion genötigt fühlten. Zum andern sieht nun BP seine eigene Existenz bedroht.

Ein dramatischer Einbruch des BP-Aktienwertes um fast die Hälfte seit Beginn der Katastrophe und die stetig wachsenden Ansprüche an das Unternehmen haben ernste Fragen nach der finanziellen Belastbarkeit von BP laut werden lassen. Am Montag dieser Woche musste sich das BP-Direktorium Gedanken machen über die von Washington geforderte Aussetzung oder gar Streichung der anstehenden Quartalsausschüttung – in einer Höhe von vermutlich 2,5 Milliarden Dollar.

Kein Einkommen

Unter anderem ist nun von der Einrichtung einer Reparationskasse die Rede, in die BP gleich mal 20 Milliarden Dollar als Garantiesumme einlegen soll. Die Angelegenheit dürfte heute in Washington Gesprächsthema zwischen Obama, Hayward und dem bislang äusserst publikumsscheuen Verwaltungsratsvorsitzenden Svanberg sein (der nach Ausbruch der Krise erst einmal in die Ferien fuhr). Die US-Regierung fordert nicht nur Geld für die Säuberung, sondern auch Entschädigung für den Arbeitsausfall all der Fischer, Restaurantbesitzer und Hoteliers an der Küste sowie der Ölarbeiter, die wegen des von Obama verhängten sechsmonatigen Bohrstopps kein Einkommen mehr haben.

Die auf BP zukommende Gesamtsumme für Schadenersatz, Prozessgebühren und mögliche Konventionalstrafen wird schon jetzt auf rund 35 Milliarden Dollar hochgerechnet. Skeptiker halten sogar 100 Milliarden nicht mehr für ausgeschlossen. Im Mai, als nur ein Bruchteil dieser Summe zur Debatte stand, hatte Tony Hayward noch versichert, dass BP «selbstverständlich» über das erforderliche Geld verfüge, um den durch seine Tiefseebohrungen angerichteten Schaden wiedergutzumachen. Mit einem Jahresumsatz von 240 Milliarden Dollar und einem letztjährigen Gewinn von 26 Milliarden glaubte das viertgrösste Unternehmen der Welt, mit weiterhin sprudelnden Einnahmequellen in aller Herren Ländern das nötige Kapital für «unvorhergesehene Auslagen» in Milliardenhöhe zu haben.

Unermessliche Forderungen

Auch die nunmehr geforderte 20-Milliarden-Kasse hofft BP noch bereitstellen zu können. Wenn aber die «Auslagen» ins Unermessliche wüchsen, käme selbst ein Riese wie BP ins Wanken. Energie-Analysten warnen schon, dass das Ganze, je länger die Katastrophe anhält, «gefährlich» werden könne für BP. Gefahr drohe dem Konzern, wenn das Öl über den Sommer hinaus sprudle und gleichzeitig der Kapitalfluss zur Bezahlung der Strafsumme nicht mehr ausreiche und die Aufnahme von Krediten ein Problem werde.

Drei Möglichkeiten sieht man in der Londoner City für einen solchen «Fall der Fälle» voraus: die Abtrennung des amerikanischen BP-Zweigs vom Rest des Konzerns; die Übernahme durch eine Rivalin wie Exxon oder Shell; oder den Weg in den Konkurs. Es wäre, so oder so, ein schmähliches Ende für den 101 Jahre alten Ölgiganten, der bis vor kurzem noch als Gradmesser britischen Erfolgs galt – und der nun einer geplatzten Rohrleitung zum Opfer fallen könnte.

Nicht mehr sehr «britisch»

Rentenfonds, Versicherungen und andere Grossinvestoren verfolgen das Debakel mit besonderer Sorge. Auf das Wachstum von BP, unabhängig von allen Risiken in den Meerestiefen, haben namhafte Fonds in aller Welt vertraut. Ein Siebtel aller Gelder, die an britische Rentenfonds fliessen, kommen zum Beispiel aus dem Topf von BP. Aber auch anderswo haben Rentenfonds in den mächtigen Ölkonzern investiert.

40 Prozent der normalen BP-Dividende werden in den USA ausbezahlt, wo BP ein Viertel seiner gesamten Produktion, ein Drittel seiner Reserven und mehr als die Hälfte seiner Raffinerien und Tankstellen hat. Sehr «britisch» ist British Petroleum im Grunde schon lange nicht mehr. Selbst das Aktienkapital von BP ist mittlerweile zu einem grösseren Anteil amerikanisch (37 Prozent) als britisch (31 Prozent).

Briten fühlen sich angegriffen

Ausgerechnet an der Frage des Nationalcharakters der Firma, die einmal mit imperialem Stolz als «Anglo-Persische Öl-Kompanie» begann, ist nun ein heftiger Streit entbrannt. Der Druck aus Washington führte an der Themse zu scharfen Widerworten. Londons Tory-Bürgermeister Boris Johnson verbat sich die «antibritische Rhetorik» und die «endlosen Beschuldigungen und Beleidigungen». Der frühere Tory-Minister Lord Tebbit warf Obama «bigottes, fremdenfeindliches» Verhalten vor.

Der konservative Abgeordnete Richard Ottoway, immerhin Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses im Unterhaus, forderte den US-Präsidenten sogar auf, sich aus den «Angelegenheiten eines internationalen ausländischen Konzerns» gefälligst «herauszuhalten». Sein Parteikollege Douglas Carswell hingegen erinnerte die eigene Regierung daran, dass die Amerikaner es mit «Umweltvandalismus» zu tun hätten: «Wir dürfen uns jetzt nicht unsererseits in eine Fahne hüllen.»

Schnellkurs für Auftritt vor US-Kongress

Ungeachtet der Forderung mehrerer Tory-Blätter, im Streit um BP endlich «für unser Land Position zu beziehen» («Daily Mail») und sich «hinter BP zu stellen» («Daily Telegraph»), beschloss Premierminister David Cameron, dem Rat Carswells zu folgen und Streit mit Obama zu vermeiden. Er habe «volles Verständnis» für die Empörung in den USA über die Umweltkatastrophe, meinte Cameron. Präsident Obama, fügte er hinzu, wisse «die wirtschaftliche Bedeutung von BP» zu schätzen und wolle sie «in keiner Weise gefährden».

Ganz so sicher sind sich nicht alle Beteiligten in Grossbritannien, dass ihre Wertschätzung garantiert ist. Tony Hayward jedenfalls hat vorsichtshalber einen Schnellkurs in Sachen «Auftritt vor dem US-Kongress» absolviert – bevor er am Donnerstag gegrillt wird.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.06.2010, 07:00 Uhr

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9 Kommentare

Daniel Jaggi

16.06.2010, 07:17 Uhr
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Das Oel brauchen wir in Massen, egal woher es kommt! Aber wenns eine Katastrophe gibt, suchen sich die Menschen ein Opfer aus, dass sie anklagen und am liebsten hängen würden. Sicher ist, dass da nicht ein einzelner schuldig ist, sondern wir alle, mit unserer unendlichen Gier und Dummheit. Antworten


Sonja Maier

16.06.2010, 12:20 Uhr
Melden

Was mich überrascht: Ist denn BP die einzige Firma, die über das nötige Know How bezüglich Offshore-Bohrungen verfügt? Warum verlässt man sich bei der Bewältigung dieser Katastrophe, die so langsam globale Ausmasse annimmt, auf die Kompetenz des (offenbar inkompetenten) Verursachers, statt eine Task Force aus Fachleuten aller Richtungen zu bilden? Antworten



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