Wirtschaft

Der coole, wortkarge Unbekannte

Von Hans Leyendecker. Aktualisiert am 18.07.2010

Anders als in ähnlichen Fällen ist es dem Verkäufer der CD mit Daten von deutschen Kunden der Credit Suisse bis heute gelungen, seine Identität zu verbergen. Einige Details über ihn sind aber bekannt.

Im Frühjahr 2008 gab es viel Aufregung um Steuersünder, deren Schwarzgeldkonten bei der Vaduzer LGT Treuhand, einer Tochter der fürstlichen Landesbank, aufgeflogen waren. Ausgelöst hatte die Affäre der untreue frühere LGT-Mitarbeiter Heinrich Kieber, der eine CD mit den Daten deutscher LGT-Kunden für 4,2 Millionen Euro an deutsche Steuerbehörden verkauft hatte.

Ausgerechnet zu dem Zeitpunkt, als das Landesgericht des Fürstentums Liechtenstein einen internationalen Haftbefehl gegen Kieber erliess und Steckbriefe mit dem Hinweis «kaukasischer Typ» aushängen liess, meldete sich ein Informant telefonisch bei Steuerfahndern im Rheinland. Er erkundigte sich, ob die Ermittler auch an internen Daten deutscher Kunden von Credit Suisse (CSGN 23.48 -3.57%) interessiert seien. Es kam zu einem Treffen, irgendwo in Nordrhein-Westfalen. Drei Monate später übergab er die ersten Proben. Ende Februar 2010 verkaufte er für 2,5 Millionen Euro eine CD an deutsche Steuerfahnder.

Die Wut ist gross

Inzwischen ermitteln mehr als ein Dutzend Staatsanwaltschaften in Deutschland gegen mehr als 1100 Kunden von Credit Suisse wegen Verdachts der Steuerhinterziehung, und in diesen Tagen wurden Filialen des Geldinstituts heimgesucht. Ziel der Razzien: Belege für die Beihilfe von Schweizer Bankern zu finden. Die Wut in der Schweiz auf den «Datendieb» genannten Lieferanten ist gross. Seit Februar führt die Bundesanwaltschaft gegen ihn ein gerichtspolizeiliches Ermittlungsverfahren wegen Verdachts auf Wirtschaftsspionage. Das Verfahren läuft gegen Unbekannt, weil selbst ausgewiesene Spürnasen nicht herausfanden, wer die Daten den Deutschen geliefert hat. Die Bundesanwaltschaft hat mehrere Rechtshilfebegehren an deutsche Bundesländer gestellt. Eine Antwort stehe noch aus, sagt eine Sprecherin in Bern.

Die erhoffte Antwort, die Unbekannt endlich einen Namen geben könnte, wird es nicht geben. Der Informantenschutz steht dagegen, aber es gibt noch ein weiteres Problem: Der Lieferant der Dateien hat zwar einen Vertrag unterzeichnet und dann das Geld kassiert, aber die Unterschrift ist nach der Einschätzung deutscher Behörden falsch. Die Ermittler halten in mehreren Dokumenten fest, dass sie nicht wissen, von wem sie die CD erworben haben – und das ist offenkundig keine Finte, um den Unbekannten zu schützen.

Insgesamt zehn Treffen

In den vergangenen Jahren hat es eine Reihe von Steueraffären gegeben, die durch Insider angestossen wurden. Einige von ihnen haben kräftig kassiert und sind doch am Ende nicht die Gewinner. Wann immer die Daten in der Welt waren, begann die Jagd auf den Überbringer. Selbst Whistleblower, die kein Geld genommen hatten wie der Schweizer Rudolf Elmer, wurden in ihrer Heimat geächtet. Nur der abgebrühte Lieferant der CD von Credit Suisse hat eine gute Chance, unsichtbar und anonym zu bleiben. Vielleicht freut er sich sogar wie Rumpelstilzchen darüber, dass niemand seinen Namen kennt, obwohl alle über seine Story sprechen. Die deutschen Behörden hatten in seinem Fall weder ein Landeskriminalamt noch den Bundesnachrichtendienst eingeschaltet, um seine Identität zu erfahren.

