Wirtschaft
Der irre Vorschlag eines gefeierten Ökonomen
Aktualisiert am 25.01.2010 29 Kommentare
«Das Potenzial ist gross»: Paul Romer über die Charter Cities.
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Paul Romer – gemäss «Time»-Magazin gehört er zu den 25 einflussreichsten Menschen der USA – macht mit einem ungewöhnlichen Projekt von sich Reden. Das Ziel des US-Ökonomen ist nichts geringeres, als die Rettung der Dritten Welt. Er will in Elendsstaaten die Armut bekämpfen und die Lebensqualität erhöhen. «Ich bin mir nicht sicher, ob ich erfolgreich sein werde, aber das Potenzial ist so gross, dass ich an nichts lieber arbeiten möchte», sagt er gegenüber «Spiegel Online».
Sein Plan: Westliche Staaten sollen in Entwicklungsländern neue Städte gründen und dort auch gleich die Verwaltung übernehmen. Als Vorbild dient dem Wissenschaftler der Wirtschaftsboom in Hongkong. In sogenannten Charter Cities sollen Lebensräume und Arbeitsplätze für Millionen von Menschen geschaffen werden, die heute in Armut leben.
In Hongkong habe es funktioniert: Bis 1997 war die Stadt eine britische Kronkolonie und entwickelte sie sich zu einem der bedeutendsten Handelshäfen der Welt. Ganz China profitierte davon. «Hongkong war vermutlich das erfolgreichste Entwicklungsprogramm in der Geschichte der Menschheit», sagt Romer.
Geld, Gesetze, Baupläne
Und so soll es ablaufen: Ein Entwicklungsland stellt eine unbesiedelte Fläche zur Verfügung. Der Industriestaat bringt Geld, Gesetze, Baupläne und Grenzwächter. Wenn die politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen stimmen, kommt der Aufschwung wie von selbst. Die Investitionskosten sind günstig, und die Rechtssicherheit hoch. Konzerne trauen sich so eher, ihr Geld in Entwicklungsländer zu bringen. Es gibt keine korrupten Beamten und es winken hohe Renditen. Menschen, Waren und Geld strömen auf das leere Stück Land, so die Idee.
Für Romer eignen sich als Kontrollstaaten eher Länder mit nur wenig kolonialer Vergangenheit. So könnte er sich Deutschland als Garantiemacht vorstellen, wie er dem «Spiegel Online» verrät. Gemessen an Romers Kriterien käme auch die Schweiz in Frage. Allerdings wäre es wohl mit dem hiesigen Neutralitätspostulat nicht vereinbar.
Sonderzone in Kenya
Als Land, das sich für eine Charter City besonders eignet, bezeichent Paul Romer in einem Interview mit dem Wirtschaftsmagazin «Brand eins» Kenya. Dort sei es wegen der instabilen politischen Verhältnisse praktisch unmöglich, ein ausländisches Unternehmen anzuwerben, das eine langfristige Investition tätige. «Um zu moderner Infrastruktur zu kommen, müssen die Bürger Kenias heute auswandern. Die neue Option ist die: Nimm ein unbewohntes Stück Land in Kenya und richte eine Sonderzone ein, bei der ausländische Regierungen als Garantiemacht dienen.»
Magatte Wade, eine erfolgreiche US-Unternehmerin aus dem Senegal, hält Romers Idee keineswegs für Spinnerei. Der «Financial Times Deutschland» sagt sie: «Wirtschaftlich würde das bei uns einschlagen wie eine Bombe.» Wades ist politisch einflussreich, sie arbeitet mit der senegalesischen Präsidentengattin in einer Stiftung für Gesundheits- und Bildungsfragen zusammen. Im Detail ist sie von Romers Konzept aber gemäss «FTD» noch nicht überzeugt: Nur das Wirtschaftsrecht dürfe aus dem Ausland stammen, Straf- und Familienrecht müssten aus dem Gastland übernommen werden.
