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Börse: Der Krieg der Computer um Tempo und Milliarden

Von Markus Diem Meier. Aktualisiert am 27.07.2009

Durch superschnelle Handelsstrategien ergründen Hochfrequenztrader die Absichten anderer Börsenteilnehmer – und profitieren auf deren Kosten. In den USA sind die umstrittenen Geschäfte bereits ein Politikum.

Menschen sind für den Börsenhandel viel zu langsam. Sieger im Börsenkrieg sind jene mit dem schnellsten Computer.

Menschen sind für den Börsenhandel viel zu langsam. Sieger im Börsenkrieg sind jene mit dem schnellsten Computer.

Hochfrequenztrader mischen immer mehr die Aktienmärkte auf. In den USA ist das jetzt sogar ein Politikum: Dort fordert der drittmächtigste Senator der regierenden Demokraten, Charles Schumer, bereits die Börsenaufsicht SEC zum Eingreifen auf. Ebenfalls ins Gerede gekommen ist die neue Art, Aktienhandel zu betreiben, durch einen vermuteten Diebstahl des einstigen Goldman-Sachs-Händlers Sergey Aleynikov bei seinem vormaligen Arbeitgeber. Dieser wird beschuldigt, bei Goldman ein Programm samt zugehöriger Hardware gestohlen zu haben, das ein Hochfrequenztrading möglich macht. In der Finanzgemeinde wurde bereits über den Vorteil spekuliert, den Aleynikovs Material einer anderen Bank bringen könnte und den Schaden, der Goldman aus dem Diebstahl erwächst.

Hochfrequenz gegen «Algos»

Tatsächlich geht es beim Hochfrequenztrading um einen Kampf von superschnellen Handelscomputern gegen andere Computer, die aber langsamer sind. Dabei dreht es sich allerdings bei beiden um Zeitfenster von Sekundenbruchteilen. Die superschnellen Computer der Hochfrequenz-Trader versuchen die meist um Sekundenbruchteile langsameren, durch Algorithmen getriebene Computer anderer Händler, «Algos» genannt, auszutricksen. Algos folgen programmierten Regeln, nach denen Käufe und Verkäufe von Aktien oder anderer Anlagen ausgeführt werden. Durch ihre Geschwindigkeit können die Hochfrequenz-Trader diese Regeln herausfinden und sie zu ihren Gunsten nutzen.

Ist zum Beispiel ein algorithmusgetriebener Handelscomputer so programmiert, dass er UBS-Aktien vom aktuellen Preis von 14,9 bis 14,93 Franken kaufen würde, kann das ein Hochfrequenz-System herausfinden. Es macht dazu innerhalb kleinster Sekundenbruchteile kleine Angebote, etwa ab 14,95 abwärts und zieht sie ebenso schnell wieder zurück, wenn der «Algo» nicht reagiert. Sobald er kauft, kennt der Hochfrequenz-Tradingcomputer dessen obere Kaufgrenze. Darauf kauft der Hochfrequenztrader – noch immer innerhalb von Sekundenbruchteilen grössere Mengen an UBS-Aktien zum aktuellen Preis von 14,9 Franken und verkauft sie dem algorithmusgetriebenen Computerhändler zu 14,93. Der Gewinn aus dieser Strategie lässt sich trotz der kleinen Spanne mit den gehandelten Volumen vergrössern. Die beschriebene Strategie wird «Automated Market Making» genannt. Allen Strategien der High Frequency Trader ist gemeinsam, dass sie sich durch ihre Geschwindigkeit Informationen auf Kosten der langsameren beschaffen.

An der Schweizer Börse bisher unbekannt

An der Schweizer Börse sind solche Strategien bisher nicht bekannt. Immerhin besteht dafür ein Potenzial, da auch hierzulande viele grosse Marktteilnehmer mit «Algos» arbeiten, das heisst, ihr Aktienhandel beruht ebenfalls auf Algorithmen in Computerprogrammen. Wie Börsensprecher Werner Vogt sagt, existieren keine Statistiken.

Welches Ausmass der Hochfrequenzhandel in den USA einnimmt, ist ebenfalls umstritten. Die meisten Quellen gehen von einem Anteil am Tagesgeschehen von über 50 Prozent aus. Dabei sind es bisher erst relativ unbekannte Unternehmen, die sich hier engagieren. Immerhin geht zu Goldman Sachs das Gerücht, die einstige Investmentbank verdanke dieser Art von Handel die überraschend hohen Gewinne zum zweiten Quartal. Goldman selbst hat erklärt, die Bank betreibe keine unfairen Marktpraktiken.

Cracks der Finanzszene, wie Rick Bookstaber, unter anderem Autor des kritischen Bestsellers zur Finanzbranche «A Demon of our own Design», sprechen von einem «Wettrüsten», das mit immer schnelleren Systemen an den Börsen ausgefochten werde.

Doch letztlich werde keiner der Beteiligten wirklich gewinnen können. Die Beteiligten am Wettkampf versuchten zwar ständig mit Milliardeninvestitionen in Hard- und Software schneller als die anderen zu sein, doch die anderen würden ständig wieder aufholen, womit der Vorteil verschwinde. Schliesslich seien letztlich die physikalischen Möglichkeiten der Verbesserungen beschränkt.

Selbst den vermuteten Diebstahl von Serge Aleynikov bei Goldman Sachs hält Bookstaber daher für relativ unbedeutend. Für ihn zeigt die Debatte um diesen bloss, wie wenig darüber bekannt ist, wie Goldman tatsächlich zu seinem beeindruckenden Gewinn gekommen ist. (Bernerzeitung.ch/Newsnet)

Erstellt: 27.07.2009, 15:07 Uhr

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