Keine Atmosphäre des Vertrauens

Insgesamt gab es zehn Treffen mit dem grossen Unbekannten. Er hat mal mit einem, mal mit zwei oder auch mal mit drei deutschen Steuerfahndern gesprochen.

Der Lieferant sei auffällig wortkarg, abwartend und geduldig gewesen, heisst es in einem «Vermerk über die Abläufe des Datenerwerbs von Credit Suisse» vom 8. März dieses Jahres. Der Verfasser ist ein Steuerfahnder, der sehr erfolgreich, aber ebenfalls ein Geheimniskrämer ist.

Im Gegensatz zu Kieber, mit dem dieser Steuerfahnder auch zusammengearbeitet hatte, habe es mit dem Anonymus nie eine «persönliche Vertrauensatmosphäre» gegeben. Die Treffen seien kurz gewesen; über andere Themen als die Daten habe der Unbekannte nicht reden wollen. Er habe die Fragen gestellt und präzise Antworten erwartet. Fragen an ihn habe er stets mit «Ja» oder «Nein» oder gar nicht beantwortet. Keinerlei Konversation. Stets sei er gelassen geblieben. Er habe sich auch ohne Murren vertrösten lassen, sei immer «cool» geblieben. Der Verfasser des Vermerks schrieb, er sei sich selbst nicht sicher, ob er den Unbekannten eigentlich sympathisch gefunden habe oder nicht.

Immer versteckt geparkt

Die Treffen fanden über einen Zeitraum von zwei Jahren an fünf Orten in Deutschland statt. Der Unbekannte war immer pünktlich, trug selbst in Räumen eine Sonnenbrille und setzte seine Mütze nie ab. Offenkundig reiste er zu den Treffen mit einem Fahrzeug an, das er versteckt parkte.

Natürlich haben sich die deutschen Fahnder gefragt, ob der Mann, den sie lediglich den «Informationsgeber» nennen, nur der Bote war, ob er die Daten selbst besorgt oder ob er mit anderen zusammengearbeitet hatte. Doch bis heute haben sie auf all diese Fragen keine befriedigende Antwort gefunden. Sie wissen nicht einmal, welchem Beruf der Unbekannte normalerweise nachgeht. Vielleicht ein Soldat, weil er auch in Stresssituationen sehr ruhig blieb, vielleicht ein Geheimdienstler, weil er die Mimikry perfekt beherrschte. Vermutlich aber ist er nur ein gewöhnlicher Banker.

Viele Treffer

Dass sein Material taugte, stellten die Ermittler früh fest. Sie liessen sich einen Stick mit 108 Probe- und Testfällen geben. Immerhin ging es um ein Anlagevolumen von knapp 81 Millionen Euro. Die meisten Fälle waren Treffer. Die Kunden hatten ihren Schatz dem Fiskus verschwiegen. Insgesamt hatten die von dem Unbekannten notierten Credit-Suisse-Kunden 1,215 Milliarden Euro bei der Bank angelegt.

Selbst das übergebene Material, notierte der Steuerfahnder in seinem Vermerk, sei «in geschickter Form» so aussagekräftig, allgemein und neutral gehalten, dass nicht einmal die Bank, wenn sie eines Tages die Unterlagen in die Hände bekäme, den Weg zurückverfolgen könnte.

«Jemand» habe gesammelt, aber «jeder» könne es gewesen sein, der über den Zugang zu den Daten und über die notwendige Intelligenz verfüge. Ein cleverer Hausmeister hätte es ebenso schaffen können wie ein Vorstandsmitglied. (Der Bund)

Erstellt: 17.07.2010, 22:43 Uhr

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