«Zutiefst undemokratisch»
Doch nicht alle sind für das Projekt des US-Ökonoms zu begeistern. Steffen Angenendt, Migrationsexperte bei der Stiftung Wissenschaft und Politik sagt gegenüber «Spiegel Online»: «Das sieht sehr nach einer Art Entwicklungsdiktatur aus. Der Plan ist zutiefst undemokratisch.» Und es stimmt: Demokratisch soll es in den Reissbrettmetropolen nicht zugehen. Die Bewohner dürfen anfangs nur mit den Füssen abstimmen.
Romer weist den Vorwurf des Neokolonialismus zurück: Zum einen geben die armen Länder ihre Flächen freiwillig in die Hand der Industriestaaten. Zum anderen würde ja niemand gezwungen, in die Stadt zu ziehen. Gegenüber «Brand eins» sagt Romer: «Kolonialismus zeichnet sich durch Verachtung aus – eine Gruppe Menschen glaubte zu wissen, was gut für die anderen sei. Charter Citys schreiben keiner Seite etwas vor, sondern lassen den Leuten die Wahl, in eine neue Stadt zu ziehen und neue Regeln auszuprobieren.»
Paul Romer lässt sich nicht beirren und arbeitet weiter an der Verwirklichung seiner Utopie. Er bespricht sich mit anderen Wissenschaftlern und Politikern. Zehn Leute arbeiten bereits in seinem Team. (bru)
Erstellt: 25.01.2010, 11:17 Uhr
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29 Kommentare
Es lebe die Sklaverei: ich nehme mir ein Stück Land und Du darfst nur herein, wenn Du für MICH arbeitest und Dich so aufführst, wie ICH das will!! Das ist doch die neue Realität des Geschäftes und Missionierungsgedankens. Müssen denn alle so denken, wie die westlichen "Demokratien"?? Was wird denn aus der Kulturellen Vielfalt der Völker? Das ist neuer Kolonialismus!! Antworten
Welche Anreize sollten den die reichen Länder dazu animieren solche Charter Cities zu gründen? Wohl vorallem die tieferen Löhne? Aber dann würden sie ja den eigenen Arbeitnehmern die Arbeit wegnehmen? Kolonialreiche die auf Ungleichheit basieren würden auch die demokratische Gleichheit der westlichen Länder unterminieren. Wollen wir das wirklich? Antworten
Das Rezept gibt es seit über 100 Jahren. Die Schaffung von Arbeit und die Entwicklung einer Arbeitskultur sind die Key-Kicks. Geberländer werden dadurch Pächter im Fremden Land und zahlen der noch unterentwickelten Regierung einen Pachtzins. Fachkräfte jeder Richtung von einer entwickelten Kultur liefern vor Ort allein mit ihrem Wirken einem enormen Entwicklungsschub, kulturell u sozioökonomisch. Antworten
Der Plan stimmt. Ausführend müsste die UNO sein. Welche auch auf Vordermann gebracht werden muss, aber von allen schlechten Varianten immer noch die grösste Legitimität hat. Weiterhin gibt es EINE, VIEL günstigere Option mit unmittelbarem Erfolgspotential: Die Sofortige Aufhebung der Agrarkontrollen und -subventionen in der OECD. Damit kommen die armen Länder endlich zu einem Markt. Antworten
Warum soll das denn so irre sein? Die bisherigen Anstrengungen im Bereich Entwicklungshilfe haben einen ganz schlechten Effizienzgrad. Profitiert haben vorwiegend die diktatorischen Führungsschichten und die Sozialindustrie in den Geberländern. Vor allem die sind an der Fortsetzung der Hilfen in bisheriger Art interessiert. Paul Romer setzt einen Kontrapunkt, der sicher geprüft werden muss. Antworten
Haben wir in den vergangenen Jahrzehnten in diesen armen Ländern etwas falsch gemacht?Ja. wir haben sie schamlos ausgebeutet und auch noch Gehilfen in diesen Ländern etabliert.Nun, da wir selber auf angesägten Ästen sitzen soll investiert werden.Wittern da einige gierige Zeitgenossen wieder neue Geschäfte für uns, man will ja wohl nicht Hilfe leisten.Die Chinesen sind ja schon längst vertreten! Antworten
