Casting der Milliardenerben
Der französische Luxuskönig Bernard Arnault testet die Nachfolgequalitäten seiner Kinder: Delphine kontra Antoine. Es ist ein bisschen wie in einer TV-Show, samt dreiköpfiger Jury.
Man wähnt sich in einer dieser Castingshows. Nur dass diese hier die Wirklichkeit nicht nur vorspielt. Sie dreht sich um reale Milliarden und um globale Geschäftsmacht. In der Dynastie der Arnaults, Frankreichs zweitreichster Familie, Hauptaktionärin des weltweit führenden Luxusgüterkonzerns Louis Vuitton Moët Hennessy (LVMH), suchen sie nach einem geeigneten Kronprinzen oder nach einer Kronprinzessin für die Führung der Firma mit ihren 100'000 Mitarbeitern, 3000 Läden und 60 Marken: Kleider, Taschen, Uhren, Parfüme, Champagner, Liköre, Weine. Der Erschaffer des Imperiums, Bernard Arnault aus dem nordfranzösischen Roubaix, den man mal «Modekönig», mal «Luxustycoon» nennt, ist zwar erst 64 Jahre alt und noch auf allen Bühnen präsent. Doch er castet schon.
Die Nachfolge ist komplex, die Begehrlichkeiten sind gross und breit gefächert. Arnault hat fünf Kinder aus zwei Ehen. «Mindestens einer wird sich doch finden lassen, der übernehmen kann», sagte Arnault unlängst, «ich hoffe es wenigstens.» Er beruft, befördert, beobachtet. Und die Franzosen schauen zu, als müsste nach jeder Episode der Sieger bekannt gegeben werden. Die drei Söhne aus seiner zweiten Ehe mit der kanadischen Konzertpianistin Hélène Mercier sind für das operationelle Geschäft noch zu jung. Der älteste von ihnen, Alexandre, ist 23 und interessiert sich mehr für Musik als für Mode, er tritt als DJ Double A auf. So konzentriert sich die Suche auf die beiden Kinder aus Arnaults erster Ehe mit der reichen Erbin Anne Dewavrin, auf die 38-jährige Delphine und auf den 35-jährigen Antoine.
Die Belgien-Affäre
Beide haben sie Wirtschaft studiert. Beide arbeiten schon lange im Unternehmen, mit stetig wachsender Verantwortung. Beide sieht man regelmässig an den Modeschauen der vielen Konzernlabels: Dior, Givenchy, Kenzo, Berluti, Fendi und Donna Karan etwa. Beide haben Prominentenstatus. Und beide versuchen nach Kräften, den Eindruck zu vermeiden, sie seien schnöselige Reiche ohne Bodenhaftung. Die Franzosen sind allergisch gegen Reiche, ganz besonders gegen solche, die vor ihren Steuerpflichten flüchten.
Seit der Vater im letzten Jahr versucht hatte, die belgische Staatsbürgerschaft zu erwerben, um die Erbregelung dort billiger gestalten zu können, ist die Allergie gegen die Arnaults noch gewachsen. Man warf der Familie in diesen Krisenzeiten mangelnden Patriotismus vor. Viele Franzosen halten das Ansinnen auch deshalb für besonders verwerflich, weil Arnault sein Vermögen, laut «Forbes» etwa 29 Milliarden Dollar, ja vor allem mit dem guten Klang des «Made in France» gemacht habe. Die linke Zeitung «Libération» titelte damals auf ihrer Frontseite: «Hau doch ab, reicher Trottel!» Es war eine Variation eines berühmten Satzes von Nicolas Sarkozy, der einmal vor laufenden Kameras einem schimpfenden Bauern zurief: «Hau ab, armer Trottel!» Die Zeitung zeigte dazu ein Bild von Bernard Arnault, lächelnd, von unten aufgenommen. Den Passantrag zog der Unternehmer dann wieder zurück.
Die Perfektionistin
Seiner Tochter, neuerdings Vizechefin von Louis Vuitton, gelingt die bescheidene Pose am besten. Delphine ist reservierter als ihr extrovertierter Bruder Antoine. Sie gilt als harte Arbeiterin, als Perfektionistin. Nach dem Studium an der Eliteuniversität London School of Economics arbeitete sie zunächst für den Unternehmensberater McKinsey. Mit 28 holte sie der Vater aber bereits in den Verwaltungsrat des Konzerns, als erste Frau. Ihr Meisterstück legte sie bei Christian Dior ab, dem Modehaus, mit dessen Kauf 1984 alles begonnen hatte. In den vergangenen fünf Jahren konnte Delphine Arnault die Verkäufe des Labels um 67 Prozent steigern, auf 1,3 Milliarden Euro.
Die Leistung wird umso mehr gefeiert, als es der Tochter gelang, das Label unbeschadet durch seine bislang schwierigste Phase zu schiffen: Als dessen langjähriger Stardesigner John Galliano 2011 wegen öffentlicher antisemitischer Schimpftiraden in Volltrunkenheit Schlagzeilen machte, fürchtete man um das Image der Marke. Die Chefin feuerte Galliano, installierte als Ersatz den vergleichsweise unbekannten belgischen Couturier Raf Simons, und der erwies sich als Glücksgriff. Delphine Arnault verdiente sich mit dem Coup den Ruf, eine gute Menschenkennerin zu sein.
