Banken sind «too big to manage»
Von Robert Mayer. Aktualisiert am 21.07.2012 46 Kommentare
Dossiers
Artikel zum Thema
- Notenbanker sinnieren über Libor-Alternative
- Kanadas Notenbankchef bringt Libor-Abschaffung ins Spiel
- Auch der Ölpreis könnte manipuliert sein
- Wird der Libor bald abgelöst?
- Libor-Skandal: US-Hypothekarriese verklagt UBS und CS
- UBS erwartet Milliardenbussen
Banken suchen Vergleich
Mehrere Banken wollen den Skandal um Zinsmanipulationen Finanzkreisen zufolge mit einem gemeinsamen Vergleich hinter sich bringen. Einige der ins Visier der Ermittler geratenen Institute führten darüber seit einigen Wochen Gespräche, sagten mehrere mit den Plänen vertraute Banker. Sie wollten damit vermeiden, ähnlich wie die britische Grossbank Barclays isoliert bestraft und an den Pranger gestellt zu werden. Noch gebe es aber keine abschliessende Übereinkunft unter den Geldhäusern. Zudem sei unklar, ob sich die weltweit tätigen Ermittler darauf einlassen würden. Welche Banken an den Gesprächen beteiligt sind, blieb offen. Ermittelt wird gegen mehr als ein Dutzend Häuser, darunter die Deutsche Bank, die Schweizer UBS, Citigroup und J.??P. Morgan.
Die EU-Wettbewerbsbehörde soll mehrere Banken dazu aufgefordert haben, ihr Informationen über das Handelsverhalten ihrer Wettbewerber im Fall der Manipulationen des Euribor (das Pendant zum Libor in Euro) weiterzuleiten. Dies sagten drei mit der Angelegenheit vertraute Personen. Die Anfrage sei Teil eines Gesuchs der EU-Kommission an die Banken im April. Bereits im letzten Oktober hatte sich die EU-Kommission mehrere Banken wegen des Verdachts eines Marktkartells vorgeknöpft. (Reuters)
Teilen und kommentieren
Stichworte
SwissquoteExklusiver Trading-Partner
Korrektur-Hinweis
Melden Sie uns sachliche oder formale Fehler.
Der in der britischen Grossbank Barclays aufgedeckte Skandal jahrelanger Manipulationen des Libor, des wichtigsten Referenzwerts im globalen Finanzkreislauf, wirft die Frage mit neuerlicher Vehemenz auf: Fehlte es am Willen und der Kompetenz des Managements, durchgreifende interne Kontrollsysteme einzurichten, oder sind solche international operierenden Universalbanken ob ihrer Grösse und Komplexität schlicht nicht mehr zu führen?
Tatsache ist: Eine überschaubare Zahl von Bankern hatte ein institutsübergreifendes Netzwerk etabliert, um über Absprachen die London Interbank Offered Rate (Libor) zu beeinflussen. Und in den betreffenden Banken blieb das illegale kartellistische Treiben unentdeckt, oder – was wohl eher zutrifft – niemand schien daran Anstoss genommen zu haben.
Anfänglich waren die Manipulatoren in den Handelsabteilungen darauf aus, Zusatzgewinne auf ihren Positionen mit zinsabhängigen Derivaten zu erzielen. Nach Ausbruch der Finanzkrise im Sommer 2007 überwog eine andere, übergeordnete Motivation, welche die Libor-Affäre «verkompliziert»: Die Banken wollten die hypernervösen Märkte beruhigen, indem sie ihnen signalisierten, dass sie sich weiterhin relativ günstig refinanzieren konnten. Also machten die in die Libor-Fixierung einbezogenen Institute zu tiefe Angaben über die eigenen Zinssätze, die sie für kurzfristige Kredite am Interbankenmarkt bezahlen mussten. Das fiel den Akteuren umso leichter, als der Interbankenmarkt im Verlauf von 2008 austrocknete. Der Libor spiegelte die Marktrealitäten somit nicht mehr wider, er verkam zur fiktiven Grösse.
In der Not ein Auge zudrücken
Wie man inzwischen weiss, war das damals nicht nur den involvierten Banken klar, sondern auch vielen institutionellen Investoren. Und die Finanzaufseher? Waren sie tatsächlich so ahnungslos, wie sie sich jetzt vor allem in Grossbritannien darstellen? Wohl kaum. Vielmehr bestand 2008, als die Finanzkrise ihrem Höhepunkt zustrebte, so etwas wie eine Interessenkongruenz von Banken und Bankkontrolleuren. Vermochten Erstere mit etwas Schummeln die eigene Finanzierungslage zu beschönigen und damit eine Panik zu verhindern, konnte dies Letzteren nur recht sein: Es gab ja schon so mehr als genug Banken, die vom Staat gerettet werden mussten.