Etwas Gutes hat die Idee schon. Das Problem ist, dass lokale Politiker viel korrumpierbarer sind (oder um es netter auszudrücken: sie vertreten Spezialinteressen). Vielleicht sollte das die Schweiz auch mal versuchen. Rekrutieren wir den Bundesrat aus dem Ausland! Das Parlament kann dann die besten Leute wählen und müssen nicht Angst haben, dass sie ihnen als Politiker die Show stehlen. Antworten
Eine grossartige Vision. Wie so manche Vision leider kaum vollkommen, aber dennoch wegweisend. Alleine das bedenkenswerte Gegenargument des Migrationsexperten - die Idee sei zutiefst undemokratisch - zeigt ein Spannungsfeld auf, das endlich einmal angesprochen wird: Arm, krank, korrupt, beherrscht von mächtigen Banden, Firmen und Personen, aber politisch "demokratisch" - das ist die Gegenwart! Antworten
Leider gehts es weder um Armut noch die Menschen denen man helfen will, sonderen um den Profitgedanke. Klar gibt es in der Dritten Welt ein riesiges Potential an Menschen denen man einmal Handys, Computer, Autos und Elektronikmüll verkaufen kann. Nach China und Indien wäre das der nächste Markt. Wenn Herr Romer die Welt weiterbringen will, sollte er besser ökolgisch statt ökonomisch denken. Antworten
Schöner Traum. Würde funktionieren wenn der Mensch nicht wäre. Wer die eigene Infrastruktur nicht mehr im Griff hat, bringt auch auf fremden Territorium nichts zu stande. Das war einmal. Gier hier und Gier da. Ohne Unterdrückung, Uebervorteilung, Schmiergeldern etc. läuft da eh nichts. Würden sie z.B. USA Land verkaufen oder verpachten, das heute noch kein wirtschaftlich rentables Auto bauen kann Antworten
Vor allem in Schwarzafrika sind die linken Phantstereien von "Befreiung" gescheitert. Der Kontinent wird über kurz oder lang aus humanitären Gründen neu kolonisiert. Aktuell passiert das gerade mit Haiti. Man wird natürlich ein politisch korrektes Wort gebrauchen und nicht von "Kolonien" reden. Antworten
Schon die erste Annahme (ein Entwicklungsland stellt eine unbesiedelte Fläche zur Verfügung) ist ein No-Go. Dass gewisse Landflächen nach tausenden Jahren menschlcher Siedlungstätigkeit leer geblieben sind wird sehr wohl gute Gründe haben u.a. Wassermangel, Transportschwierigkeiten, Naturgefahren, Epidemien, usw. Hong Kong hatte keine dieser Nachteile, und ist deshalb ein trügerischer Erfolg. Antworten
Freiwillig? Das ich nicht lache. Mit welcher Alternative? Das ist eine absolute Frechheit und darf nie realisiert werden. Die meisten Ländern wurden von den Industriestaaten und ihren Rettungs- und Hilfsprogrammen entweder ausgebeutet oder trotz bestem Willen noch mehr ins Unglück getrieben. Antworten
ob nun HK wirklich so eine "erfolgsgeschichte" ist, müsste man doch etwas genauer untersuchen (wie ist erfolg definiert, in welchen sektoren, unter welchen bedingungen)--lassen sie sich von der postkartenidylle der skyline nicht täuschen--und wenn sie glauben dass es der mehrheit in HK gut gehe (so vergleichsweise CH), dann irren sie gewaltig Antworten
Ist ja nur ein Vorschlag. Ein tatsächlich irrer. Man muss sich vorstellen, wie das zu organisieren und zu finanzieren wäre und vor allem, was dann dort (billig) zusätzlich produziert werden soll und angeblich Millionen Arbeitsplätze schafft?. Kommt mir eher als die Utopie der Weltregierung vor, Reservate zu schaffen mit der Idee, die Weltbevölkerung auf max. 500 - 800 Mio zu reduzieren. ENDGAME. Antworten