Die eigentliche Gefahr
In ihrem Privatleben war alles etwas komplizierter, wurde aber ebenfalls öffentlich verhandelt. 2005 heiratete die gross gewachsene Delphine mit viel Pomp und natürlich in einem Kleid von Dior einen Italiener, den Sprössling eines grossen Winzergeschlechts. Nicolas Sarkozy, ein enger Freund ihres Vaters, und Bernadette Chirac, die damalige Première Dame, gehörten zur hochpolitischen und rigoros rechtsbürgerlichen Festgesellschaft. Das Magazin «Paris Match» zeigte die frischen Eheleute danach auf seinem Cover, als wäre dem Land da ein neues königliches Traumpaar erwachsen.
Nach wenigen Jahren trennte man sich wieder. Seither meidet Delphine Arnault die grosse Öffentlichkeit, als wollte sie sich schützen. Vor einem Jahr wurde sie Mutter. Man erfuhr aber nur den Namen des Kindes, jener des Vaters bleibt ein Rätsel. Nun hat sie ihr Vater zur Nummer zwei von Louis Vuitton gemacht, von jener Marke also, die noch immer fast die Hälfte des Konzerngewinns einspielt. Zuletzt schwächelte man in China, einem der wichtigsten Märkte, die Produkte waren dort in so grosser Stückzahl gehandelt worden, dass sie schon fast banal sind – die eigentliche Gefahr in diesem Business. Nun, nach dem Abgang von Marc Jacobs, der die Marke 16 Jahre lang geprägt hatte, sucht Delphine einen neuen Chefdesigner. Wieder ist ihr Händchen für geschickte Personalentscheide gefragt. Macht sie das schon zur Favoritin für den Topjob?
Der Pokerspieler
Es gibt Leute, die ihren jüngeren Bruder für geeigneter halten, für das bessere und glamourösere Gesicht von LVMH. Antoine Arnault leitet seit einigen Jahren die Traditionsmarke Berluti, einen exklusiven Schuhmacher, den sein Vater 1993 im Rahmen seiner berüchtigt aggressiven Expansionspolitik dazugekauft hatte. Der Sohn baut das Unternehmen nun mit viel Geld für Marketing, Design und neue Boutiquen in ein noch exklusiveres Haus für Männermode um, das dann mit Brioni und Zegna konkurrieren soll. Superluxus nennen sie das in der Branche. Noch ist die Marke kein finanzieller Erfolg. Der Patriarch erwartet von seinem Sohn, dass der mit Berluti bald «einige Hundert Millionen» Umsatz macht. Im Moment sind es nur 90 Millionen. Befristet hat er die Zielvorgabe aber nicht.
Antoine kommt aus der Kommunikation. Er war erst 24 und Studienabgänger, als er in den Familienbetrieb einstieg. Bald machte ihn der Vater zum Kommunikationschef von Louis Vuitton, wo Antoine mit seiner Werbekampagne «Core Values» weltweit Aufsehen erregen sollte: Michail Gorbatschow, Catherine Deneuve und Muhammad Ali warben für die berühmten Koffer mit den ineinander verschränkten Buchstaben LV. Es war, als gehörte Louis Vuitton so sehr zur Weltgeschichte wie die berühmten Werbeträger.
Mit seinem Vater teilt Antoine eine ausgeprägte Leidenschaft für moderne Kunst, zuweilen organisiert er Ausstellungen. Etwas kurios wirkt seine zweite grosse Passion, die er offenbar zur wahren Meisterschaft ausgebaut hat: Antoine Arnault ist ein international anerkannter Pokerspieler, sein Palmarès umfasst einige gewonnene Wettbewerbe mit einer Preissumme von insgesamt 600'000 Dollar. Er reist dafür auch regelmässig nach Las Vegas. Die Hälfte der Gewinne, und dieser Hinweis ist ihm besonders wichtig, stiftet er einer wohltätigen Organisation für kranke Kinder. So richtig ins Rampenlicht beförderte ihn aber seine nun schon länger andauernde Liaison mit dem russischen Topmodel Natalia Vodianova, die zwar einige Jahre jünger ist als er, aus einer früheren Liebschaft aber schon drei Kinder hat. Er hat sie an einem Modedefilee kennen gelernt, was für einen Modeprinzen allerdings nicht sonderlich aussergewöhnlich ist.
Der Pakt
Delphine oder Antoine? Wer macht sich besser? Der Vater hat einen dreiköpfigen Weisenrat eingesetzt, gewissermassen eine Jury. Sie soll den Entscheid dereinst letztinstanzlich mittragen. Präsidiert wird sie von Thierry Breton, einem früheren Wirtschaftsminister der Republik und Freund der Familie.
Streiten wollen die Erben nie. Das haben sich die Geschwister offenbar in einem Pakt geschworen, schriftlich, vor vielen Jahren schon. Wen der Vater auch auswählen wird, wen er zum Chef macht, zum neuen Trendsetter des Schönen und Teuren, zum Oberaufseher des Lifestyles der Reichen dieser Welt: Man will sich immer verstehen, zusammenbleiben. «Es kommt viel zu oft vor», sagt Antoine dazu, «dass Familien wegen Erbquerelen auseinanderbrechen.» Er hat aber auch schon einmal gesagt, er könne sich durchaus vorstellen, den Familienbetrieb zu führen, «irgendwann einmal». Delphine schweigt. Das Casting dauert wohl noch eine Weile. (Tages-Anzeiger)
(Erstellt: 05.10.2013, 11:52 Uhr)
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