Der Patron, der seine Mitarbeiter «büsst»
Von Maurice Thiriet. Aktualisiert am 02.06.2009 86 Kommentare
Die Krise trifft das Transportwesen hart. Bis zu 45 Prozent betrugen im März die Auftragsrückgänge im Transportgewerbe bei einzelnen Firmen, heisst es beim Branchenverband Astag. Laut Statistik des Seco ist die Arbeitslosigkeit in der Branche von März bis April um 124 Prozent gestiegen.
In dieser Situation kämpft Hans-Peter Dreier, CEO des Transport- und Logistikdienstleisters Dreier AG im aargauischen Suhr gegen die Krise an. Dreier beschäftigt im In- und Ausland rund 200 Mitarbeiter, liefert im Nahrungsmittel- und Baustoffbereich und arbeitet unter anderen für die Post und die Migros.
Firmenintern will Hans-Peter Dreier die Effizienz mit einem Prämiensystem heben, das er seit vergangenem Jahr Schritt für Schritt einführt, zuletzt Anfang Jahr in seinem Lager in Hunzenschwil: Wer seine Arbeit gut macht, der soll monatlich im unteren dreistelligen Bereich dazuverdienen können, so die Idee. Für Chauffeure oder Lageristen mit Bruttolöhnen um 4000 Franken ist das ein grosser Zustupf. Eigentlich.
Doch die Prämie ist nur ein virtuelles Guthaben, das schnell verloren geht, hält man sich nicht an die Anweisungen der Vorgesetzten. Das Prämiensystem besteht hauptsächlich aus einer Prämienminderungstabelle mit zwölf Spalten.
«Reines Disziplinierungsinstrument»
So verkehrt sich Dreiers Prämiensystem in der Realität der Krise zu einem «reinen Instrument der Disziplinierung», wie es ein Insider ausdrückt. Die Zulage mindert sich etwa beim Tatbestand des Rauchens ausserhalb der Rauchpausen oder der Raucherecke um 10 Franken. Gleich viel kostet es, abends das Licht brennen zu lassen. Kurzabsenzen ohne Arztzeugnis kosten gar 20 Franken. Unter Punkt 6 werden «Gruppenvergehen» geahndet. Will heissen: Wenn irgendwo etwas kaputtgeht und keiner die Schuld auf sich nimmt oder keiner denunziert wird, dann wird allen Beteiligten die Prämie um 10 Franken gekürzt, eine eigentliche Kollektivstrafe also. Weitere Punkte auf der Minderungsliste umfassen «Ordnung und Sauberkeit» (10 Fr. Abzug), «Pünktlichkeit» (10 Fr.) «Umgang mit Mitarbeitern und Kunden» (10 Fr.) oder lapidar «Fehler» (20 Fr.).
Die Prämienkürzungen können von den Vorgesetzten nach eigenem Gutdünken und schwammigen Kriterien vorgenommen werden. Ob ein Angestellter beispielsweise «Arbeitsanweisungen» korrekt oder nach Ansicht des Anweisers lasch befolgt, entscheidet dieser selber. Am Ende des Monats werden die Prämienabzüge addiert – häufig bleibt nicht viel übrig.
«Eine Art Bussensystem»
Martin Farner, langjähriger Arbeitsrichter in Zürich und heute Anwalt, kritisiert Dreiers Prämiensystem. «Es handelt sich bei diesem Katalog um eine Art Bussensystem, weil die Tatbestände dazu verwendet werden, einen Lohn- oder Gehaltsanspruch zu mindern», sagt Farner. Insbesondere könne von Mitarbeitern nicht kollektiv Schadenersatz gefordert werden, sondern nur bei konkretem Verschuldensnachweis. Zwingend sei auch die Regelung des Krankenlohns. «Der Arbeitgeber kann zwar für jede auch noch so kurze Arbeitsverhinderung ein Arztzeugnis verlangen. Einen Abzug für ein Arztzeugnis, das nicht geliefert wurde, scheint mir aber unzulässig zu sein», sagt Farner.
Dreier weist Farners Vorwürfe von sich. «Die Prämie ist kein Lohnbestandteil, sondern eine freiwillige Belohnung derjenigen,
die ihre Arbeit recht machen. Die bemängelten Abzüge stehen in keinem Zusammenhang mit dem ordentlichen Lohn und sind auch keine Leistung im rechtlichen Sinne einer Gratifikation», sagt Dreier.
Überwachung der Chauffeure
Nach dem Motto «der Chef hats gegeben, der Chef nimmts wieder» zahlt Dreier die Prämie nicht mehr, wenn jemand abwesend ist. Egal ob krank, verunfallt oder im Militär. «Heikel», sagt Arbeitsrechtler Farner. «Logisch», sagt CEO Dreier: «Wer nicht arbeitet, kann auch nicht gut arbeiten und darum auch keine Prämie erhalten.»
Das Prämien- beziehungsweise Bussensystem dehnt Dreier nun auch auf die Fahrtenschreiber-Daten der Chauffeure aus, wie er in einem Mitarbeiterschreiben ankündigt. Dort sind die Kriterien für die Abzüge im Gegensatz zum Lager immerhin messbar. Die Touren, der Dieselverbrauch und den Fahrzeugverschleiss jedes einzelnen Chauffeurs zeichnet das System Fleetboard bereits jetzt minutiös auf.
«Schmollende oder Unmotivierte haben keinen Platz»
Dreier bestand im Gespräch mit dem «Tages-Anzeiger» darauf, dass die Mehrheit seiner Mitarbeiter zufrieden und das Arbeitsklima in seiner Firma ein angenehmes sei. Er höre selten Beschwerden. Kein Wunder: Er will auch keine hören, wie er in einem Mitarbeiterschreiben zu den Sparmassnahmen im Prämiensystem deutlich macht: «Nur wer dies versteht und mitträgt, sichert sich seinen Arbeitsplatz. Schmollende oder unmotivierte Leute haben gerade in solchen Zeiten keinen Platz und gefährden die Arbeitsplätze der Kollegen.» (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 02.06.2009, 11:12 Uhr
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86 Kommentare
guten abend...na genau dieser herr dreier feuert auch seine "eigenen leute". ein echtes familienunternehmen, indem man der eigenen familie die kündigung schreibt. jemandem, der jahre vor dem einstieg des patrons, ihm den weg ebnete...da kann ich echt nichts mehr dazu sagen. unterste schublade!!!nur weiter so.bekanntlich setzt die 3.generation (meistens) die firma in den sand. Antworten
Da kann ich meiner Schwester nur zustimmen! Es ist schade, das gewisse Menschen nicht mehr wissen was Familie beteudet. Man hätte sich sehr vieles ersparren können...tja Geld ist dem anschein nach wichtiger als Familie. Aber zum Glück kann ich sagen dass ich 100% hinter meinem Vater stehe. Es gibt auch noch anders funktionierende Dreiers. =) Antworten
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