Ich schliesse mich klar den Befürwortern an, eine brilliante Idee! Umsetzung ist sicher schwierig, z.b. ein Fragezeichen, wie reagiert die Bevölkerung darauf welche nicht am wirtschaftlichen Aufschwung partizipieren kann? Man kann dann die Stadt dann ja nicht für alle öffnen!? Aber die Idee ist sicher einige Versuche wert und hat ev. sogar Win-Win Potenzial! Denn, schlimmer kann es kaum werden... Antworten
Sehr interessante und prüfenswerte Idee. Immerhin ist Hong Kong eine der grössten Erfolgsgeschichten der Menschheit. Einen oder mehrere Versuche wäre es sicher wert! Übrigens: Die Kritiker unter den Kommentatoren scheinen grösstenteils gar nicht den ganzen Artikel gelesen zu haben... Antworten
Wirklich eine brilliante Idee! Es kann aber wohl nur dann funktionieren, wenn keine Kompromisse gemacht werden: Ein leeres Stück Land, keine Gesetze vom Entwicklungsland übernehmen, das Etwicklungsland darf keinen Einfluss haben - muss 100%ige Unabhängikeit garantieren, gesicherte Grenzen, demokratischer Aufbau, steuerliche Abgaben an das Entwicklungsland. Eine tolle Vision => winwin Antworten
Die Idee ist sehr gut.Und man kann gleich mit Haiti anfangen!Und wenn man in 10 Jahren erfolgreich war mit dem Modell,nimmt man sich ein afrikanisches Land nach dem andern vor,und trocknet das "Family-Business" der Regierungs Clans aus.Es gibt einen Haken an dem visonären Plan!Die NGO's werden sich mit Händen und Füssen dagegen wehren,ihnen wird die Existensgrundlage (hungernde Menschen)entzogen. Antworten
Wie man einen solch unausgegorenen Unsinn von sich geben kann, ist mir schleierhaft. Man kann fremde Systeme nicht mit ferngesteuertem Kolonialismus aufzwingen - und Probleme von Entwicklungsländern auf Verwaltungsaufgaben reduzieren. Zudem sind ja gerade die ehemals kolonialisierten Drittweltländer heute die ärmsten. China viele andere Tigerstaaten zeigen, dass es andere eigenbestimmte Wege gibt. Antworten
Ähnliche Ideen hatten meine Mitarbeiter und ich auch schon. Aus Sicht der Architekten wäre eine solche Entwicklung natürlich sehr wünschenswert. Ich bin mir sicher, dass die Zukunft solche Tendenzen aufweist. Ob nun mit "Charter Cities" oder mit sonstigen Investitionen aus dem Westen. Man könnte Haiti als Forschungsobjekt benutzen und zeigen was sich mit westlicher Hilfe alles machen liesse. Antworten
Die Idee ist brillant. Ich finde, dass das Recht der Gastländer überhaupt nicht gelten sollte: Alles zeigt ja, dass es nicht viel taugt. Aber innerhalb dieser Sonderzonen könnte sich das Recht demokratisch (sogar direkt so) entwickeln und so auch diesbezüglich wertvollen Erfahrungeswerten liefern. Ganz sicher einen Versuch wert! Antworten
Gute Idee! Ich selber habe 30 Jahre in Afrika gelebt: Es braucht leider Gottes den "weissen Mann". Dann geht was. Hauptproblem: Korruption, Umgehen der Gesetze -> es können einfach keine wirtschaftsfreundliche Rahmenbedingungen entstehen. Dafür braucht es den weissen Mann. Dann kann Wohlstand entstehen. Dann geht es allen besser. Sehr richtig erkannt Hr. Romer! Antworten
Paul Romer wusste schon immer was in der Welt los war: In einem Forschungsseminar in Harvard behaupte er, dass die Schweizer deshalb so friedlich sein, weil in der Schweiz keine Filme mit brutalen Handlungen gezeigt werden dürfen, z.B. Cliffhanger mit Sylvester Stallone. :-D Antworten







Nick Schaefer
@Arnet: Das ist keine Sklaverei. Die Menschen haben die Wahl. Sie flüchten eher aus der Sklaverei. Ansonsten wäre das Arbeiten bei Nestlé oder UBS auch nur die reine Sklaverei. Diese Sonderzonen sind für die Betroffenen allemal besser als das Dasein von "Boat People" auf Malta oder Sizilien. Es kann nicht falsch sein, diesen Menschen ein geregeltes Leben in angestammter Erde zu ermöglichen. Antworten