Der Verdacht liegt also nahe, dass die Finanzwächter – allen voran die britischen, vor deren Haustür die Libor-Manipulationen stattfanden – zumindest ein Auge zudrückten, weil es um Finanzinstitute ging, die «too big to fail» waren. Die bitteren Erfahrungen aus der Finanzkrise, die Staaten zu Geiseln der Grossbanken machte, haben immerhin den Anstoss zum neuen Regelwerk Basel III gegeben, das die qualitativen und quantitativen Kapitalanforderungen an Geldhäuser bis 2019 schrittweise verschärft.
Die Bankenlobby blieb dennoch nicht erfolglos: Ihr ist es gelungen, jene Stimmen zu übertönen, die ein Trennbankensystem forderten. Dieses sieht eine Ausgliederung des Einlagen- und Kreditgeschäfts einerseits und des Wertpapiergeschäfts (Investmentbanking) anderseits in rechtlich voneinander unabhängigen Banken vor, so wie es in den USA bis Ende der 90er-Jahre der Fall war.
Grossbanken als Gefahrenherd
Die Libor-Affäre giesst zweifellos Wasser auf die Mühlen der Trennbanken-Befürworter. Die Briten haben bereits eine Debatte über das Thema angestossen. Dass mit Barclays ein britisches Finanzhaus im Mittelpunkt des Manipulationsskandals steht – deren Investmentbanker ohnehin als besonders aggressiv gelten –, erklärt dies nur zum Teil. Wichtiger ist wohl, dass die britische Bankenregulierung in Richtung eines Trennbankensystems gehen will – aber eben nicht bis zum Ende.
Das heisst: Das Geschäft mit Kleinkunden und KMU (Retail Banking) soll in einer «abgesonderten» Einheit zusammengefasst werden, ohne Querverbindungen und -finanzierungen mit anderen Bankaktivitäten. Damit soll der Fortbestand der gesamtwirtschaftlich wichtigen Bankfunktionen (Zahlungsverkehr, Spareinlagen, Kreditvergabe) sichergestellt werden, wenn eine Grossbank ins Taumeln gerät – ohne dass der Staat den Gesamtkonzern mit Steuergeldern auffangen muss. Warum dann nicht gleich die vollständige Trennung? Bislang überwiegt die Ansicht, dass Universalbanken den Vorteil des Risikoausgleichs hätten. Schlummern doch auch im Retail Banking beträchtliche Risiken – Stichwort Hypotheken –, die allenfalls durch Gewinne in anderen Konzernteilen abgefedert werden können.
Die Libor-Manipulationen, im Verein mit weiteren Londoner Skandalen wie den Milliardenverlusten einzelner Händler bei der UBS (UBSN 17.32 -3.78%) und jüngst bei J. P. Morgan, könnten den Anstoss zum Umdenken geben – hoffentlich nicht nur bei den Briten. Die Vorkommnisse haben eines gemein: Sie legen das Versagen der bankinternen Überwachungen offen, was in dieser gehäuften Form auf ein systemisches Problem hinweist. Die Grossbanken sind «too big to manage», wie ein US-Senator diese Woche sagte. Zum Gefahrenherd werden sie besonders dann, wenn sich die primär profit- und bonusgetriebene Kultur der Investmentbanker im Konzern durchsetzt – und dies gilt für alle grossen Player im In- und Ausland. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 21.07.2012, 15:31 Uhr
Kommentar schreiben
Verbleibende Anzahl Zeichen:
46 Kommentare
Wer glaubt, die Großbanken hätten bloß ein Problem der Größe, täuscht sich selbst. Das Bankstertum stinkt am stärksten am Kopfe. Wer nicht gegen Ethik und Moral immun ist, steigt nicht dort auf. Nur kraftvolles staatliches Enteignen und Entmachten der Bankster sowie Zerschlagen aller Großbanken wäre angemessen. Bei den heutigen von den Bankstern abhängigen Scheinregierungen sehr unwahrscheinlich. Antworten
Wirtschaft
Flugpreise vergleichen
Vergleichen Sie die Flugpreise von verschiedenen Reiseanbietern und finden Sie das beste Angebot.
Abopreise vergleichen
Der Handy-Abovergleich mit Ihrem gewünschten Mobiltelefon und Prepaid-Angeboten.


Bitte warten























